Bahnkunden müssen länger auf neue Reisezüge warten. Wegen Lieferproblemen des spanischen Herstellers können die betagten Intercity-Züge erst ab Herbst 2024 ersetzt werden.
Bahn-Kunden müssen länger auf neue Züge zu beliebten Urlaubszielen wie Amsterdam, Sylt und Oberstdorf im Allgäu warten. Denn die Deutsche Bahn AG kann ihre betagten Intercity-Züge erst ab Oktober 2024 und damit deutlich später durch modernere Reisezüge des Herstellers Talgo aus Spanien ersetzen. Das bestätigte ein DB-Sprecher unserer Zeitung.
Als Grund für die Verzögerungen nennt der Konzern die Coronapandemie, wegen der weltweit Produktions- und Lieferketten gestört seien. „Davon ist auch Talgo nicht verschont geblieben, da Spanien besonders gravierend getroffen wurde“, so der Sprecher. Da es seit der Auftragsvergabe Anfang 2019 geänderte Rahmenbedingungen in der Schienenfahrzeugindustrie gebe, könnten die Züge „erst schrittweise ab Oktober 2024 in Betrieb gehen“. Damit gibt es ein weiteres Mal Lieferprobleme bei Neubestellungen. Für den DB-Konzern und Talgo ist der Milliardenauftrag ein sehr bedeutsames Pilotprojekt. Bisher wird die ICE- und Intercity-Flotte von der Bahnindustrie aus Deutschland geliefert, dabei gab es immer wieder Verzögerungen und Qualitätsprobleme. Die Spanier hatten sich vor vier Jahren bei einer europaweiten Ausschreibung gegen harte Konkurrenz durchgesetzt.
Mit den neuen Zügen soll die Reisezeit verkürzt werden
Der milliardenschwere Rahmenvertrag umfasst hundert Fahrzeuge, bestehend aus Elektroloks und Reisezugwagen. Die DB hat zunächst 23 Züge für 550 Millionen Euro bestellt, die laut Vertrag ab 2023 geliefert werden sollten und in Madrid sowie Bilbao gebaut werden. Wegen der Pandemie konnten in Spanien viele Firmen ihre Mitarbeiter aber lange Zeit nur noch im Homeoffice arbeiten lassen, was auch die Entwicklung und Fertigung der neuen DB-Modellreihe beeinträchtigte.
Die Reisezüge werden künftig in der DB-Fernzugflotte als ICE L geführt und mit bis zu Tempo 230 zu beliebten Urlaubszielen unterwegs sein. Die 255 Meter langen und 425 Tonnen schweren Züge werden 570 Sitzplätze in 17 Wagen haben und sollen „echten ICE-Komfort“ bieten: WLAN, Bordbistro und Fahrgastinfos in Echtzeit, zudem stufenloser Einstieg auf Bahnsteighöhe und acht Radstellplätze, die bei älteren ICE komplett fehlen.
Die schnellen, leichten und deshalb energiesparenden Intercity-Züge von Talgo fahren bereits in den USA, Russland, Kanada oder in Kasachstan. Die DB will mit den Zügen die Reisezeit zwischen Berlin und Amsterdam um rund 30 Minuten auf 5 Stunden und 50 Minuten verkürzen. Besonders interessant: Laut Talgo können die Reisezüge bei Bedarf zu Highspeed-Zügen bis Tempo 300 aufgerüstet werden. Das machen die Spanier bereits für die dortige Staatsbahn Renfe, die Hochgeschwindigkeitsstrecken wie Madrid–Barcelona befährt.
Bislang ist Siemens der wichtigste Partner der Deutschen Bahn AG, bis Juli haben die Münchner bereits 112 der bestellten 137 neuen ICE 4 aus dem Hauptwerk in Krefeld geliefert. Zudem hat die deutsche Staatsbahn 74 ICE 3 neo geordert, die bis zum Jahr 2029 komplett in Betrieb sein sollen. Vermutungen in Branchenkreisen, dass auch diese Lieferfristen nicht eingehalten werden können, widerspricht ein DB-Sprecher allerdings: „Diese Informationen sind falsch.“ Der Zulassungsprozess für den ICE 3 neo laufe nach Plan.
Die Fahrgastzahlen im Fernverkehr sollen erhöht werden
Demnach sollen bis Ende des Jahres die ersten vier Züge in den Fahrgastbetrieb gehen. „Bis 2024 werden dann die 30 Züge der ersten Bestellung ausgeliefert sein, anschließend folgen bis 2029 die 43 Züge der zweiten Tranche“, so der Sprecher. Bis Ende 2024 soll demnach wie geplant auch die Zulassung für Belgien und die Niederlande vorliegen, damit auch Brüssel und Amsterdam angefahren werden können. Ein Einsatz in weiteren Ländern sei nicht vorgesehen.
Der ICE 3 neo basiert auf dem erfolgreichen Siemens-Modell Velaro, das der Konzern bereits in angepassten Varianten nach Russland, Spanien, China und in die Türkei verkauft hat. Der Hochgeschwindigkeitszug fährt zudem für Eurostar zwischen Paris und London auf der Strecke durch den Eurotunnel unter dem Ärmelkanal. Vom Vorläufermodell ICE 3 sind 79 Züge für die Deutsche Bahn unterwegs, insgesamt verfügte der Konzern im Juli über 365 Fernzüge mit 200 000 Sitzplätzen.
Bis zum Jahr 2026 soll die Kapazität der Deutschen Bahn auf 441 Züge mit 247 000 Plätzen wachsen und bis 2029 auf 484 Züge mit 266 000 Plätzen. So will man die politische Vorgabe der Bundesregierung schaffen, die Fahrgastzahlen im Fernverkehr bis 2030 auf 260 Millionen zu erhöhen. In den beiden Coronajahren waren allerdings jeweils weniger als 82 Millionen Menschen mit der ICE- und Intercity-Flotte unterwegs. Inzwischen ist die Auslastung so hoch wie nie in den letzten Jahrzehnten, gleichzeitig leiden jedoch Qualität und Pünktlichkeit unter dem Andrang und den Engpässen im lange vernachlässigten Schienennetz.