Mit Gips und Kelle vertraut: Ralf Albert und der frischgebackene Geselle Baqer Nazari mit einem Kollegen. Foto: Albert

Irgendwann will Baqer Nazari deutscher Staatsbürger sein. 2015 floh er aus seiner afghanischen Heimat – er ist einer dieser Ausländer, die mit der damaligen Flüchtlingswelle nach Deutschland gespült worden sind. Hier will er nun Wurzeln schlagen.

Schwarzwald-Baar-Kreis - An diesem Dienstagnachmittag sitzt der 25-jährige Afghane mit seinem Chef Ralf Albert und Klaus Meusel vom Jobclub Villingen-Schwenningen in der Redaktion des Schwarzwälder Boten. Wenn Baqer Nazari an seine Zukunft denkt, dann strahlt er. Dabei sah das 2015 ganz anders aus.

 

Der Krieg in seiner Heimat sei es gewesen, wovor er geflüchtet sei. Er habe Probleme mit den Taliban gehabt, erzählt der junge Mann mit den schmalen Augen, die ihm sein typisches asiatisches Aussehen verleihen. Für einen Augenblick wird er ernst – schon damals, sagt er, sei es schlimm gewesen in Afghanistan. Aber jetzt, nach dem Abzug von Nato und USA sei es noch viel schlimmer. "Jetzt hat jeder eine Kalaschnikow", sagt Baqer Nazari und schildert damit zugespitzt die Verhältnisse in dem Land, wo noch immer seine Mutter und ein Großteil seiner Familie leben.

Klaus Meusel vom Jobclub schüttelt ungläubig den Kopf. So ein Land solle als "sicher" gelten?

Es war die berüchtigte Balkanroute, auf der Baqer Nazari über den Iran, die Türkei, Griechenland und Österreich nach Deutschland fand. Eineinhalb Monate lang sei er unterwegs gewesen. Zu Fuß, mit dem Schiff, per Bus, Auto und dem Zug. Je nachdem, welche Möglichkeit sich dem damals knapp 20-jährigen Mann gerade bot.

Nach der Unterbringung in einem Flüchtlingsheim in Mannheim sei er schließlich nach Blumberg in den Schwarzwald-Baar-Kreis gekommen. "Ich habe einen Sprachkurs durchgemacht", erinnert sich Baqer Nazari. Sein Ziel war klar: ankommen. Und einen Job bekommen.

"Markige Parolen" in der Politik

An diesem Punkt ähnelt seine Geschichte so sehr der vieler anderer Flüchtlinge in der Region: Der erste Aslylantrag scheiterte. Die Abschiebung drohte. Aber dann kam der Vorschlag seines Anwalts ins Spiel: Der nämlich riet ihm, eine Ausbildung zu machen – mit einem Duldungspass könne er dann eine Aufschiebung der Abschiebung erreichen.

Baqer Nazari hatte Glück: Rund um den Jobclub Villingen-Schwenningen gibt es jede Menge engagierte Leute, die in den Zuwanderern keine Last, sondern ganz viel Potenzial sehen. "Wir brauchen keine Abschiebungen, sondern viel mehr junge Menschen wie Baqer für Deutschlands Zukunft", findet Klaus Meusel, der fassungslos mitunter "markige Parolen" in der Politik vernimmt: "Unser CDU-Bundestagsabgeordneter Thorsten Frei hat beispielsweise gesagt, solche Leute seien Sprengbomben im Gebälk der sozialen Kassen der Bundesrepublik Deutschland!"

Der Jobclub sieht das gravierend anders, und das habe nichts mit Barmherzigkeit zu tun, sondern mit knallharten Fakten: "Wir brauchen diese Leute!", sagt Meusel und deutet auf eine Tabelle des demographischen Wandels in Deutschland, die zeigt, wieviele der Babyboomer-Generation demnächst in Rente gehen – und wie wenige nachrücken.

