Oft heiß umkämpft sind die Derbys zwischen der SG BBM Bietigheim und der TuS Metzingen (beim Wurf Naina Klein) – im Final Four in Stuttgart könnten die württembergischen Rivalen im Finale aufeinandertreffen. Foto: Baumann

Die Handball-Bundesliga Frauen (HBF) soll und will sich professionalisieren. Über die Maßnahmen wird auch beim DHB-Pokal-Final-Four in Stuttgart diskutiert. Der Ligavorsitzende Andreas Thiel deutet in einem umstrittenen Punkt Kompromissbereitschaft an.

Die Pressemeldung datiert vom März 2022: Gemeinsam bekannten sich der Deutsche Handball-Bund (DHB) und die Handball-Bundesliga Frauen (HBF) zu einer „Stärkung des Frauenhandballs mit weiterer Professionalisierung auf allen Ebenen“. Anlass war die Unterzeichnung des neuen Grundlagenvertrags, der die Beziehung zwischen Dachverband und Liga detailliert regelt. Der neue Vertrag biete „großartige Entwicklungsmöglichkeiten für den Frauenhandball“, fand DHB-Präsident Andreas Michelmann.

 

Frauen-WM 2025 auch in Stuttgart

Im Jahrzehnt des Handballs und mit Blick auf die Frauen-WM 2025 im eigenen Land (auch mit Spielen in Stuttgart) könnte man sich so gemeinsam und nachhaltig entwickeln. Damit vermittelte der Chef des mitgliederstärksten Handballverbandes der Welt den Eindruck, dass bald alles viel besser werde im zähen Kampf um mehr Aufmerksamkeit für den Frauenhandball.

Thiel fordert Geduld

Doch selbst ein Final Four um den DHB-Pokal wie an diesem Wochenende in der Stuttgarter Porsche-Arena bleibt bei der sportaffinen Bevölkerung bundesweit unter dem Radar und sorgt nur regional für Aufsehen. „Wir werden ein Randsport bleiben, aber wir können mit Energie, Geduld und gegenseitigem Verständnis Schritte nach vorne machen“, sagt der ehemalige Weltklasse-Torwart Andreas Thiel, seit 2018 Vorsitzender der HBF.

Im Zuge der Professionalisierung wird seit dieser Saison auf einem einheitlichen Hallenboden gespielt. Ab Sommer wird die Liga von 14 auf zwölf Clubs verkleinert und ein Play-off-System eingeführt. „Zwölf wirtschaftlich gesunde Vereine steigern die Wettbewerbsintensität“, begründet Thiel. Durch die Konzentration der Kräfte und den neuen Modus soll es mehr „Do-or-Die-Spiele“ geben. Was nicht zuletzt die Stressresistenz der Nationalspielerinnen fördern soll, wovon wiederum die Lokomotive DHB-Auswahl in den Schlüsselpartien bei den großen Turnieren um die lang ersehnten Medaillen profitieren soll.

Kontroverse Diskussion

Dass nicht alle Vereine über die Reduzierung der Teams und die Play-Offs glücklich sind, ist keine große Überraschung. „Wir haben 85 Millionen Einwohner, da werden wir doch 14 Bundesligisten zusammenbekommen – das ist doch lächerlich“, sagt Herbert Müller, der Trainer des Thüringer HC und liefert seine Einwände gleich mit: „Da bei den Topteams die Schlüsselpositionen oft mit ausländischen Kräften besetzt sind, nimmt man durch die Reduzierung jungen deutschen Spielerinnen, die Möglichkeit, sich auf höchstem Niveau zu messen.“

Die Play-Offs sieht Müller ebenfalls kritisch – genauso wie Bastian Dörr: „Am gerechtesten ist immer noch eine normale Punkterunde. Wenn sich zwei wichtige Spielerinnen vor den entscheidenden Meisterschaftsspielen verletzen, verzerrt dies das Ganze und kann den Titel kosten“, gibt der Geschäftsführer der SG BBM Bietigheim zu bedenken. Thiel nennt das ein „Totschlagargument“, das er so nicht gelten lässt. „Play-Offs bringen volle Hallen, bessere Einschaltquoten und jede Menge Spannung. Überraschungen sind doch das Salz in der Suppe“, findet der 64-Jährige mit dem Spitznamen „Hexer“.

