Rafael Nadal und Novak Djokovic treffen in Paris schon im Viertelfinale aufeinander – das ist der emotionale Höhepunkt.
Die French Open befinden sich erst in der Viertelfinalphase – doch das Aufeinandertreffen der beiden alten Hasen ist wie das vorweggenommene Endspiel, da wird der Dienstag zum Sonn- und Festtag. Rafael Nadal ist 35 Jahre alt, Novak Djokovic 34, umso erstaunlicher ist, dass sie immer noch das Welttennis beherrschen wie vor ihnen kaum ein anderer.
Es geht um mehr als nur die Ehre in diesem prickelnden Duell: Nadal führt mit 21 Grand-Slam-Turnier-Titeln die Bestenliste an, Djokovic folgt mit 20 Erfolgen knapp dahinter. Entweder kann der Serbe im Falle eines Turniersiegs mit Nadal gleichziehen, oder der Spanier setzt sich im Ranking ab. Das ist der statistische Aspekt dieses vorläufigen Turnierhöhepunktes – doch es gibt eine noch viel aufregendere Sicht auf die Partie: Dieses Match ist so emotional aufgeladen wie selten eines zuvor.
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Good Boy gegen Bad Boy – so sieht es das Pariser Publikum. Nadal haben die Franzosen aufgrund seiner 13 French-Open-Titel ins Herz geschlossen und würden den Mallorquiner am liebsten heute als morgen adoptieren. Djokovic befindet sich dagegen eher am anderen Ende der Sympathieskala, was er sich auch selbst zuzuschreiben hat im Hinblick auf sein missglücktes Einreisetheater am Jahresanfang in Australien. Er glaubte, die zu beachtenden Coronaregeln würden für jeden Menschen gelten, nur nicht für ihn.
Während Djokovic mit seinem Verhalten mächtig Kredit verspielte, nutzte Nadal die Gunst der Stunde und gewann trotz längerer Verletzungspause das erste Major-Turnier des Jahres in Melbourne. Nun liegt er im Ranking vorn, und die Gegenspieler treffen ausgerechnet im Viertelfinale von Paris aufeinander. Bereits in den ersten Turnierrunden zeigte sich, dass Nadal alle Vorteile besitzt. Er genießt den Ruf des Sandplatzkönigs – und das Publikum verehrt ihn. In diesem Match dürfte er einen Heimvorteil besitzen wie nie.
Etwas flegelhaft
Als der Spanier in einem Blitzinterview nach einem Spiel den Namen Djokovic nannte, gab es Pfiffe von den Rängen – das lässt vermuten, wie die Zuschauer den Serben an diesem Dienstag empfangen könnten. Djokovic selbst trat bislang bei diesen French Open hin und wieder auch etwas flegelhaft auf. Sein Ruf war nie der allerbeste, doch hat ihn der Coronaskandal weiter ruiniert. Zwar ersparte ihm die positive Pandemieentwicklung weitere Turnierverbote und bringt ihn damit wieder ins Rennen. Doch das beschädigte Image hat er mitgebracht nach Paris und wird es schwer wieder los. Irre Aussagen seines Vaters Srdjan Djokovic, der seinen Sohn mit Jesus verglichen hatte, trugen ihren Teil zum kritischen Blick auf den Weltranglistenersten bei.
Freunde sind die Kontrahenten nicht. Nadal war einer der Ersten, die sich zu Djokovics umstrittenen Australienauftritt äußerten. „Ich verstehe, dass es Menschen gibt, die sich nicht impfen lassen wollen, aber es kommt mir ein bisschen egoistisch vor“, sagte er, während Djokovic jedem, der es hören wollte, mitteilte: „Ich verrate nicht, ob ich geimpft bin oder nicht. Das ist Privatsache.“
Zwei unterschiedliche Charaktere
Nun stehen sie sich auf dem Platz gegenüber. Zwei Männer, zwei Meinungen, zwei Charaktere, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Doch sind sie Profis genug, um vor dem Aufeinandertreffen nicht noch Öl ins Feuer zu gießen. „Novak und ich kennen uns sehr gut, wir haben eine große Geschichte miteinander – ich werde mich auf das Match fokussieren und ganz sicher bis zum Ende kämpfen“, sagt Nadal vor dem Klassiker. Djokovic nimmt dagegen den Namen des Gegners gar nicht erst in den Mund. „Ich bin bereit“, sagt er und nimmt sofort wieder Bezug auf sich selbst: „Mir gefällt es, wie ich mich fühle und wie ich den Ball treffe.“
Die ersten drei Runden absolvierten die Tennisgiganten erwartungsgemäß mit Dreisatzsiegen. Djokovic gelang das auch im Achtelfinale beim 6:1, 6:3, 6:3-Erfolg gegen den Argentinier Diego Schwartzman. Nadal dürfte dagegen etwas weniger ausgeruht in das Viertelfinale gehen. Der Fünfsatzsieg gegen den hochbegabten Kanadier Felix Auger-Aliassime verlangte ihm einiges ab. Während Djokovic lediglich einen Spaziergang absolvierte, musste Nadal gegen den Nordamerikaner erstmals seine Qualitäten als unermüdlicher Sandplatzwühler unter Beweis stellen. Auch deshalb sprach Djokovic von seiner guten Form in Paris. Allerdings ist Nadal auch der erste schwere Brocken, den er vorgesetzt bekommt.
Einfach unglaublich
„Für mich ist es immer unglaublich, auf diesem Platz zu spielen – da sind so viele Emotionen dabei, diese Atmosphäre bedeutet mir sehr viel“, sagte Nadal nach seinem ersten Kraftakt in seinem Wohnzimmer Roland Garros und wusste: Paris steht wieder hinter ihm. Entweder geht Djokovic unter in diesem Hype um den Spanier, oder er zieht aus der ungleichen Ausgangslage noch mehr Motivation und tritt so trotzig auf, wie man es von ihm kennt. Dann wird es schwer werden für Nadal, in „seinem“ Turnier zu bleiben.