Die Asyl-Unterstützergruppe im Schwarzwald-Baar-Kreis wolle Flüchtlingen auch deshalb helfen, in Deutschland beruflich Fuß zu fassen. 160 Flüchtlinge wurden in den vergangenen viereinhalb Jahren vom Jobclub und seinen Helfern schon betreut – "die allermeisten, die wir hier in Lohn und Brot gebracht haben, werden hier positive Mitbürger."

In Baqer Nazaris Fall reichte das Netzwerk bis zum Stuckateur-Betrieb von Ralf Albert in Hausen vor Wald bei Hüfingen. Albert nämlich kannte jemanden, der jemanden kannte, der wiederum eine kannte, die Baqer Nazari kannte – und die auch um sein Gesuch wusste. "Sie fragte nach, ob wir das nicht machen könnten", erinnert sich Ralf Albert an jenen Tag. "Bei mir kann eigentlich so gut wieder jeder eine Chance bekommen", sagt er achselzuckend auf die Frage, ob er keine Bedenken gehabt habe, einen Flüchtling, der gerade erst Deutsch gelernt habe, als Lehrling anzunehmen. "Man weiß es doch immer erst im Nachhinein."

An seinem ersten Tag als Lehrling in Alberts Stuckateurbetrieb schickte der Chef Baqer Nazari mit einem Mitarbeiter auf die Baustelle. Grinsend erzählt Ralf Albert, wie er sich – leicht unsicher – nachmittags bei seinem Mitarbeiter erkundigt habe, ob es "einigermaßen gehe" mit dem neuen Azubi. Sein Gegenüber habe ihn mit großen Augen angeschaut und ganz baff geantwortet: "Der Typ ist der Hammer, der kann ja alles!"

Als der Unternehmer das schildert, lächelt Baqer Nazari bescheiden in sich hinein und freut sich auf Nachfrage über seinen "guten Chef". Der "gute Chef" seinerseits freut sich über den guten Lehrling, denn was er anfangs nicht wusste: Baqer Nazari brachte trotz seiner Fremdheit viel Fachwissen mit. "Er hat schon mit sieben Jahren in Afghanistan auf Baustellen mitgeschafft", erzählt der Unternehmer. Mit Gips und Kelle weiß der Afghane also bestens umzugehen. Im Zeugnis entpuppte sich der Lehrling aus der Fremde in der Praxis schließlich als Einser-Kandidat, der auch den theoretischen Teil gut bestanden und vor kurzem seine Gesellenprüfung mit Erfolg abgelegt habe. "Auf der Baustelle läuft er komplett mit", freut sich Albert über den "immer mega pünktlichen" neuen Gesellen, der "so gut wie nie krank" gewesen sei und in Eigeninitiative sogar noch den Führerschein gemacht habe.

Die wirkliche Integration passiert in der Firma

Ein bisschen verblüfft ist Baqer Nazaris Chef noch immer, wenn er an die Unterstützung für seinen afghanischen Mitarbeiter denkt. "Es ist verrückt, wie viele da waren, die Baqer irgendwann geholfen haben", der Rückenwind komme sogar aus Schopfheim von der dortigen Gewerbeschule, deren Kollegium sich explizit nach ihm erkundigt und über seinen guten Prüfungsabschluss gefreut habe. Aber "das wirkliche Integrieren", findet Klaus Meusel vom Jobclub Villingen-Schwenningen, das finde eigentlich "über die Menschen in den Firmen statt".

Ralf Albert will seinen Teil dazu beitragen, denn wenn Baqer Nazaris nach seiner Ausbildungsduldung und dem erfolgten Abschluss nochmal zwei Jahre kontinuierlich arbeite, "dann ist er abschiebegesichert", so Meusel. "Es sei denn, er würde kriminelle Dinge tun – aber das schließe ich hier vollkommen aus." Bis zum 18. Oktober 2022 dauert Nazaris Aufenthaltsgestattung noch, danach besteht die Option zur Verlängerung – und nach acht Jahren kontinuierlicher Arbeit in Deutschland will der Afghane es schließlich tun: den Antrag auf Einbürgerung stellen.