Der schnelle Timo Werner kann den Feindseligkeiten von den Zuschauerrängen nicht entkommen. Foto: dpa

Der Leipziger Timo Werner wird in Nürnberg ausgepfiffen, was Trainer und Mitspieler bei der Fußball-Nationalmannschaft nicht verstehen können.

Nürnberg - Es lief die 55. Minute, als sich Joachim Löw verwundert umschaute. Gerade hatte der Bundestrainer Timo Werner für Lars Stindl eingewechselt, und er war sich keines Fehlers bewusst. Er gönnte der größten deutschen Sturmhoffnung nach einem Magen-Darm-Virus doch noch ein wenig Einsatzzeit, und womöglich würde der 21-Jährige den 21 Bundesliga-Treffern sein erstes Länderspieltor nach einer fulminanten Saison mit RB Leipzig hinzufügen. Eine wunderbare Geschichte wäre das aus Löws Sicht gewesen.

Doch dann war auch dem Bundestrainer klar, dass die Pfiffe des Nürnberger Publikums Werner galten. „Ich frage mich immer noch: warum?“, sagte der Bundestrainer nach dem 7:0 gegen San Marino. Natürlich weiß aber auch Löw, dass der Ex-Stuttgarter seit einer Schwalbe gegen Schalke 04 im vergangenen Dezember zum Schmähobjekt geworden ist. „Er hat mal einen Fehler gemacht, den hat er zugegeben. Timo Werner ist noch ein sehr junger Spieler. Und einen Nationalspieler, der noch am Anfang seiner Karriere steht, auszupfeifen – das ist nicht in Ordnung“, hielt Löw ein Plädoyer für das Talent.

Werner wollte die Pfiffe nicht wahrhaben

Auch Sandro Wagner sprang seinem Angriffspartner zur Seite: „Unverständlich. Ich habe noch nie in dem Alter einen so guten Stürmer gesehen.“ Werner selbst wollte die Pfiffe erst gar nicht wahrgenommen haben. Doch den Feindseligkeiten von den Rängen kann selbst der schnelle Angreifer nicht entkommen. „Ich weiß nicht, was die Gemüter so bewegt hat“, sagte Werner, „jahrelang wurden Schwalben gemacht – und bei mir wird es so aufgebauscht. Nur, weil ich bei RB Leipzig spiele.“

Womöglich spielt es tatsächlich eine Rolle, dass Werner seit einer Saison das Trikot des Retortenclubs trägt, der bei Fußballtraditionalisten unbeliebt ist. Zumindest vermutet das auch sein Clubkollege Diego Demme, der ebenfalls zum Kreis des Confed-Cup-Kaders zählt. Pfiffe oder Buhrufe musste sich der Mittelfeldspieler, der gegen San Marino zu seinem Länderspieldebüt kam, aber nicht gefallen lassen.

Die Reizfigur bleibt Werner. Auch, weil ihm viele Anhänger seine Entschuldigung nicht mehr abnahmen, nachdem er seinen Schwalbenflug zunächst ungeschickt erklärt hatte. Außerdem scheint sich ein Teil der deutschen Fans gerne an einem eigenen Star abzuarbeiten. Siehe Mario Gomez, der lange als Feind im eigenen Lager galt.

Ansonsten herrschte in Nürnberg jedoch eine entspannte Atmosphäre. „Die Stimmung im Stadion war insgesamt sehr gut. Man hat gesehen, dass man auch gegen San Marino die Zuschauer zufriedenstellen kann, wenn die Mannschaft gut und druckvoll spielt“, sagte Löw. Wobei es interessant gewesen wäre, wie das Publikum reagiert, wenn Werner nicht an den Außenpfosten, sondern ins Tor geköpft hätte.

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