Hätten die Römer schon vor über 2000 Jahren Hechingen regiert, und wäre hier das Jesuskind geboren worden, dann hätten Maria und Josef ihren Sohn wohl mit römischen Amtsstempel hier im Volkszählungsbüro anmelden müssen. Heute befindet sich dort das Einwohnermeldeamt im Hechinger Rathaus. Foto: Stopper

Christus kam in Betlehem zur Welt, weil sich Maria und Josef verwaltungstechnisch registrieren lassen mussten. Im Hechinger Standesamt wartet man in diesem Jahr noch auf das erste Hechinger Baby. Eine Nullrunde wäre statistisch eine Ausnahme.

Am Anfang stand der Verwaltungsakt – nachzulesen ist das im Lukas-Evangelium. Genauer gesagt steht dort, dass zur Römerzeit der Statthalter Quirinius eine Volkszählung angeordnet hat, und ohne die hätte es keine Geburt in Bethlehem gegeben. Dann wäre die Weihnachtsgeschichte anders abgelaufen.

 

Zu einer Volkszählungsregistrierung mussten in Galiläa damals alle – gemeint waren wohl nur Männer – an ihren Geburtsort reisen. Josef will nach Nazareth, wird mit seiner hochschwangeren Ehefrau Maria aber bekanntlich aufgehalten. Denn als die beiden in Bethlehem über Nacht Rast machen, setzen die Wehen ein, in einem Stall kommt ein Kind zur Welt, das Christen heute als ihren Erlöser feiern.

Eltern müssen Hausgeburt wollen

Für Bethlehem war eine Geburt damals sicher nichts besonderes. In Hechingen ist das heute anders. Denn 2011 hat hier die Klinik samt Entbindungsstation geschlossen. Seither müssen Eltern entweder eine Hausgeburt wollen, oder das Baby drängt so sturzartig ins Freie, dass es die Mama nicht mehr nach Balingen oder Tübingen schafft.

Dass in Hechingen ein Kind geboren wird, das geschehe pro Jahr im Durchschnitt etwa „zwei bis vier Mal“, so der städtische Pressesprecher Thomas Jauch. 2023 herrscht auf dem Gebiet allerdings Flaute. Da kam noch kein einziges original Hechinger Baby zur Welt. Aber ein paar Tage Zeit sind ja noch.

Käme hier ein Baby am 24. Dezember zur Welt, hätte das in religiöser Hinsicht ziemlich sicher nicht die Folgen der Entbindung vor etwa 2000 Jahren. Verwaltungsmäßig aber liefe alles ähnlich ab. Vorstellen kann man sich jedenfalls, dass auch der kleine Jesus in Bethlehem von der Römerbürokratie vermerkt wurde. Von seinem Vater – zumindest aus Verwaltungsperspektive war das Josef – war ja auch bekannt, dass er in Nazareth geboren wurde. Das muss ja irgendwo aktenmäßig festgehalten worden sein.

Heutzutage werden Babys jedenfalls immer in ihrer Geburtsstadt registriert, selbst wenn sie hier nur auf der Durchfahrt zur Welt gekommen wären. Und dieser Eintrag in Hechingen kriegt ein Mensch sein Leben nicht mehr los. Die Akte bleibt hier. Auf Lebenszeit. Und länger. Da kann man noch so weit wegziehen.

Standesamt hat auch ohne Baby genügend Arbeit mit Hochzeiten und Todesfällen

Fragt man sich natürlich, ob die im Hechinger Standesamt unterbeschäftigt sind, wenn noch nicht mal ein einziges Kind dieses Jahr zu registrieren war? „Nein, sicher nicht“, versichert Thomas Jauch. Das Standesamt hat viele Aufgaben. Hier werden auch Hochzeiten verbucht, dazu die Todesfälle. Und die haben durch die vielen Pflegeheime hier stark zugenommen im Vergleich zu früher, obwohl damals die Hechinger Klinik die Sterbestatistik mit zahlreichen Todesfällen erhöhte. In Kliniken ist das unvermeidlich, hier wird halt auch gestorben, egal wie gut die Behandlungsqualität ist.

Auf jeden Fall ist klar: In Hechingen wird viel mehr gestorben als geboren. Die Akten der neuen Hechinger Kindlein fristen aus diesem Grund im Aktenschrank des Hechinger Standesamts ein Außenseiterdasein zwischen Totenscheinen und Hochzeitsurkunden. Und das ein ganzes Leben lang und dann noch mal 30 Jahre. So lange ist Aufbewahrungsfrist.

Die nächste Station ist dann das Hechinger Stadtarchiv, wo die Dokumente prinzipiell bis in alle Ewigkeit aufbewahrt werden. Wie viel Jahre das noch sind, dazu gibt es unterschiedliche Vermutungen.

Vor dem Ablauf dieser Ewigkeit aber setzen die Akten weniger Staub an, als wohl mancher vermutet. „Wir haben viele Anfragen“, so Thomas Jauch, der auch Stadtarchivar ist.

Ahnenforscher und Erbschaftsstreitigkeiten halten Stadtarchiv auf Trab

Viele Ahnenforscher melden sich, die gerne wissen würden, wer der Opa vom Opa vom Opa war. Die anderen Anfragen – man ahnt es – betreffen Erbschaftsfragen. 30 Jahre nach dem Tod wird da offenbar immer noch gestritten. „Frieden auf Erden“ soll der Engel damals zur Geburt Jesu gewünscht haben. Zugehört hat offenbar wohl kaum jemand.

Hypothetische Frage: Hätte sich die Geburt Jesu in Hechingen zugetragen, gäbe es da dann noch irgendwelche Notizen? „Jedenfalls nicht im Hechinger Stadtarchiv“, versichert Thomas Jauch, denn das reiche nur bis ins Jahr 1874 zurück.

Davor müsste man in den Pfarrbüchern nachschauen. Macht aber auch keinen Sinn, denn zur Geburt Jesu gab es ja noch keine christlichen Pfarrer.

Bliebe das Römer-Verwaltungsarchiv. Wären die damals schon in Hechingen gewesen, hätten sie vielleicht auch Geburten notiert, vielleicht wollte man auch die ewig aufbewahren. Aber im Lauf der Jahrtausende kam da einiges dazwischen. Die Geschichte nimmt oft wenig Rücksicht auf amtliche Archive. Schade eigentlich.