Bei einer anderen umstrittenen Änderung zeigt sich Thiel dagegen kompromissbereit. Ab der Saison 2025/26 dürfen Bundesligisten ihre Heimspiele nur nur noch in Hallen austragen, die mit Tribünen auf beiden Längsseiten ausgestattet sind. Dies sorgt bei vielen Clubs für Probleme, wie zum Beispiel bei etablierten Erstligisten wie der TuS Metzingen, Borussia Dortmund, der HSG Bensheim-Auerbach, beim BSV Zwickau oder auch der HSG Bad Wildungen. Branchenprimus Bietigheim mit seiner bisherigen Heimspielstätte am Viadukt hätte die Regelung auch hart getroffen. Nur der mit der künftigen Namensänderung zur HB Ludwigsburg verbundene Umzug in die MHP-Arena nach Ludwigsburg löst das Problem. „Sollten wir wirklich Traditionsstandorte verlieren, bin ich mittlerweile durchaus offen für eine nochmalige Diskussion“, sagte Thiel gegenüber unserer Redaktion und deutete damit zumindest Kompromissbereitschaft an.

Ohnehin gibt es Stimmen von Experten, für die die künftigen Änderungen an den wahren Schwierigkeiten vorbeigehen. „Die Entwicklung einer Spielerin fördere ich nicht durch zwei „Do-or-Die-Spiele“ mehr in der Saison, das ist ein Prozess über Jahre hinweg und funktioniert nur über internationale Spiele mit den Clubs auf höchstem Niveau“, sagt Ex-Bundestrainer Dago Leukefeld.

Leukefeld fordert Traineroffensive

Für ihn liegt das Kernproblem nach wie vor an der mangelnden Förderung im Nachwuchsbereich: „Wir haben zu wenig Trainer im Jugendbereich, quantitativ und qualitativ. Seit Jahren vermisse ich vom Verband eine Traineroffensive mit klaren Strukturen und geeigneten Mentoren.“ Auch inhaltlich würde man bei der Ausbildung in Deutschland der Weltspitze hinterherhecheln. Leukefeld: „Wir sind nicht modern genug, das wirkt sich dann aus auf die Bereiche Wurfvariabilität, Sprungkraft, Entscheidungsverhalten, in denen es Defizite gibt.“ Bundestrainer Markus Gaugisch (Vertrag bis 2026) hat dann am Ende der Kette die knifflige Aufgabe, das Optimale für das Nationalteam herausholen. „Was er macht hat Hand und Fuß“, sagt Leukefeld und ist sich immerhin an diesem Punkt mit Thiel einig.

Final Four in der Porsche-Arena

Spielplan
Halbfinale: Samstag, 9. März: VfL Oldenburg – TuS Metzingen (15 Uhr), Thüringer HC – SG BBM Bietigheim (17.30 Uhr). Spiel um Platz drei: Sonntag, 10. März um 14 Uhr. Finale: Sonntag, 10. März um 16.30 Uhr.

Fernsehen
Eurosport überträgt im frei empfangbaren TV das zweite Halbfinale und das Endspiel live, die beiden anderen Spiele zeitversetzt. Alle Spiele sind im Livestream bei Dyn und sportdeutschland.tv zu sehen.

Tickets
www.ticketmaster.de, Telefon: 01806 / 999 0000 oder www.easyticket.de, Telefon 0711 / 2 555 555. Bisher sind für den Samstag rund 2300 Karten verkauft, für den Sonntag gut 2700.

Rekord
Die SG BBM Bietigheim hat 2021, 2022 und 2023 den DHB-Pokal gewonnen und könnte mit einem weiteren Triumph mit einem vom TSV Bayer Leverkusen aufgestellten Rekord gleichziehen. Denn in 48 Jahren ist es bisher nur Bayer gelungen, viermal hintereinander den nationalen Cup zu gewinnen (1982 bis 1985). Den Hattrick haben auch nur zwei weitere Clubs geschafft, Walle Bremen (1993 bis 1995) und der HC Leipzig (2006 bis 2008). (jüf)