Carsten Schuffert in seinem Popcornkino Foto: Ines Rudel

Nach Corona drohte die Universitätsstadt cineastisch zu verkümmern. Doch Carsten Schuffert, Inhaber einer Filmproduktionsfirma, hatte einen Plan.

Im großen Saal zeigt Carsten Schuffert auf die erste Reihe. Der Abstand zwischen den taubenblauen Plüschsesseln und der Leinwand ist nicht groß. „Hier saßen die Zuschauer wie die Katze auf dem Schleifstein“, sagt er trocken. Nach zwei Stunden Kino hatten sie Genickstarre. Schuffert hat überlegt, wie dieses unbequeme Erlebnis zu verbessern wäre und eine verblüffend einfache Lösung gefunden: In Reihe 1 ließ er die Rückenlehnen der Kinosessel absägen. Die Sitzflächen blieben. Wer jetzt in Reihe 2 sitzt, kann sie als Fußpolster benutzen und die Beine hochlegen.

 

Schuffert hatte genug Zeit für den Umbau. Im März 2020 lief im Kino Blaue Brücke in Tübingen der letzte Film. Dann kam Corona. Seither standen die drei Säle leer, die eine Institution waren in dieser Stadt. Generationen haben in diesem Popcorn-Kino ihren ersten James Bond gesehen. Als die Pandemie überstanden war, blieb das Kino in dem markanten Gebäude an der Eisenbahnbrücke geschlossen. Es gab dort nur noch eine kleine Änderungsschneiderei, seit Jahrzehnten betrieben von Konstantinos Sarras. Der Deutschgrieche sagt: „Die Blaue Brücke war drei Jahre lang ein totes Eck.“

Carsten Schuffert befürchtete eine Abwärtsspirale. „Gibt es in Tübingen bald gar kein Kino mehr?“, fragte er sich. Weil er sich mit diesem Niedergang nicht abfinden wollte, hat er dem Kino eine Brücke in die Zukunft gebaut. Mit dem Unternehmer Robert Weihing übernahm er das blaue Lichtspielhaus. Einen Tag nach Weihnachten lud Schuffert zur Bescherung. Der Saal war proppenvoll, mehr als 300 geladene Gäste warteten gespannt. Bevor das Licht ausging, nahm er ein Mikrofon, stellte sich vor die Leinwand und erklärte: „Das Kino wurde schon oft totgesagt. In den 50er Jahren, als das Fernsehen in die Wohnzimmer kam. Heute machen die Streamingdienste Konkurrenz. Also, das Kino muss sich anstrengen.“ Und dann lief nach einer Pause von 1392 Tagen in der Blauen Brücke wieder ein Film. Eine Woche vor dem deutschlandweiten Kinostart sah das Tübinger Publikum „Priscilla“ von Sofia Coppola. Der Baubürgermeister Cord Soehlke schwärmte von der Premiere: „Es ist mehr als die Wiedereröffnung eines Kinos. Es ist fast eine Auferstehung.“

Frühe Filmpläne

Carsten Schuffert, 57, ist ein groß gewachsener Mann, der nicht den großen Auftritt sucht. Freundlich und beinahe schüchtern lächelt er aus seinem schmalen Gesicht. Da tritt kein Entertainer auf. Sondern einer, der weiß, was er will. Das hängt mit seiner Kindheit zusammen. Er wuchs in Ludwigsburg auf. In der Nachbarschaft wohnte ein Filmvorführer, der nahm den Jungen öfters mit. Sein erster James Bond war „Der Spion, der mich liebte“. Dann kam gleich der nächste Blockbuster. Schuffert war elf Jahre alt. „Krieg der Sterne hab ich zwölfmal gesehen. Damals war mir klar, dass ich zu den Spezialeffekten will.“ Er drehte Super-8-Filme und engagierte sich im Schülerkino.

1990 kam er als Medizinstudent nach Tübingen. Zwei Jahre später gründete er hier eine Filmproduktionsfirma. Er organisierte das Sommernachtskino. 1998 machte er „Titanic“ zu einem außergewöhnlichen Event: Die Leinwand hing an der großen Neckarbrücke, 1000 Zuschauer saßen in Booten und Stocherkähnen. „Ein paar sind gekentert, heute würde man für so eine Veranstaltung keine Genehmigung mehr kriegen.“ Auf festem Boden, mit Tribüne und Bewirtung, läuft sein Sommernachtskino noch immer sehr erfolgreich. Warum steigt er als Betreiber ins reguläre Kinogeschäft ein?

Bundesweit hat sich die Branche von der Pandemie erholt. Der Hauptverband Deutscher Filmtheater (HDF) verzeichnete vergangenes Jahr 87 Millionen verkaufte Tickets. Das bedeutet einen Besucheranstieg von 18 Prozent gegenüber 2022. Der Umsatz hat sich noch rasanter entwickelt: Er wuchs um 23 Prozent auf 859 Millionen Euro.

Keine Festivals mehr?

Dagegen sah in Tübingen die Zukunft des Kinos düster aus. Als die Pandemie überstanden war, verkaufte die Besitzerfamilie Lamm ihre Blaue Brücke mit den drei Kinosälen. Verbunden mit einer notariellen Auflage: Der neue Eigentümer Robert Weihing darf hier nie wieder Filme zeigen. Auf diese Weise bereinigte Familie Lamm den Markt in ihrem Sinne: Sie betrieb in Tübingen auch das Traditionskino Museum. Dieses lief schlecht. Die Blaue Brücke sollte ihm keine Konkurrenz mehr machen.

