In sozialen Netzwerken werden Mütter mit Werbung für Wand-Pilates bedrängt. Was für ein Schwachsinn. Wer will schon eine Wand als Gegenüber? Der Fitnesstrend ist kein Akt der Selbstermächtigung, vielmehr zeigen die Videos eine Welt, die beunruhigen sollte.
In dem Instagram-Video sieht man eine junge Frau mit der Yogamatte unter dem Arm im Wohnzimmer an spielenden Kindern vorbeischleichen. Dazu wird ein Text eingeblendet: „Wie du in Form kommst, auch wenn du eine viel beschäftigte Mutter bist und keine Zeit hast.“ Die Frau begibt sich auf Zehenspitzen in ein Nebenzimmer, offenbar weiterhin unbemerkt von den Kindern, legt sich auf den Rücken, stemmt die Füße gegen die Wand und drückt den Po mehrmals energisch in die Luft. Solche Videos werden Frauen seit einiger Zeit fortlaufend in die Timeline gespült bei Instagram. Bei Tiktok gilt Wand-Pilates als sogenannter Fitnesstrend. Es heißt dann: „Wenn du jetzt mit Wand-Pilates beginnst, wirst du bis Ende des Monats die Ergebnisse sehen.“ Wand-Pilates, so steht dort, „lässt den Bauch schlanker werden, macht die Oberschenkel straffer“.
Bloß nicht die Kinder merken lassen, dass man grade mal was für sich tun will
Als Jugendliche hat die Frau noch heimlich geknutscht oder geraucht. Verborgen vor den Eltern, die nun mal die Bestimmer waren und außerdem immer so neugierig. Und jetzt gibt es nichts Besseres zu tun, als heimlich die doppelte Kniebeuge zu machen? Eltern wissen, die Momente, in denen sie kurz ungestört etwas tun können, sind so begrenzt wie die des Bundeskanzlers während der Haushaltsberatungen. Da muss man jeden Moment nutzen – und bloß nicht die Kinder merken lassen, dass man grade mal was für sich tun oder seine Ruhe will. Das riechen die förmlich – und kommen wieder angekrochen.
Die Werbung sagt: Beinschere an der Wand, Schulterdehnung, Vorwärtsbeuge, Beinschwingen, Wandsitz, doppelte Kniebeugen, Liegestütze, all das müsse man ganz einfach nur 28 Tage lang 15 Minuten am Tag machen, dann sehe man schon anders aus. Wie denn? Auch darauf gibt es Antworten: „Dann sind deine Rückenprobleme verschwunden, und die Beine werden immer stärker und definierter. Deine Taille ist snatched.“ Was auch immer das heißen soll. Die Darstellerin im Video jedenfalls sieht aus wie die 21-jährige Schauspielerin, die sie ist. Wo ist Celeste Barber, wenn man sie braucht?
Stark und flexibel wollten Frauen schon einmal werden – mit Aerobic in den 80ern
Mütter sollen, das weiß man längst, nach der Geburt von Kindern schnell wieder fit sein. Sie sollen alles „unter einen Hut kriegen“ und dabei entspannt bleiben. In einem Artikel der „Süddeutschen Zeitung“ hieß es kürzlich: „In der Elternhölle erzählen Mütter und Väter einander jeden Tag, wie irre entspannt sie sind. Wobei die Mutter unter besonders strenger Beobachtung steht.“ Unnötig zu sagen, dass Frauen außerdem weiterhin toll aussehen sollen und damit „fuckable“ bleiben, wie es die Journalistin Caroline Rosales in dem Buch „Sexuell verfügbar“ nennt. Der Druck hat mit den sozialen Medien zugenommen, das wissen alle.
In den Videos heißt es, mit Wand-Pilates ließen sich jetzt fast alle Probleme lösen, es entspannt, und die Frau bleibt „stark und flexibel“. Das ist für eine Mutter sinnvoll, und zwar nicht nur in Bezug auf die wichtigsten Muskelgruppen, sondern überhaupt.
Stark und flexibel, genau das wollten Frauen schon einmal sein, als sie in den 80ern euphorisch zu den Videos von Jane Fonda Aerobic machten – der erste weiblich dominierte Breitensport – und selbstbewusst Schulterpolster trugen. Was damals die Polster, sind heute die durchtrainierten Schultern und Oberarme vieler Frauen. Im aktuellen Schönheitsideal hat die Frau Muskeln, ist kräftig, was in die feministische Zeit passt.
Die Historikerin Melanie Woitas stellt in ihrer Dissertation über die Geschichte des Aerobics in den USA fest, dass der Fitnessgedanke der 80er in Amerika zu einem Zeitpunkt kam, als die Wirtschaft stagnierte, viele sich ohnmächtig fühlten. Aerobic war eine Möglichkeit für Frauen, gemeinsam das Gefühl der Ohnmacht mit der Arbeit am eigenen Körper zu kompensieren.
Mütter sollten unbedingt mal ohne die Kinder das Haus verlassen
Nach der Pandemie und mit einem Krieg in Europa hat das Gefühl des Ausgeliefertseins heute natürlich erneut Konjunktur. Trotzdem sind Fitnesstrends wie Wand-Pilates alles andere als ein Akt der Selbstermächtigung für Frauen. Alleine zu Hause zu sporteln hat sich zwar seit der Pandemie als Trend etabliert, doch stellt sich gerade für Mütter kleiner Kinder die Frage, wie mental wohltuend das auf Dauer sein kann.
Wer will schon eine verdammte Wand als Gegenüber?
Die Videos zum Wand-Pilates in den sozialen Netzwerken zeigen eine Welt, die beunruhigend sein muss. Während alle von der Gleichberechtigung der Geschlechter reden, hat die Mutter offenbar weiterhin nur wenige winzige Momente – also so 15 Minuten am Tag – für sich, kann das sein? Wo ist der Vater zum Beispiel? Kann die Frau nicht mal eine Stunde Badminton spielen gehen? Warum darf sie nicht raus? Über die Einsamkeit von Müttern, die mit Kleinkindern zu Hause sitzen, und die Gefahren des Verschwindens von Frauen in die Sphäre des Privaten nach der Geburt von Kindern ist oft berichtet worden.
Man könnte also argumentieren, Mütter sollten unbedingt das Haus verlassen. Und zwar so oft es geht auch ohne die Kinder, wenn die anderweitig betreut sind. Momente, in denen die Kinder die Aufmerksamkeit nicht einfordern, können Mütter vielleicht besser nutzen als mit der pedantischen Selbstoptimierung des eigenen Körpers – zu der im Übrigen auch das beliebte Achtsamkeitstraining gehören kann („Ich bin achtsam, damit ich weiter funktionsfähig bleibe“). Dem Druck, der von außen kommt, sollten sich Mütter öfter widersetzen.
Statt in freien Momenten den Turnvater Jahn zu geben, kann man auch einfach mal wieder tanzen gehen, die Zeit verschwenden, lachen, rauchen, knutschen und träumen. Am besten etwas, bei dem die Frau sich spüren kann, bei dem sie merkt: Ich bin noch da.