Michael Kewes, Leiter des Finanzamtes Rottweil, erläutert, warum die Zahlen von lohnsteuer-kompakt.de zur Bearbeitungszeit von Finanzämtern aus seiner Sicht nicht repräsentativ sind.
Das Portal lohnsteuer-kompakt.de wertete auch für das Jahr 2023 wieder die Bearbeitungszeit der Finanzämter Deutschlands aus. Nach der Auswertung liegt die durchschnittliche Bearbeitungsdauer pro Einkommenssteuererklärung in Baden-Württemberg bei knapp 64 Tagen, in Rottweil bei rund 47 Tagen.
Die Zahlen von lohnsteuer-kompakt.de seien für das Finanzamt Rottweil samt Außenstelle Oberndorf nicht nachzuvollziehen, teilt Amtsleiter Michael Kewes mit. Tatsächlich habe die Bearbeitungszeit bei den für das Jahr 2022 abgegebenen Erklärungen in 2023 im Landesdurchschnitt 54 Tage betragen und beim Finanzamt Rottweil inklusive Außenstelle Oberndorf durchschnittlich 51 Tage. Damit habe sich die Bearbeitungszeit im Landesdurchschnitt und beim Finanzamt Rottweil nicht weiter verlängert und liege auf dem Niveau von 2022.
Konstant hohe Altersabgangsquote
Die Abweichungen zu den Daten von lohnsteuer-kompakt.de seien laut Kewes möglicherweise darauf zurückzuführen, dass lohnsteuer-kompakt.de nur über 400 000 Steuererklärungen bundesweit ausgewertet hat. Dabei hätten allein in Baden-Württemberg die Finanzämter jährlich über vier Millionen Einkommenssteuererklärungen zu bearbeiten. Davon entfielen auf das Finanzamt Rottweil über 54 000 Fälle. „Aus unserer Sicht sind die Daten von lohnsteuer-kompakt.de aufgrund der geringen Fallzahlen nicht repräsentativ“, teilt Kewes mit. Zudem werte lohnsteuer-kompakt.de nur die Steuererklärungen aus, die über das Portal selbst abgegeben werden. Die weitaus größere Zahl gelange aber auf andere Wege zum Finanzamt.
Die Bearbeitungsdauer unterliege zahlreichen Einflüssen und stelle auch immer eine Momentaufnahme dar, so der Amtsleiter. Dabei spiele auch die Personalausstattung eine Rolle. Sind beispielsweise verstärkt Beschäftigte in Elternzeit oder in Pension, müssen vermehrt neue Kollegen eingearbeitet werden, wirke sich dies auf die Bearbeitungszeit aus. Unbesetzte Stellen gebe es vor allem aufgrund konstant hoher Altersabgangsquoten, obwohl als Gegensteuermaßnahme die Ausbildungszahlen deutlich erhöht worden seien.
ELSTER empfohlen
Zudem weist Kewes darauf hin, dass die Bearbeitungszeit auch vom Abgabeverhalten der Bürger abhänge. Wenn beispielsweise viele Bürger ihre Steuererklärung in kurzer Zeit abgeben, könne dies zu längeren Bearbeitungszeiten führen. Die Dauer der Bearbeitung einzelner Steuerfälle sei teilweise sehr unterschiedlich, da auch die Qualität und Komplexität der einzelnen Erklärungen Einfluss nehme.
Auswirkungen der Corona-Pandemie seien auch 2023 noch bei der Arbeit der Finanzämter spürbar gewesen. Neben den pandemiebedingten Zusatzaufgaben habe vor allem auch die gesetzliche Verlängerung der Abgabefristen für Steuererklärungen zu Arbeitsrückständen geführt. Hinzu seien weitere Zusatzarbeiten gekommen, wie zum Beispiel die Grundsteuerreform und Energiepreispauschale. Ein wichtiges Mittel zum Abbau von Rückständen sei die Digitalisierung, welche kontinuierlich von der Steuerverwaltung vorangetrieben werde. Die digitale Abgabe der Erklärung, beispielsweise über ELSTER, bringe klare Vorteile.
Im Durchschnitt langsamer geworden
Absolut gesehen seien, infolge der Verlängerung der Abgabefristen für Steuererklärungen und dadurch spätere Abgabe, beim Finanzamt Rottweil samt Außenstelle Oberndorf 2023 mehr Steuererklärungen bearbeitet worden als im Vorjahr. Ziel sei es, unter den gegebenen Umständen, wieder schneller zu werden, erklärt Kewes.
„Insgesamt ist die Bearbeitungszeit der einzelnen Finanzämter erneut langsamer geworden“, sagt Felix Bodeewes, Geschäftsführer von lohnsteuer-kompakt.de. „Der bundesweite Schnitt lag 2021 noch bei 49 Bearbeitungstagen und 2022 bereits bei 53,6 Tagen. Im vergangenen Jahr hat sich die Bearbeitungszeit erneut verlangsamt auf durchschnittlich 56,86 Tage.“