Die Journalistin Shila Behjat lebt mit ihren zwei Söhnen in Berlin. Foto: Neda Rajabi

Shila Behjat setzt sich seit Jahrzehnten für die Rechte von Frauen ein. Im Interview erzählt die Autorin, wie das Leben mit zwei Söhnen ihren Blick auf den Feminismus verändert hat.

Sie ist Mutter von Söhnen und Feministin: Shila Behjat beschreibt den Spagat zwischen der Sorge über Geschlechterungerechtigkeiten und dem Wunsch, Jungen nicht dauernd vorzuverurteilen, sondern einen Feminismus für alle zu finden.

 

Frau Behjat, das Leben mit zwei Söhnen hat Ihre Vorstellung von Feminismus verändert. Wie denn?

Als Feministin schmerzt es einerseits, dass Frauen immer noch Benachteiligung erfahren, es nur so langsam vorangeht. Andererseits gibt es viele Dinge, die erreicht worden sind, Frauen gestalten gesellschaftlich mit. Und das ist eine Chance, sich zu überlegen, wie soll es denn in dieser neuen Realität weitergehen? Und für mich hängt diese Frage eben stark mit den Männern zusammen.

Warum?

Ich dachte lange, Männer stehen dem Ganzen entgegen. In meiner Biografie gab es noch unglaublich viele männliche Gatekeeper, an denen ich vorbei musste, um irgendwo hin zu kommen. Ich gehöre zwar zu dieser Generation Frauen, die vieles erreicht hat, aber letztendlich meist auch durch einen Mann, der mich gefördert hat. Ich hatte immer mindestens Misstrauen gegen Männer.

Doch dann kamen Ihre Söhne.

Auf diese Söhne zu blicken, war für mich erst ein großer Widerspruch. Der Feminismus ist Teil meiner Identität, kaum wegzudenken aus meiner Biografie, aber natürlich identifiziere ich mich auch als Mutter. Das beides zusammenzubringen war ein großer Wunsch in mir. Andere in meinem feministischen Umfeld reagierten richtig geschockt, als sie erfuhren, dass sie Söhne bekommen.

Wirklich?

Ja. Es gibt einen Essay der Autorin Mithu Sanyal mit der Überschrift „I will always love my male child“, und da beschreibt sie, dass viele ihrer Freundinnen sie bedauert haben, einen Sohn zu bekommen. Sie hat wahrgenommen, wie viel schöner es für Frauen im Moment ist, eine Tochter zu bekommen.

Und wie sind Sie dieser Erfahrung, Jungen zu bekommen, dann begegnet?

Ich habe angefangen, Briefe an meine Söhne zu schreiben, und dabei schnell gemerkt, dass da noch viel mehr dahinter steckt. Dass wir das ganze Verhältnis mit Männern im Moment stark überdenken müssen.

Lange dachte man, es gehe bei Gleichstellung vorrangig darum, dass Frauen gleich viel erwerbsarbeiten wie Männer – wie in Frankreich etwa. Es galt als Empowerment, das zu fordern.

Ich finde, das kann nicht die Vision von Emanzipation sein. Gerechtigkeit, Freiheit, Selbstentfaltung für alle wird doch nicht damit erreicht, dass Frauen genauso viel in der Berufswelt arbeiten wie Männer. Ich denke auch, es ist falsch, wenn die Rolle der Mutter und die der Berufstätigen gegeneinander ausgespielt werden. Das sind zwei unterschiedliche Lebens- und Wirkungsbereiche.

Was meinen Sie damit?

Wenn wir uns fragen, wie unsere Gesellschaft gerechter werden kann, dann ist es natürlich wichtig, dass Frauen in der Berufswelt wirken und zwar nicht nur vereinzelt, sondern überall. Erwerbstätig zu sein bedeutet, unabhängig zu sein. Fair behandelt und bezahlt zu werden sind enorm wichtige Fragen, die breit gelöst gehören. Doch die Rolle der Mutter ist genauso wichtig. Da geht es um die Zukunft, darum, wie die nächste Generation es besser machen kann. Das gilt umso mehr für Mütter von Söhnen. Denn diese Veränderung, die wir anstreben als Feministinnen, wird nicht ohne die Männer funktionieren. Wir müssen sie für uns gewinnen, sie müssen mit uns in eine Allianz eintreten gegen männliche Gewalt und gegen das Unterdrückende.

