Annika Schleu und ihr zugelostes Pferd Saint Boy waren im Springparcours beim Modernen Fünfkampf überfordert. Foto: dpa/Marijan Murat

Nach dem Eklat bei Olympia verurteilt Andreas Krieg die Szenen, die sich im Modernen Fünfkampf am Springparcours abgespielt haben – der Ex-Reiter fordert ein neues Reglement.

Stuttgart - Manche Bilder von den Spielen in Tokio werden Sportfans und -funktionäre sowie die beteiligten Sportler kaum vergessen. Schöne wie abstoßende. Zu den schlimmen gehört der Versuch der Modernen Fünfkämpferin Annika Schleu, das ihr zugeloste Pferd Saint Boy zum Ritt durch den Springparcours zu bewegen. Mit Gertenhieben hatte die Berlinerin verzweifelt versucht, das Tier in den Griff zu bekommen, Bundestrainerin Kim Raisner hatte die Reiterin dazu aufgefordert und soll zudem versucht haben, das Tier mit einem Klaps mit der Faust zu mobilisieren. Über Schleu ergossen sich Hassattacken im Internet, Raisner wurde von den Spielen ausgeschlossen.

 

Andreas Krieg schüttelt ungläubig den Kopf, als er die Bilder sieht. „Da ist die Reiterin viel zu weit gegangen. Man erkennt nach wenigen Sekunden, dass sie keine Chance mehr hat, das Pferd in den Parcours zu bewegen“, sagt der ehemalige Springreiter aus Villingen. Im internationalen Springsport sind zwei Hiebe mit der Reitgerte erlaubt, mehr führen zu einer Strafe. Schläge mit der Hand sind verboten. Krieg, einer der drei Direktoren des Stuttgarter Reitturniers in der Schleyerhalle, stellt klar, dass der Einsatz der Gerte vor allem dazu dient, dem Pferd ein Signal zu geben – nicht, um es zu maßregeln. Ein Zeichen zur Korrektur, etwa um die Distanz der Galoppsprünge zwischen zwei Hindernissen zu verlängern. Die Aufforderung der Bundestrainerin verurteilt Krieg ebenfalls, so etwas sei „nicht einmal auf einem Turnier auf dem Lande zu hören“.

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Die Beweggründe, die sich hinter der Situation verbergen, kennt der Ex-Nationenreiter gut, deshalb sieht er Handlungsbedarf im Regelwerk des Modernen Fünfkampfes. Das Zulosen eines Pferdes stellt der Stallbesitzer massiv infrage, der 61-Jährige befindet sich damit ganz auf der Wellenlänge von Dressur-Ikone Isabell Werth. „Die Fünfkampf-Pferde werden kurz vor der Entscheidung ins Stadion gekarrt, kein Reiter hat sie davor gesehen“, sagt die erfolgreichste deutsche Reiterin, „es ist keine gewachsene Beziehung, wie sie in diesem Sport mit so sensiblen Lebewesen nötig ist.“ Krieg verweist darauf, dass der Pferdewechsel im Finale der besten vier Springreiter bei Weltmeisterschaften 2016 abgeschafft worden ist. Er wurde von 1953 an praktiziert.

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Andreas Krieg hält nicht nur die Regel für das Zulosen der Pferde für daneben, seiner Meinung nach sollte das Regelwerk des Reit-Weltverbandes (FEI) im Springen übernommen werden. Darin wird ein Paar bereits nach zwei Verweigerungen disqualifiziert und nicht erst nach vier wie im Fünfkampf bislang. Zudem könnten die Richter durch Läuten der Glocke ein Paar aus dem Wettbewerb nehmen, wenn ersichtlich ist, dass der Reiter mit einer Situation überfordert ist. „Es ist dringend geboten, etwas zu ändern“, betont Krieg. Die geballte Kritik stieß nicht auf taube Ohren. Der Weltverband des Modernen Fünfkampfes (UIPM) teilte mit, am Reiten zwar festhalten zu wollen, aber das Geschehen „einer vollständigen Überprüfung“ zu unterziehen und „auch die Bedeutung des Wohlergehens der Pferde und der Sicherheit der Athleten in der gesamten globalen Wettkampfstruktur“ zu berücksichtigen.

Die beiden Hauptdarstellerinnen verteidigten sich. „Es war schon klar, dass man etwas konsequenter werden muss, aber ich war zu keiner Zeit grob“, sagte Fünfkämpferin Schleu, und Bundestrainerin Raisner erklärte: „Auch dieser Klaps auf den Hintern, der hätte nicht sein müssen, aber der war nicht doll – ich bin weit davon entfernt, Tiere zu quälen.“ Was auch immer der Weltverband UIPM auf dem Kongress im November beschließen mag, eines sollte gewährleistet sein: Dass sich solche Szenen wie in Japan 2024 in Paris nicht wiederholen.