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Freudenstadt Uniform wirkt – auch auf den Träger

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Uwe Nimmergut in preußischer Militäruniform. Der "Hauptmann von Köpenick" könnte die Rolle seines Lebens sein. Foto: Rath Foto: Schwarzwälder Bote

Uwe Nimmergut meldet sich zurück auf der Bühne. Fünf Jahre lang hat der Schauspieler an seiner Adaption von "Der Hauptmann von Köpenick" gearbeitet. Herausgekommen ist dabei viel mehr und vor allem etwas ganz Neues: Ein schlaglichtartiger Gang durch die jüngere deutsche Geschichte, rechtzeitig fertig geworden zum 30. Jahrestag des Mauerfalls.

Freudenstadt. "Siehst gut aus, Uwe. Was so eine Kappe doch ausmacht", sagt der Wirt und gibt Nimmergut das Infoblatt zurück. Darauf zu sehen ist der Schauspieler, salutierend in preußischer Militäruniform. "Det is et, det is et", pflichtet Nimmergut bei. Kürzer kann man den Effekt der "Köpenickiade" eigentlich nicht zusammenfassen: Kleider machen Leute. Kaum hat der arme Schuster Wilhelm Vogt die Uniform an, stehen alle vor ihm stramm. Keiner zweifelt auch nur für einen Augenblick an seiner Autorität. Die Uniform verändert alles. "Auch den, der sie trägt", sagt Nimmergut. "Man nimmt automatisch Haltung an. Kopf hoch, Brust raus. Da läuft dann ein Programm ab, das einen total überrollt."

Ein Streifzug durch die deutsche Geschichte

"Übrigens... Der Hauptmann von Köpenick" heißt das Stück mit Untertitel "Einakter nach historischen Vorbildern von und mit Uwe Nimmergut". Es ist kein neuer Aufguss von Zuckmayers Klassiker, und schon gar kein "Rührstück" wie der Film mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle. Nimmergut, 66 Jahre alt, hat für seine Fassung die Autobiografie des Wilhelm Vogt durchgekaut. Viel interessanter sind für ihn dessen Lebensgeschichte vor dem Coup und die Lebensumstände der damaligen Zeit. "Das war eine ganz, ganz arme Socke", sagt Nimmergut, "er hatte eine fürchterliche Kindheit und viel, viel Dresche gekriegt, von allen Seiten." Was folgte, war eine Abwärtsspirale, wie es wohl neudeutsch heißt. Bis zu dem Moment, in dem er sich die Hauptmanns-Uniform überstreift.

Der "Hauptmann" ist allerdings nur eine von drei Episoden, die Nimmergut in der rund anderthalbstündigen Aufführung auf die Bühne bringt. Er setzt Vogts Biografie in eine direkte Reihe mit zwei weiteren deutschen Lebenswegen, von Männern der Geburtsjahrgänge 1922 und 1953, die den Nationalsozialismus mit dem Zweiten Weltkrieg sowie die DDR mit ihrem "real existierenden Sozialismus" erlebt haben. Mitgemacht haben. Deren Schilderungen im Stück seien "teils authentisch, teils fiktiv".

Und immer wieder geht es um den persönlichen Umgang dieser Kinder ihrer Zeit mit den Umständen. Nimmergut weiß, wovon er spricht. Er wuchs in der Deutschen Demokratischen Republik auf und machte nie einen Hehl daraus, teil des Systems gewesen zu sein, anfangs aus Überzeugung. Für den Zeitgeist könne keiner was, auch nicht im Dritten Reich. "Jeder mag sich selbst die Frage stellen, wie er sich wohl in einem totalitären System verhalten hätte." Entscheidend sei, irgendwann nachzudenken und den Mut aufzubringen, die persönlichen Konsequenzen zu ziehen. Das könne im Kleinen passieren. Das könne dauern. Aber lieber spät als nie. Einen seiner Protagonisten lässt er sagen: "Junge, mach wenigstens du was aus deinem Leben. Meines war vergebens."

So ist für den 66-Jährigen auch im "Hauptmann" nicht die Uniform, die auch für eine jeweilige Weltordnung steht, sondern eine Frage das zentrale Motiv: "Wat haste jemacht mit dein Leben?" Irgendwann trete jeder seinem Schöpfer gegenüber, davon ist der bekennende Christ überzeugt. "Es gibt Gott. Wir können ihn fragen, und wir bekommen Antwort. Nicht unmittelbar, sie kommt vielleicht etwas später."

Auf 26 Seiten Text hat Nimmergut, der seit 1982 für Theaterensembles in Baiersbronn und Freudenstadt auf der Bühne steht, Splitter und Gedanken aus der deutschen Geschichte eingedampft. Unterstützt wird er dabei von Erika Stengle von der Neuen Studiobühne Baiersbronn, die als Faktotum da ist und irgendwie doch nicht und ihn in seinen Rollen "immer wieder zurückholt ins Leben". So schwer sich der Stoff anhört: Nimmergut verspricht auch Stellen, an denen das Publikum "herzhaft lachen" darf.

Ansonsten will der Autor mit seinem Streifzug durch die deutsche Geschichte dazu beitragen, zu verstehen, "warum wir so sind, wie wir sind." Die Wiedervereinigung empfindet er als Glücksfall. "Wir sollten was draus machen", so Nimmergut. Ein Appell auch an die Jugend. Überhaupt findet er den "Hauptmann" aktuell. Schuster Wilhelm Vogt wurde gedemütigt für seine armselige Kleidung. Das passiere heute hoch. "Markenklamotten an der Schule. Im Prinzip nichts anderes als Uniform. Wer keine hat, wird auch gerne mal gehänselt." Hauptsache, man begreift es noch rechtzeitig und macht was draus. Dann ist es Erfahrung. Kein Scheitern.  "Übrigens... Der Hauptmann von Köpenick" ist am Freitag, Samstag und Sonntag, 4., 12. und 13. Oktober, im Kienbergsaal im Kurtheater in Freudenstadt zu sehen. Beginn ist jeweils um 20 Uhr, Einlass ab 19 Uhr. Jeweils 1,50 Euro von jeder Karte gehen als Spende an die Stiftung Eigensinn und das Tierheim Freudenstadt.

Tickets: für diese und weitere Veranstaltungen erhalten Sie bei Ihrer Ticket-Hotline unter 07423/787 90 (zzgl. 4,00 Euro Versand) und in folgenden Geschäftsstellen der Schwarzwälder Bote Medienvermarktung: Balingen, Freudenstadt, Hechingen, Oberndorf, Rottweil & VS-Villingen.

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