Den Cineasten drohte weiteres Ungemach: Das Arsenal, eines der ältesten Programmkinos in Baden-Württemberg, das seit 1974 zu einer Tübinger Institution gewachsen ist, muss diesen Winter nach fast 50 Jahren schließen. Folglich hätte die Stadt mit mehr als 90 000 Einwohnern dann nur noch drei Kinosäle im Museum und das Programmkino Atelier. Können auf mickrigen vier Leinwänden noch Filmfestivals stattfinden? Sind die beliebten französischen Filmtage am Ende?

Mit dieser Tristesse wollte sich Carsten Schuffert nicht abfinden. Er suchte das Gespräch mit dem Tübinger Unternehmer Robert Weihing, die beiden entwickelten einen großen Plan: Zum 1. Oktober 2023 übernahmen sie von Familie Lamm das Kino Museum. Jetzt durften sie sich selbst mit der Blauen Brücke Konkurrenz machen. Sie ließen die Handwerker kommen: Das Foyer mit dem geschwungenen Tresen bekam eine zeitgemäße Ästhetik, wurde aber so behutsam erneuert, dass die Tübinger ihr altes Popcornkino wiedererkennen.

An beiden Standorten, die sie bespielen, wollen Schuffert und Weihing jeweils mehrere 100 000 Euro investieren. Schuffert sagt: „Das Kino soll wieder zu einem Ort werden, an dem sich die Leute wohlfühlen. Als Betreiber muss man sich mehr anstrengen als noch in den 90er Jahren. Aber wenn man die Bedürfnisse des Publikums erkennt, hat das Kino eine Zukunft.“

Arzt oder Filmmann?

Carsten Schuffert gehört zu den Menschen, die Veränderungen nicht als bedrohlich empfinden. Nach dem Zweiten Staatsexamen musste er sich entscheiden: Arzt werden oder mit bewegten Bildern Geld verdienen? „Damals gab es eine Ärzteschwemme, und die Arbeitsbedingungen in der Klinik waren nicht attraktiv“, sagt er. Also baute er seine Filmfirma aus. Heute beschäftigt Bewegte Bilder in Tübingen, Köln und Berlin 15 Mitarbeiter. Vergangenes Jahr erwirtschaftete das Unternehmen einen Umsatz im einstelligen Millionenbereich. „Ich hab eine funktionierende Firma“, sagt Schuffert selbstbewusst, „ich war nicht gezwungen, etwas Neues anzufangen.“

Tübingen empfindet er mittlerweile als seine Heimat. Er schwärmt vom Lebensgefühl der Stadt. Wenn es geht, ist er mit dem Rad unterwegs. Vor ein paar Jahren trat er der grünen Partei bei, im Wahlkampf drehte er Filme für Boris Palmer. Als er mit Bettina Lamm über die Übernahme der Museumslichtspiele verhandelte, spürte er einen Heimvorteil: „Ihr war wichtig, dass der neue Betreiber aus der Stadt kommt.“

Seine Produktionsfirma eröffnet ihm eine Perspektive weit über das Neckarufer hinaus. Für die Filmnächte in Dresden vermietet er eine der weltweit größten transportablen Leinwände. Sie ist 32 Meter breit und wird jeden Sommer in den Elbwiesen aufgebaut. Internationale Filmemacher vergeben die Nachproduktion an Schufferts Firma. Gerade hält sich ein Kameramann aus Berlin in Tübingen auf. Er hat die Verfilmung von Max Frischs Roman „Stiller“ gedreht und kümmert sich jetzt hier um die Feinheiten der Farbkorrektur. „Tübingen ist ja nicht zwingend eine Filmstadt“, sagt Schuffert, „aber er freut sich, dass er mal aus seinem Moloch rauskommt.“

Das Ende des Arsenals

In der Altstadt sitzt Stefan Paul in der Kneipe, die untrennbar zu seinem Kino Arsenal gehört, raucht einen Zigarillo und sagt: „Für Tübingen ist die Wiedereröffnung der Blauen Brücke ein Glücksfall. Die Stadt musste keinen Euro in die Hand nehmen, um das Kinosterben zu stoppen.“ Trotzdem ist die Wehmut in seiner Stimme unüberhörbar: Nach hinhaltendem Kampf schließt Ende Februar das Programmkino, das er sein Lebenswerk nennt. Als die Immobilie zum Verkauf stand, ist es ihm nicht gelungen, eine Finanzierung auf die Beine zu stellen. Er sagt: „Vor 50 Jahren haben wir als antiautoritäre Untergrundhöhle begonnen. Generationen von Studenten haben in unserer Kneipe gejobbt. Wir sind zu einem kulturellen Treffpunkt in der Stadt geworden.“

Sein zweites Programmkino Atelier bleibt bestehen. Der neue Kinokönig hat ihm „eine freundliche Übernahme“ angeboten, wie Paul das nennt: Schuffert disponiert die Filme fürs Atelier. Und wenn er im Sommer das Museum renoviert, will er ihm die Referenz erweisen. Ein Saal soll „Arsenal“ heißen, dort sollen Arthouse-Filme laufen.

Vor zwei Jahrzehnten hat sich Stefan Paul gemeinsam mit der damaligen Oberbürgermeisterin Russ-Scherer gegen ein Multiplex-Kino in Tübingen gewehrt. Mit Erfolg, die Stadt hat auch in dieser Hinsicht ihre Eigenständigkeit bewahrt. Carsten Schuffert sieht das als Vorteil: „In Tübingen werden keine Filme in anonymen Stickluftkammern gezeigt. Wir haben Säle und Gebäude mit Charakter.“ Diese Voraussetzungen will er nutzen. In seinen Kinos sollen über das normale Programm hinaus Events stattfinden: Filmpremieren, Konzerte, Lesungen. Demnächst kommt der Autor Florian Illies. „Wenn es sich anstrengt, hat das Kino eine Zukunft“, sagt Schuffert. „Wenn es in Tübingen nicht funktioniert – wo dann?“