Noch ist die Auslastung im Mercedes-Stammwerk Untertürkheim gut. Doch was geschieht nach 2030, wenn zudem die Jobsicherung ausläuft? Der Betriebsrat will Verlagerungen ins Ausland mit aller Macht verhindern.
Die deutschen Mercedes-Jobs sind vertraglich bis Ende 2029 abgesichert, doch bald entscheidet der Konzern, in welchen Weltregionen die Jobs von übermorgen entstehen. Der Untertürkheimer Betriebsratschef Michael Häberle will mit aller Macht verhindern, dass die deutschen Belegschaften dabei vor vollendete Tatsachen gestellt werden.
Herr Häberle, vor einigen Tagen forderte Mercedes-Gesamtbetriebsratschef Ergun Lümali, die Beschäftigungssicherung bei Mercedes schon jetzt um weitere fünf Jahre zu verlängern. Dabei sind die Arbeitsplätze doch ohnehin für die nächsten sechs Jahre vertraglich abgesichert. Müssen sich die Beschäftigten Sorgen um die Jobs der Zukunft machen?
Ergun Lümali hat das Thema genau zur richtigen Zeit in die Öffentlichkeit gebracht. Wir haben zwar in der Tat noch sechs Jahre Beschäftigungssicherung, aber die Entscheidungen über die Investitionen nach dieser Zeit werden bereits in den nächsten ein bis zwei Jahren fallen. Deshalb brauchen diejenigen, die darüber entscheiden, wo in Zukunft Investitionen, Produktion und Arbeitsplätze angesiedelt werden, schon sehr bald klare Leitplanken. Ansonsten könnte jemand auf die schlechte Idee kommen, dass man diese Investitionen zulasten der deutschen Standorte überall auf der Welt vornehmen kann.
Es gibt nicht viele Unternehmen, bei denen schon so frühzeitig über langfristige Jobzusagen auch nur verhandelt wird.
Das stimmt. Allerdings fallen mir auch nicht viele Unternehmen ein, die von ihrer Belegschaft verlangen, hinter einer Strategie zu stehen, die den Beweis, dass sie funktioniert, erst noch abliefern muss. Deshalb muss das Management jetzt das klare Signal an die Belegschaft senden: Ihr könnt euch auf unsere Strategie verlassen, und wir untermauern das auch dadurch, dass wir euch eine Beschäftigungssicherung aussprechen. Die Mitarbeiter sollen sich den Kopf nicht über ihre Sorgen und Perspektiven zerbrechen, sondern mit aller Kraft an den Produkten und den Zukunftsthemen des Unternehmens arbeiten. Seit 2004 gibt es bei Mercedes ununterbrochen eine Beschäftigungssicherung, und das Unternehmen ist damit gut gefahren. Die Notwendigkeit, die Arbeitsplätze abzusichern, war aber noch nie so groß wie heute.
Halten Sie es für möglich, dass das Management für die Zeit ab 2030 daran denkt, die deutschen Standorte bei den großen Investitionen zu umgehen und so die Arbeitsplätze der Zukunft in alle Welt zu verlagern?
Das Unternehmen weiß zum Glück sehr genau um die hohe Qualität, die es von deutschen Standorten erwarten kann – deshalb kann ich mir das zum aktuellen Zeitpunkt nicht vorstellen. Wenn es aber doch so sein sollte, dann ist das eine Wahrheit, die jetzt schnell ans Licht kommen muss. In diesem Fall wird es einen Konflikt geben, den ich lieber heute austrage als 2030.
Denken Sie, das Unternehmen ist bereit, über Ihre Forderung zu verhandeln?
Das Unternehmen kennt uns Arbeitnehmervertreter gut und weiß genau, dass wir nicht aus Jux und Tollerei irgendwelche Forderungen in den Raum stellen. Wenn wir etwas sagen, dann meinen wir es sehr ernst. Es wird in Zukunft keine Betriebsversammlung und keine Veranstaltung mehr geben, in der wir die Fortschreibung der Jobsicherung nicht zum Thema machen.
Der Gesamtbetriebsrat fordert auch Festlegungen zu den Produkten. Welchen Stellenwert hat eine solche Zusage für Sie?
