Robin Gosens erzielte gegen Lettland sein erstes Tor für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft. Foto: dpa/Thilo Schmürgen

Robin Gosens hat alles andere als einen gewöhnlichen Karriereweg hingelegt. Nun spielt er für Deutschland, demnächst dann bei der EM – und mit Cristiano Ronaldo hat er noch eine Rechnung offen.

Düsseldorf - Robin Gosens, der kürzlich betonte, dass man sich im Training auch mal „auf die Eier“ gehen müsse, war in Düsseldorf nicht auf Krawall gebürstet, im Gegenteil.

 

Als er am späten Montagabend auf dem Pressepodium Platz nahm, da sprach der Linksverteidiger der DFB-Elf von einem „perfekten Abend für mich“, denn: „Meine Familie und meine besten Freunde waren da, es waren wieder ein paar Zuschauer da, und ich habe meine erste Länderspiel-Hütte geknipst – da ist mir schon einer abgegangen.“

Abgegangen ist Gosens auch vorher auf der linken Außenbahn beim 7:1 im letzten EM-Test gegen Lettland. Und mächtig in Fahrt war der 26-Jährige auch zuvor in den Tagen des EM-Trainingslagers in Seefeld. Im Grunde ist es bei Gosens immer so: Der Mann kickt, wie er spricht: Munter drauflos, ohne Schnörkel, geradeaus – und: frech. Plattitüden kennt Gosens nicht. Woher auch.

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Nie hat er wie die meisten anderen Profis ein Nachwuchsleistungszentrums eines Proficlubs in der Jugend durchlaufen. Bei Borussia Dortmund fiel er mal bei einem Probetraining durch, nie hat er als Heranwachsender an eine Profikarriere gedacht. Robin Gosens wollte Polizist in seiner Heimat am Niederrhein werden.

Über Umwege in die Champions League

Dann klappte es mehr oder weniger zufällig doch noch mit einem Angebot aus den Niederlanden. Über die Eredivisie schaffte er es in die Serie A zu Atalanta Bergamo – wo Gosens mit seinem Team dann überraschend die Champions League aufmischte. Es ist eine Karriere wie im Märchen. So wie einst vielleicht bei Weltmeisterstürmer Miroslav Klose und dem Kölner Linksverteidiger und Ex-Nationalspieler Jonas Hector, die einst einen ähnlichen Weg abseits eines deutschen Fußballinternats genommen haben.

Gosens also, das hat er sich unbewusst bewahrt, spricht daher in der Öffentlichkeit nicht wie ein durch Medientraining geschulter, gerne abwägender Fußballprofi. Der 26-Jährige redet vielmehr wie einer nach einem Kreisligakick in der Kabine beim Bier. Dabei ist der Linksverteidiger ja zumindest in Italien längst ein Star. Sein Marktwert liegt inzwischen bei mehr als 30 Millionen Euro, internationale Topclubs sollen ihn auf dem Zettel haben. Aber Gosens, der Profi, ist auch geerdet geblieben. Dann etwa, wenn er wie kürzlich in Seefeld sagt, „dass man sich im Training auch mal auf die Eier gehen und dem anderen sagen muss, dass er Sülze spielt“. Da kennt Gosens nichts, auch bei Weltstars wie Toni Kroos.

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Selbst spielte er zuletzt selten Sülze. In Bergamo war er in der Champions League Stammkraft, schoss in der Liga sechs Tore und gab elf Vorlagen. Der Außenverteidiger nennt sich selbst einen „dynamischen Schienenspieler“. Rauf und runter geht es also nahe der linken Linie, immer mit Zug, immer mit Mut, immer unerschrocken.

Psychologie ist Gosens Zukunft

Gosens, das aber ist klar, wird kein Weltklassemann und kein Edeltechniker mehr. Auch im Defensivzweikampf wird es bei dieser EM bessere Linksverteidiger geben. Allerdings: Gosens hat sich stark weiterentwickelt und ist in der Abwehr stabiler geworden. Seine Pässe und Flanken wurden genauer, an Tempoläufen und mutigen Aktionen nach vorne hat es bei ihm ja ohnehin nie gemangelt. Und so scheint es, dass Joachim Löw für seine Problemzone links hinten seine Lösung gefunden hat mit Blick aufs erste Gruppenspiel gegen Frankreich am 15. Juni.

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Denn wenn der Bundestrainer da im Sinne der Kompaktheit weiter auf eine Dreierkette plus zwei Außenverteidiger setzt, dann scheint die große Stunde für Gosens zu kommen. Und zumindest taktisch passt das dann: Sinnigerweise nimmt er die gleiche Rolle im gleichen System bei Atalanta ein.

Die EM aber, na klar, wird nun eine andere, größere Herausforderung sein für den Spätstarter. Da braucht es auch mal Ablenkung abseits des Platzes für den Kopf. Dafür hat Gosens längst etwas gefunden. Er bastelt an einem Psychologiestudium, die Fachliteratur hat er bei der EM mit im Gepäck. Später will er eine eigene Praxis aufmachen – und Menschen helfen, „die Probleme mit Druck und Angst“ haben. „Für mich steht fest“, sagt Gosens, „dass ich mit dem Fußball erst mal nichts mehr an der Mütze haben will, wenn das hier vorbei ist.“

Die Sache mit Ronaldos Trikot

Jetzt aber geht es erst mal los bei der EM – wo Gosens im zweiten Gruppenspiel gegen Portugal auf einen Superstar trifft, dem er in seiner früh erschienenen Biografie „Träumen lohnt sich“ ein paar Zeilen widmete. Als Gosens kürzlich mit Atalanta auf Juventus Turin traf, da gab es für ihn nach dem Spiel nur ein Ziel: Das Trikot von Cristiano Ronaldo zu ergattern. Doch das Problem war: Ronaldo wollte nicht. Der Portugiese sagte auf Nachfrage von Gosens nur „No“ – und lief weiter. Doch der Abwehrmann hat, wie er nun in seinem Buch verrät, noch nicht aufgegeben. Darin schreibt er, an Ronaldo gerichtet: „Cristiano: Wenn du einen jungen Mann nachträglich glücklich machen willst, die Adresse von meinem Verein Atalanta Bergamo lautet: Corso Europa 46, 24040 Ciserano. Liebe Grüße!“

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Da war er also wieder, der Nichtprofi unter den Fußballprofis – der Ronaldo im zweiten EM-Gruppenspiel nun sportliche Grüße auf dem Platz hinterlassen will.