Sie findet nur ein Mal jährlich statt: Die Ettenheimer Stadtführung mit Erlebnisweinproben entpuppte sich abermals als Nachfrage-Renner. Das gemeinsame Angebot der städtischen Tourist-Information und der örtlichen VHS war mit 50 Teilnehmern erneut ausgebucht.
Mit Regenschirmen bewaffnet wurden die Teilnehmer vom Startpunkt am Rathaus aus von Stefanie Weinacker und Heike Labusga gut zweieinhalb Stunden lang durch Ettenheims Geschichte geführt. Etwa ein Drittel von ihnen kam nicht aus Ettenheim, sondern hatte sich aus der Umgebung angemeldet.
Bei der ersten Station des Ichtratzheim‘schen Hauses ging es in den noch aus Mittelalterzeiten übrig gebliebenen tiefen Keller. Oben drüber hatte einst der vor der Französischen Revolution geflüchtete Duc d‘Enghien residiert, bis ihn Napoleon nach Frankreich entführen und hinrichten ließ. Joachim Jäger vom gleichnamigen Ettenheimweiler Weingut – das schon seit 1811 in Familienbesitz ist – kredenzte im dämmerigen Keller einen edlen Weißburgunder, feinfruchtig und eher halbtrocken, kraftvoll, harmonisch und elegant. Auch Jägers Reben gedeihen bestens in der sonnenverwöhnten Vorbergzone, besonders auch auf den fruchtbaren Lehm- und Löss-Böden des Ettenheimer Kaiser- respektive Heubergs.
Die Weinspaziergänger erfuhren einiges über die Anbau-Ursprünge des Weins. Diese begonnen spätestens bei der römischen Besatzung der Region. Aber auch eine Kultivierung im achten Jahrhundert ist urkundlich nachgewiesen, wenngleich noch mit geringen Erträgen.
Kraftvoller Weißburgunder beim Kulturkeller
Bei der zweiten Stadt-Station an der ehemaligen Winterschule erwartete Andreas Bieselin die Probiergruppen mit einem weiteren Weissburgunder, in diesem Falle einem trockenen, kraftvollen Jahrgang 2022 „vom Stamm“. Damit benennt das im Jahr 2016 per Neubau zum Ettenheimer Pfaffenbach-Areal umgezogene Weingut seine in der Abstufung mittleren, kräftig- gehaltvollen Weine. Weine „vom Blatt“ sind leichter, fruchtig-frisch und unkompliziert, die „von der Wurzel“ hingegen gehaltvoll und tiefgründig. An dieser Station erhielte die Teilnehmer Infos zur Geschichte der Winterschule, die heute mit weiteren zwei Nachbargebäuden vom Bürgerstift für betreutes Wohnen genutzt wird, während der Gewölbekeller dem KKW als Kulturkeller-Kleinkunstbühne dient. Das ehemalige Gefängnis in Sichtweite war 1812 als herrschaftlicher Wein- und Fruchtspeicher errichtet worden, nach seiner später vergitterten „Umnutzung“ um 1841 diente es als Stadtgefängnis und seit 1990 wird es als denkmalgeschütztes Kulturhaus von Vereinen genutzt.
Ehemalige Weinprinzessin bewirtet Gäste
Die dritte Station an der östlichen Ringstraße ist ein absolutes historisches Muss bei Wein-Führungen, denn hier wohnt die ehemalige zweifache badische Weinprinzessin Claudia Nägele (heute längst verheiratete König). Sie schenkte den Teilnehmern die Weine der Winzergenossenschaft Müchweier-Wallburg-Schmieheim aus, – und zwar einen trockenen feurigen Spätburgunder Rosé von 2022 mit tiefem Lachsrot und feinfruchtiger Säure. Dazu gab es leckere Kräuterbutter-Brotschnittchen von der Mama. Angesichts der dort noch zu erahnenden Stadtmauerreste kam die brutale Brandschatzung durch die Schweden im Dreißigjährigen Krieg zur Sprache. 1637 waren die Ettenheimer trotz ihre militärischen Trutzmauern von den Angreifern komplett überrannt, niedergebrannt und ausgeplündert worden. Immerhin: Beim Wiederaufbau entstand aus den Trümmern das noch heute sichtbare barocke Bild der jetzigen Innenstadt.
Sauvignon Blanc und eine Liebesgeschichte am Prinzengarten
Die Führung endete im Prinzengarten. Dort erwartete Michael Weber vom namensgleichen Weingut nebst Restaurant die Gäste. Sie verköstigten 2023er trockenen Sauvignon Blanc – geradlinig, saftig, frech und bunt aromatisch daher kommend. Das Weingut teilt die Weine in drei unterschiedliche Kategorien: „1 Liter“, „Selektion SE“ und „Premium“ für besondere Weine.
Angesichts des prinzlichen Gartenhäuschens berichteten die Stadtführerinnen über Charlotte de Rohan, die Nichte des nach seiner „ Halsbandaffäre“ nach Ettenheim verbannten Kardinals Louis de Rohan-Guéméné. Das putzige, immerhin zweistöckige barocke Häuschen hatte der bischöflichen Prinzessin einst als diskretes Liebesnest mit dem hübschen Louis de Bourbon-Condé, also dem bewussten Duc d‘Enghien, gedient – bevor er zurück nach Frankreich verschleppt worden war. An dieser Station endete diese Ettenheimer Führung.
Weitere Stadtführungen
Seit 25 Jahren bieten die Stadtführerinnen und Stadtführer von Ettenheim ein abwechslungsreiches Programm an Führungen durch die malerische Barockstadt. Ob als Hexe, Magd, Nachtwächter oder in ihrem eigenen Gewand – die Gäste tauchen bei den unterhaltsamen und informativen Führungen in die spannende Geschichte Ettenheims ein. Ab dem heutigen Freitag bis zum 4. Oktober wird jede Woche eine andere Themenführung angeboten. Koordiniert werden die Führungen von Linda Stengg, Mitarbeiterin der städtischen Tourist-Info. Eine Führung kostet für Erwachsene vier Euro und mit der Schwarzwald-Card ist die Führung sogar kostenlos. Für Kinder bis 17 Jahre ist die Führung ebenfalls gratis. Gruppenführungen sind ab 60 Euro buchbar, Nachtwächter-, Sprachen- und Gewandführungen kosten 70 Euro pro Gruppe. Den Anfang macht die Führung am heutigen Freitag, 24. Mai, zum Thema „Spaziergang auf dem barocken Rundweg“. Treffpunkt ist um 19 Uhr am Bärenbrunnen vor dem Rathaus.