Eine Beschäftigungssicherung ist nichts wert ohne die Zusage von Produkten, mit denen sie eingehalten werden kann. Eine solche Transformationszusage bedeutet nicht, dass das Unternehmen keine Investitionen im Ausland mehr vornehmen kann. Aber wenn es sie vornimmt, muss es zugleich auch eine Antwort darauf geben, welche Beschäftigung stattdessen hier geschaffen wird. Was wir von vornherein ausschließen wollen, ist, dass das Unternehmen auf die Idee kommt, sich irgendwo auf der Welt auszutoben, ohne dass die Beschäftigung in Deutschland abgesichert ist.
Welche Bedeutung hat Mercedes für das Land?
Mercedes spielt in Deutschland eine entscheidende Rolle – für das Neckartal, für die Region und für das ganze Land. Ich finde es nicht verwerflich, sich dafür einzusetzen, dass das so bleibt – im Gegenteil. Angesichts der langen Zeit, in der das Unternehmen in diesem Land tätig ist, hat Mercedes auch eine Verpflichtung übernommen. Dieser Verpflichtung muss es auch in Zukunft nachkommen. Nichts anderes streben wir mit unserer Forderung nach einer Verlängerung der Jobsicherung an.
Die Transformation in Richtung Elektromobilität ist gerade im Werk Untertürkheim bereits im Gang. Läuft die Versetzung von Mitarbeitern auf neue Arbeitsplätze aus Ihrer Sicht fair ab?
Ja und das liegt daran, weil wir in unseren Vereinbarungen für die Beschäftigung maximale Sicherheit geregelt haben.
Zu diesen Vereinbarungen gehört, dass die Beschäftigten nicht verpflichtet sind, sich auf Jobs außerhalb ihrer angestammten Jobfamilie versetzen lassen zu müssen. Wer in der Fertigung arbeitet, kann ebenso in dieser Jobfamilie bleiben wie Beschäftigte aus Montage, Gießerei und Verwaltung. Funktioniert das?
Klar ist, dass die Situation in den einzelnen Jobfamilien sehr unterschiedlich ist. Es gibt einen Mangel an Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Montage und einen Mangel an Arbeit in der Fertigung. Daher möchte das Unternehmen die Menschen jetzt gerne von der Fertigung in die Montage bringen.
Was geschieht mit den Beschäftigten in der Fertigung, für die es keine Aufträge gibt?
Diese Situation führt dazu, dass das Unternehmen für entsprechende Beschäftigung sorgen muss. Das kann zum Beispiel dadurch geschehen, dass das Unternehmen Arbeit ins Werk zurückholt, die es zuvor an Fremdfirmen vergeben hatte – und das geschieht auch, zuletzt beispielsweise bei der Fertigung der Kurbelwelle.
Einerseits setzt Mercedes ganz auf den Wandel zum Elektroauto, andererseits sorgt der Verbrenner nach wie vor für das Gros der Beschäftigung. Welche Bedeutung hat der Verbrenner für die Zukunft des Werks?
Wir befinden uns mitten in der Transformation in Richtung Elektromobilität, das ist klar. Aber ich finde es falsch zu suggerieren, dass sich die Welt nur noch um das E-Auto dreht. Gerade jetzt, da die E-Mobilität eher schleppend läuft, zeigt sich, wie wichtig es ist, das eine zu tun, ohne das andere zu lassen. Wenn der Schalter umgelegt ist, und beim Verbrenner gar nichts mehr geht, muss die Elektromobilität ausgefahren sein. Solange aber der Kunde den Verbrenner noch nachfragt, und das tut er nach wie vor, müssen wir in Untertürkheim dafür sorgen, dass wir ihn auch in den entsprechenden Stückzahlen produzieren können. Gleichzeitig haben wir das Werk mit der Fertigung von Batterien, mit dem Antriebssystems EATS und dem E-Campus auch auf die neue Welt ausgerichtet.
Die EU will aber ab 2035 keine neuen Verbrenner mehr zulassen. Inwieweit hängen Verbrenner-Jobs in Untertürkheim an Absatzmärkten jenseits von Europa?
China ist der einzige Markt, in dem die Wertschöpfung zu einem großen Teil vor Ort stattfindet. Auf allen anderen Märkten ist Untertürkheim mit seinen Produkten in den Fahrzeugen gut vertreten. Das heißt auch, dass der Verbrenner hier auch nach 2035 zur Beschäftigung beitragen wird.