Einen einmaligen Auftritt der gestorbenen Fußball-Legende Franz Beckenbauer im Skischlitten gab es bei der Europameisterschaft 1993 in Baiersbronn.
Auf dem Rasen beherrschte er sein Metier wie kaum ein Zweiter, wurde als Spieler und Trainer Weltmeister und holte praktisch alle Titel, die im Fußball zu vergeben sind.
An seine sportlichen Grenzen stieß der am Sonntag gestorbene Franz Beckenbauer aber bei seiner Teilnahme an einem Prominenten-Rennen bei den vom SV Mitteltal-Obertal ausgerichteten Europameisterschaften Ski nordisch der Behinderten am 4. März 1993 im Buhlbach in Obertal. „Dös wird a Gaudi“ war sich Franz Beckenbauer vor seiner Premiere in dem für ihn unbekannten Sportgerät bei seinem Gespräch im kleinen Kreis eigentlich sicher gewesen.
Begleitet von seiner damaligen Frau Sibylle war der„Fußball-Kaiser“ zuvor aus dem nahen Stuttgart von der Feier des 60. Geburtstags des VfB-Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder angereist. Eine günstige Konstellation für Adolf Stuber, der als Delegationsleiter der deutschen EM-Mannschaft seinen in Kitzbühel wohnenden Freund nach Mitteltal-Obertal gelotst hatte.
Nicht weniger als elf Kamerateams verfolgten ihn nach seiner Ankunft
Und Beckenbauer kam zudem nicht mit leeren Händen. Aus Mitteln der 1982 mit seinem Anteil an den Einnahmen des offiziellen Abschiedsspiels gegründeten Franz-Beckenbauer-Stiftung für Menschen mit Behinderung und Personen, die krank oder unverschuldet in Not geraten sind, brachte er zwei Skischlitten und einen Monoski für die nordischen und alpinen Behinderten-Ski-Nationalmannschaften mit. Eine weithin unbekannte Seite des ansonsten immer im Rampenlicht stehenden Weltstars.
Nicht weniger als elf Kamerateams verfolgten nach seiner Ankunft im Buhlbach-Skistadion schon vor dem Rennen jeden Schritt von Franz Beckenbauer. Zahllose Fragen der aus ganz Deutschland angereisten Journalisten musste er beantworten, ehe er sich in einem grünen Skilanglaufanzug auf den Weg zum Start machte.
Rund 3000 Zuschauer säumten die Strecke und etliche von ihnen konnten sich über ein Autogramm des Fußball-Weltstars freuen, der den Kontakt mit dem Publikum nicht scheute und sich auch offen und freundlich gegenüber den Helfern des SV Mitteltal-Obertal unter anderem bei einem Kaffeeplausch im Wettkampfbüro zeigte. Dabei baute er bereits im Hinblick auf den anstehenden Wettbewerb vor, als er bekannte, am Abend zuvor den einen oder anderen Schluck genommen zu haben und deutlich nach dem als Mitkonkurrent antretenden Ex-Nationalspieler Karl-Heinz Förster ins Bett gekommen zu sein.
Bürgermeister Beck gewinnt Kampf und den vorletzten Platz
Neben Beckenbauer und Förster hatten fünf weitere Promis die Teilnahme an einem Staffelrennen zugesagt. Sie traten dabei im Duo mit aktiven Sportlern an, die jeweils den ersten Abschnitt einer 500 Meter-Runde zu bewältigen hatten. Sehr lange musste dabei Franz Beckenbauer auf seinen Mitstreiter Adolf Stuber warten, der offensichtlich das falsche Material erwischt hatte. Mit großem Rückstand ging er auf die Strecke und musste daher auch aus großer Entfernung mit ansehen, wie der fast wie der sichere Sieger aussehende Karl-Heinz Förster kurz vor dem Ziel stürzte und Kombinationsolympiasieger Georg Thoma passieren lassen musste.
Weitspringer Dietmar Haaf, Schlagerbarde Costa Cordalis und der Rennfahrer Roland Asch belegten die weiteren Plätze. Und im hinteren Feld lieferte sich der nur mühsam vorwärts kommende Franz Beckenbauer einen Zweikampf um den sechsten und vorletzten Platz mit dem im kippligen Sportgerät ebenfalls schwer um Balance kämpfenden Baiersbronner Bürgermeister Norbert Beck, der sich trotz eines Sturzes noch vor dem prominentesten Starter als Sechster ins Ziel rettete.
Dahinter überquerte Franz Beckenbauer trotz der „roten Laterne“ zwar in Siegerpose und mit viel Beifall bedacht die Ziellinie, stellte nachher aber ernsthaft in Zweifel, ob er nach seiner Vorstellung wohl noch einmal zu einem Skischlittenrennen eingeladen werden würde. Er könne vor den Sportlern der Europameisterschaften nur den Hut ziehen.
Wie bei vielen anderen Gelegenheiten sympathisch und volksnah präsentiert
Dass der große Rummel um den „Kaiser“ die Aufmerksamkeit für die eigentlichen Wettkämpfe der Behinderten in den Hintergrund drängen würde, war trotz des rundum gelungenen Abstechers von Franz Beckenbauer nach Baiersbronn, bei dem er sich wie bei vielen anderen Gelegenheiten sympathisch und volksnah präsentierte, im Vorfeld als Kritikpunkt genannt worden. Dass sich diese Befürchtungen nicht bestätigten, zeigte sich spätestens am letzten Wettkampftag, als auch ohne prominenten Besuch weit mehr als 5000 Zuschauer registriert wurden.
Ein Publikumserfolg, der zehn Jahre später bei der vom SV Mitteltal-Obertal organisierten Ski-Weltmeisterschaft der Behinderten sogar noch getoppt werden sollte.