Gleich mehrfach entkam Avigdor Neumann in der unvorstellbaren Hölle des Holocaust dem Tod. Zum Gedenktag berichtete der 92-Jährige in Maisenbach von den Gaskammer, der Befreiung und seinem Leben. Das Hilfswerk Zedakah hatte eingeladen – auch, um dem 7. Oktober 2023 zu gedenken.
„Mengele“ – diesen Namen erwähnte der Auschwitz-Überlebende Avigdor Neumann immer wieder in seinem Bericht.
Der Daumen des berüchtigten KZ-Arztes Josef Mengele entschied zigtausendfach über Leben und Tod: Direkt in die Gaskammern ging es im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau für Frauen und Kinder. Kräftige Männer wurden für die Zwangsarbeit gebraucht, zumindest bis zur nächsten Selektion.
Etwa 170 Besucher hatten sich im iP-Zentrum des Hilfswerks Zedakah in Maisenbach versammelt, um Avigdor Neumann zuzuhören. Er war aus seinem Wohnzimmer in Israel zugeschaltet.
Am Holocaustgedenktag, dem 27. Januar, ist es Zedakah wichtig, an die Geschehnisse vor mehr als 79 Jahren zu erinnern.
Auschwitz Neumann war zwölf Jahre alt, als er von seiner Heimat in der heutigen Ukraine deportiert wurde. Zu Mengele sagte er, er sei 15 – und entkam zusammen mit seinem Vater zum ersten Mal dem Tod.
Später empfing er zweimal von „Mengele“ das Todesurteil, der Daumen zeigte nach links – zur Gaskammer. Beim ersten Mal wurden in letzter Sekunde doch noch ein paar junge Männer „begnadigt“, niemand wusste warum. „Es war ein Wunder“, sagte Neumann. Er gehörte dazu.
Schreckliche Arbeit, die die SS nicht selbst tun wollte
Beim nächsten Mal war die Vernichtungsmaschinerie von Männern des Sonderkommandos sabotiert worden und Avigdor Neumann entging wieder dem Tod.
Sonderkommandos – das waren jüdische Männer, die dazu ausgewählt waren, die Toten aus den Gaskammern in den Krematorien zu verbrennen. Diese schreckliche Arbeit wollten die SS-Leute nicht selbst tun. Regelmäßig wurden die Sonderkommandos ausgetauscht.
Um keine Zeugen zu hinterlassen, wurden sie ermordet, nur sehr wenige dieser Häftlinge überlebten den Holocaust.
Avigdor Neumann überstand auch den sogenannten „Todesmarsch“, endlose Evakuierungsmärsche in den letzten Tagen des Krieges, durch Nacht und Eiseskälte. Auch nach der Befreiung kamen noch Menschen um: Die ausgemergelten Körper verkrafteten zu schnelles Essen nicht.
Israel Der Weg in seine heutige Heimat – ins Land Israel – war mühsam und auch unterwegs starben noch Juden. Im 1948 gegründeten Staat Israel musste Neumann dann als Soldat in mehreren Kriegen kämpfen. Heute hat der 92-Jährige Kinder, Enkel – und 41 Urenkel.
Massaker der Hamas an 1200 Israelis
„Nie wieder ist jetzt“ – so war der Abend überschrieben, zu dem Zedakah eingeladen hatte. Denn auch der 7. Oktober 2023 spielte eine wesentliche Rolle beim Gedenken.
Zwar könne das Massaker der Hamas an 1200 Israelis nicht direkt mit dem Holocaust verglichen werden, so Neumann, doch die Ermordung so vieler Menschen wie an keinem anderen Tag seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges hat Israel und die Juden in aller Welt erschüttert. Und doch sei das jüdische Volk heute im Gegensatz zu damals nicht wehrlos.
Kriegseinsatz Frank Clesle, Geschäftsführer von Zedakah, interviewte zu den Geschehnissen am 7. Oktober Jair Bayer. In Israel aufgewachsen, hat er als Deutscher dort freiwillig Wehrdienst geleistet. Inzwischen lebt er in Deutschland, hat sich aber kurz nach Beginn des Militäreinsatzes, der als Reaktion auf den Angriff der Hamas folgte, dazu entschieden, ins Kriegsgebiet zu reisen und seinen Reservedienst anzutreten.
Als Funkingenieur war er in und um den Gazastreifen im Einsatz und musste mitunter um sein Leben fürchten. Sein Cousin Urija Bayer, ebenfalls Deutscher, starb infolge von Kampfhandlungen.
Hinterhältige Sprengfallen
Der Kriegseinsatz sei äußerst schwierig, weil die Kämpfer der Hamas Frauen und Kinder als Schutzschilde benutzten und zivile Opfer auf der eigenen Seite in Kauf nehmen würden. Das israelische Militär versuche unter anderem durch Fluchtkorridore, unschuldige Opfer zu vermeiden. Beim Häuserkampf hätten es die Einheiten immer wieder mit hinterhältigen Sprengfallen zu tun.
Ihm persönlich sei es als Christ wichtig gewesen, dem jüdischen Volk in dieser Notlage beizustehen, und er habe deshalb diese sehr schwierige Entscheidung getroffen – als Ehemann und Vater.
Verpflichtet Die Befreiung der Geiseln hat oberste Priorität und eine Friedenslösung mit der Hamas ist fast unvorstellbar. An diesem Abend wurde deutlich: Auch wenn die öffentliche Meinung sich gegen Israel dreht und das Land vor dem Internationalen Gerichtshof des Völkermords angeprangert wird – das Land fühlt sich mit seinem Militär dazu verpflichtet, das während des Holocaust so wehrlose Volk gegen erneuten mörderischen Judenhass zu schützen.
Man kann die Erinnerung nicht auslöschen
In einem Clip, der auf den Sozialen Medien die Runde macht, ist in diesen Tagen Avigdor Neumann mit drei der im November befreiten Geiseln zu sehen – drei Kindern. Er sagt: Man kann die Tatsachen verleugnen und verdrehen, aber man kann die Erinnerung nicht auslöschen. Dabei zeigt er auf die Nummer, die in Auschwitz auf seinen Arm tätowiert wurde: B14665.
Gedenken In Grußworten betonten der Bundestagsabgeordnete Klaus Mack (CDU) und der stellvertretende Bürgermeister der Stadt Bad Liebenzell, Sebastian Kopp, dass es wichtig sei, aus der Vergangenheit zu lernen.
In einer Gedenkzeremonie wurden Kerzen angezündet und ein Psalm gesprochen, parallel in Maisenbach und im Wohnzimmer von Avigdor Neumann – für die Opfer des Holocaust und des 7. Oktober, für Urija Bayer und als Hoffnung für die verbliebenen Geiseln der Hamas, die seit fast vier Monaten in Gefangenschaft sind.