Die Darsteller von „Flag Day“ in Cannes: Dylan Penn, Sean Penn, Katheryn Winnick (von links). Foto: AFP/Christophe Simon

In Cannes präsentiert Sean Penn „Flag Day“, Matt Damon kommt zur Premiere von „Stillwater – Gegen jeden Verdacht“, doch kritisch hervor sticht bislang nur Paul Verhoevens „Benedetta“. Eine Zwischenbilanz.

Cannes - Natürlich wird bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes stets die Vielfalt des Weltkinos gefeiert und obendrein natürlich ein besonderer Fokus auf einheimische Produktionen gelegt. Allein sieben französische Regisseurinnen und Regisseure sind dieses Jahr im Wettbewerb vertreten. Natürlich gilt ein besonderes Augenmerk auch stets Hollywood und dem amerikanischen Kino. Am ersten Festivalwochenende wurde man diesbezüglich allerdings eher enttäuscht.

 

Oscar-Gewinner Sean Penn präsentierte mit „Flag Day“ eine weitere Regiearbeit, die erste seit dem vor fünf Jahren an gleicher Stelle gefloppten „The Last Face“. Dieses Mal spielt er, an der Seite seiner Tochter Dylan Penn auch gleich die Hauptrolle: einen Trickbetrüger, Ganoven und Tunichtgut, der von seiner Tochter vergöttert wird, obwohl sie eigentlich sehr genau merkt, welche zerstörerische Wirkung er auf ihr Leben hat. Über fast 20 Jahre, von sommerlichen Kindheitstagen in den Siebzigern bis hin zu einem tragischen Ende 1992, erstreckt sich diese ungute, auf den wahren Erinnerungen der Autorin Jennifer Vogel basierende Vater-Tochter-Beziehung, in der sich beide Penns schauspielerisch nicht mit allzu viel Ruhm bekleckern. Schwerer wiegt allerdings noch, dass „Flag Day“ – visuell mit viel Americana-Nostalgie umgesetzt – in den Details erstaunlich schludrig und ausgesprochen langweilig erzählt ist.

Matt Damon in noch so einem Vater-Tochter-Drama

Den Platz im Wettbewerb hätte „After Yang“ viel eher verdient, ein Stück faszinierender Science-Fiction-Poesie des US-Regisseurs Kogonada, der sich in seiner Geschichte über eine Familie und ihren humanoiden Roboter Gedanken über die Menschlichkeit macht. Während Hauptdarsteller Colin Farrell zur Premiere in der Nebenreihe „Un Certain Regard“ nicht anreisen konnte, kam dafür Matt Damon an die Croisette, dessen neuer Film „Stillwater – Gegen jeden Verdacht“ außer Konkurrenz gezeigt wurde. Noch so ein Familiendrama mit Vater-Tochter-Fokus.

Bill, von Damon mit viel Körpermasse und wenigen Worten gespielt, ist ein Öl- und Bauarbeiter aus dem ländlichen Oklahoma, der jeden Abend über seiner Fast-Food-Mahlzeit betet und mit Gefühlen eigentlich nicht viel am Hut hat. Seine erwachsene Tochter Allison (Abigail Breslin) sitzt in Marseille im Gefängnis, ihr wird vorgeworfen, im Auslandsstudium ihre Freundin umgebracht zu haben. Als mögliche neue Beweise auftauchen, macht Bill es vor Ort zu seiner Aufgabe, für ihre Freilassung zu kämpfen – und findet nebenbei unerwarteten Anschluss an eine alleinerziehende Französin (stark: Camille Cottin) und ihre Tochter.

Tom McCarthy inszeniert das eher als Drama denn als Thriller und wandelt auf einem schmalen Grat aus Klischees und Wahrhaftigkeit sowie plumpem Schmalz und komplexer Emotionalität. Die Balance gelingt nicht immer überzeugend, auch weil das Drehbuch der Beziehung zwischen Vater und Tochter bis zum eher antiklimaktischen Schluss nie den gleichen Raum und die Aufmerksamkeit schenkt wie Bills neuem Alltag in Frankreich und seiner persönlichen Weiterentwicklung.

Aufreger mit Ankündigung

Für deutlich mehr Gesprächsstoff sorgte in Cannes ohnehin ein anderer Film. Paul Verhoevens „Benedetta“, der eigentlich schon vergangenes Jahr hätte gezeigt werden soll, galt als Aufreger mit Ankündigung: Der Regisseur von „Basic Instinct“ und dem Vergewaltigungsdrama „Elle“ inszeniert eine Geschichte über lesbische Nonnen im 17. Jahrhundert. Die nackte Haut, die schon der Busenblitzer auf dem Filmplakat verspricht, gab es dann auch tatsächlich reichlich zu sehen, und es wird niemanden überraschen, dass Verhoevens Blick auf seine Protagonistin (gespielt von Virginie Efira) nicht frei von einem gewissen Sexismus ist. Oder dass „Benedetta“ natürlich auch eine gnadenlose Abrechnung mit der katholischen Kirche innewohnt. Eine Art „Show Girls“ im Kloster ist am Ende allerdings nicht dabei herausgekommen – und es ist fast ein wenig enttäuschend, dass die Romanverfilmung nicht annähernd so provokant, albern oder skandalös geraten ist wie erhofft. Trotz einer zum Dildo umfunktionierten Marienfigur.