Sehr viele Menschen gedachten der Reichspogromnacht (von links): Tim Dippong vom Jugendgemeinderat, Pastoralreferent Günther Berberich vom Gemeindeteam St. Bruder Klaus, Pfarrerin Lisa Bender und Oberbürgermeister Jürgen Roth. Foto: Hella Schimkat

Zahlreiche Menschen gedachten am 9. November der Menschen, die in der Reichspogromnacht von den Nazis in Angst und Schrecken versetzt wurden. Dieser Schicksalstag fordere zum Kampf gegen Antisemitismus auf, betonte der Oberbürgermeister.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, der Reichspogromnacht, wurden Juden im Deutschen Reich durch vom nationalsozialistischen Regime organisierten und gelenkten Gewaltmaßnahmen terrorisiert, gedemütigt und in Angst und Schrecken versetzt – auch in Villingen und Schwenningen.

 

Synagogen wurden angezündet und diese so genannte Reichspogromnacht war das offizielle Signal zum größten Völkermord in Europa. Am Donnerstag, dem 85. Jahrestag des Nazi-Terrors, gedachten sehr viele Bürgerinnen und Bürger an der Gedenkstätte in der Gerberstraße der jüdischen Familien in Villingen und in ganz Deutschland.

„So viele Menschen habe ich hier noch nie gesehen, das liegt wohl auch an den besonderen Zeiten, die wir jetzt haben“, erklärte Oberbürgermeister Jürgen Roth gegenüber unserer Redaktion. Neben Roth nahmen Nicola Schurr, Omas gegen rechts, Gunter Berberich, Pastoralreferent der katholischen Seelsorgeeinheit Villingen, die evangelische Pfarrerin Lisa Bender, Pfarrer Dominik Feigenbutz aus Brigachtal und Tim Dippon als Vertreter des Jugendgemeinderats, neben sehr vielen Menschen aus der Stadt und der Umgebung teil.

Gewalt als Normalität

„Wir stehen hier, weil wir erinnern wollen, an diese plötzliche Gewalt, die so bald zur Normalität werden sollte“, gedachte Gunter Berberich der Gräueltaten am 9. November. „Es kamen Schritte, sie sagten, die Zeit gehört uns, sie kannten keine Gnade“, fuhr er fort.

„Was damals geschah, das hatte eine lange Vorgeschichte, es hatte sich angebahnt, dass für viele das Leben mancher Menschen nicht mehr würdig sein sollte“, erinnerte Lisa Bender in ihren Worten. „Sie lebten hier in der Stadt, sie waren unter anderem Mitglieder der Narrozunft, sie hatten Geschäfte, und plötzlich sollten sie nicht mehr dazu gehören, so wie die jüdische Familie im Haus Nummer 33 in der Gerberstraße“, so Lisa Bender.

Nach und nach wurden sie ausgegrenzt, sie durften nicht mehr ins Schwimmbad, das Haus Nummer 33 wurde gestürmt, das, was Juden heilig ist, wurde aus dem Fenster geworfen, die Frauen mussten auf der Straße um ein Feuer tanzen und wurden verhöhnt“, so die Pfarrerin. „Während wir hier stehen, weinen in Israel Familien, die Bilder zeigen Morde und Gräueltaten und Menschen, die dieses Leid feierten“, sprach Jürgen Roth.

Brutale Vernichtung

„Wir brauchen die Erinnerung des 9. November, der uns immer zum Kampf gegen den Antisemitismus auffordern soll“, fuhr er fort. Jeder einzelne der 69 Stolpersteine in Villingen erinnere an diese Menschen, an ihre brutale Entrechtung und Vernichtung, „dieser Tag soll immer der Tag sein, an dem wir uns an diesen Schicksalstag erinnern“, schloss Roth.

Nachdem die Namen aller jüdischen Familien, die damals überfallen wurden, vorgelesen wurden und nach einer Gedenkminute standen noch viele Menschen nachdenklich zusammen. Die Polizei war stark vertreten, die Gerberstraße war gesperrt, es gab keine Störungen der Gedenkstunde.