Oliver Bierhoff ist Geschichte beim Deutschen Fußball-Bund – und plötzlich ist auch die Zukunft von Bundestrainer Hansi Flick fraglich. Nach dem WM-Debakel wird heiß über Namen debattiert. In Stuttgart sind einige gut bekannt.
Wer gedacht hatte, seit dem späten Montagabend sei der Aufarbeitung des erneuten WM-Debakels der deutschen Fußball-Nationalmannschaft Genüge getan, der wurde am Dienstag eines Besseren belehrt. Da nämlich mischte sich Hansi Flick in die Reihe derer, die über den Schritt von Oliver Bierhoff befanden.
Bierhoff, zuletzt Geschäftsführer Nationalmannschaften und Akademie der DFB GmbH & Co. KG, hatte am Montag um 22.30 Uhr in einer langen, persönlichen Erklärung Folgendes kundgetan: Nach 18 Jahren in verantwortlichen Positionen beim DFB mache er nun „den Weg frei für neue Weichenstellungen“. Der 54-Jährige reagierte damit auf die Kritik an seiner Person und Position, in welcher er im größten Sportfachverband der Welt für dessen wichtigste Mannschaft verantwortlich war.
Hansi Flick gerät ins Grübeln
Der Mann, der 1996 als Stürmer das deutsche Team zum Europameistertitel schoss, später gemeinsam mit Jürgen Klinsmann und Joachim Löw die Nationalelf wiederbelebte und 2014 zum Titel führte, ist also Geschichte im Deutschen Fußball-Bund (DFB). Und damit, so lautete eine gängige Version der sich anbahnenden Geschichte, sei das Opfer gefunden. Mit Blick auf die EM im eigenen Land könne man nun frei von diesem Ballast die Neuausrichtung vorantreiben. Mit Bundestrainer Hansi Flick.
Der hat zwar jüngst sein erstes Turnier in den Sand gesetzt, mehrheitsfähig aber blieb der Heidelberger – der direkt nach dem Aus in Al-Khor noch signalisiert hatte, an Bord bleiben zu wollen. Die Arbeit „mache ihm Spaß“. Nun klingt das anders.
Am Tag nach dem Bierhoff-Rücktritt, mit dem der Ex-Nationalspieler einer Degradierung oder Ablösung zuvorgekommen sein soll, ist das Bedauern bei Hansi Flick riesig. Und wer die Zeilen seziert, die am Dienstag verbreitet wurden, der könnte sogar meinen, der Bundestrainer sehe keine Basis mehr für die weitere Arbeit in diesem Job.
Wohin steuert der DFB?
„Meinem Trainerteam und mir fällt im Moment die Vorstellung schwer, wie die durch Olivers Ausscheiden entstehende Lücke fachlich und menschlich geschlossen werden kann“, sagte Flick, „unsere Zusammenarbeit war immer von Loyalität, Teamgeist, Vertrauen und Zuverlässigkeit geprägt.“ An diesem Mittwoch soll der Bundestrainer mit den verbliebenen DFB-Granden das zweite Vorrunden-Aus bei einer WM in Folge aufarbeiten und Ansätze für die Zukunft diskutieren. Dabei wird Flick auch wissen wollen, wer künftig sein Chef sein wird.
Auf Zeit spielen kann Bernd Neuendorf also nicht. Der DFB-Präsident hat Hans-Joachim Watzke, den Aufsichtsratschef der Deutschen Fußball-Liga und Geschäftsführer von Borussia Dortmund, als wichtigsten Ratgeber und starken Mann an der Seite. Dieses Duo wird wohl hauptverantwortlich sein für die Neubesetzung – oder sogar die neue Struktur an der sportlichen Verbandsspitze. Diskutiert wird nämlich längst nicht nur über Namen.
Bierhoff verantwortete die Nationalteams – aber auch die Akademie, die er initiiert und aufgebaut hat. Für den DFB-Campus wird der Ex-Stürmer allenthalben gelobt, die Infrastruktur für die Fortentwicklung passt also. Der Weg in die Zukunft ist dennoch unklar. „Herr Neuendorf und Herr Watzke müssen sich erst einmal entscheiden, wo sie mit dem DFB hinwollen“, sagte in der ARD Weltmeister Sami Khedira. Erst danach könne man über Namen diskutieren. Doch die Debatte hat längst Fahrt aufgenommen.
Matthias Sammer gilt vielen als Top-Lösung
Khedira selbst, aktuell Vorstandsberater beim VfB Stuttgart, wird als möglicher Teammanager genannt. Sein Name sei „völlig unwichtig“, sagte er jedoch. Auch Thomas Hitzlsperger ist ein Thema – der Ex-Vorstandschef des VfB schiebt die Favoritenrolle aber weiter. Zu Matthias Sammer. Der war von 2006 bis 2012 schon Sportdirektor des DFB – und hatte einen Posten inne, den es nun nicht mehr gibt. Diese Abschaffung bezeichnet der 55-Jährige als Fehler. Ob er erneut zur Verfügung stehen würde? Darüber gibt es unterschiedliche Meldungen. Um ihn zu kämpfen würde sich lohnen, meinte Hitzlsperger. Eine andere Variante ist Fredi Bobic, der Geschäftsführer bei Hertha BSC.
„Einige Entscheidungen, von denen wir überzeugt waren, haben sich nicht als die richtigen erwiesen“, sagte Bierhoff in seinem Abschiedsstatement. Für die Entscheidung, die nun getroffen werden muss, darf das nicht gelten. Es steht an: die Heim-EM 2024. Weshalb auch diskutiert wird, ob die Verantwortlichkeitsbereiche Akademie und Nationalteam künftig getrennt werden.
Dann müsste die Personalsuche zwei ausgewiesene und anerkannte Experten hervorbringen. Oder drei – wenn Hansi Flick seinem Freund Oliver Bierhoff folgt.