Aber wir sprechen über speziell männliche Gewalt?

90 Prozent der Opfer von Vergewaltigungen sind Frauen, 90 Prozent der Opfer von Morddelikten sind Männer, beidemal sind Männer die Haupttäter. Aber ich frage mich: Warum ist das nur ein Thema von Frauen? Da leiden alle. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Förderung von Mädchen. Hier geht es noch stark darum, Nachteile auszugleichen. Wenn aber daraus eine neue Benachteiligung entsteht für Jungen, ist das nicht zielführend.

Wie werden Jungen benachteiligt?

Eigentlich wollte man raus aus festen Rollenbildern, trotzdem beobachten wir doch, dass Mädchen zu Widerstand und Power erzogen werden, weil sie „jetzt dran sind“. Das bedeutet zwangsläufig, dass der Platz der Jungs nun in der zweiten Reihe sein soll, sie sich mit sich selbst beschäftigen sollen. Beides ist wichtig, aber das kann doch nicht schon wieder so fix sein – dass die Mädchen jetzt Rebellen sind und die Jungs die, die sich unterordnen und zurücknehmen.

Ist das denn wirklich so?

Als Mutter weiß ich: Jungs gelten schnell als zu wild, man findet sie dann unmöglich und unerzogen. Bei Mädchen finden wir – ich auch – es großartig, wenn sie etwas tun, was als wild und frech wahrgenommen wird. Bestimmte Verhaltensweisen werden bei Jungen gleich dämonisiert.

Nennen Sie doch noch ein Beispiel.

Die Mutter eines jugendlichen Sohnes, der gerade Führerschein gemacht hatte, hat sich beklagt: Das erste, was der getan habe, war, ihr zu erklären, wie ein Auto funktioniere. Sie fand, das sei schlimmes Mansplaining gewesen. Dabei ist es doch falsch, das so zu verurteilen. Man könnte auch sagen, es ist einfacher, Gelerntes noch mal zu wiederholen und jemandem davon zu erzählen – das war genau das, was der Sohn getan hat.

Studien zeigen, diese Vorverurteilung von Jungs passiert auch im Schulsystem.

Man kann als Mutter eines Sohnes gerade sehr alarmiert sein. Die Mehrheit der Schulabbrecher sind Jungs. Und auch politisch betrachtet: Im Internet sind gefährliche Gestalten unterwegs, die versuchen dieses Männlichkeitsthema zu besetzen. Sie behaupten, der Feminismus habe den Männern etwas genommen, sie setzen frauenfeindliche, rassistische Muster auf dieses Gefühl der Verletzung drauf, das wohl viele Jungs spüren. Wir dürfen diesen Bereich der männlichen Identifikationsfiguren nicht solchen Typen überlassen.

Gibt es nicht auch gute Vorbilder?

Meine Söhne sind jetzt 10 und 12, und da suche ich ehrlich gesagt noch nach guten Vorbildern für sie. Wenn wir es ernst meinen mit der Wichtigkeit von Identifikationsfiguren, dann muss auch ein weißer blonder Junge neue Vorbilder gezeigt bekommen, die keine Rowdys, übermenschliche Superhelden oder Nerds sind. Diese Rollen sind komplett ungeschrieben. Dabei ist es aus den genannten Gründen gesellschaftlich für uns alle relevant, wie Jungs, wie Männer sich verhalten.

Was wäre das Ziel des Feminismus?

Wir sollten selbst wirklich danach handeln, was wir einfordern. Auch ein positives Bild von der eigenen Weiblichkeit zu finden gehört dazu und sich zu überlegen, wie kann das etwas werden, was allen zugänglich gemacht wird? Etwa bei dem Thema Fürsorge. Das ist doch eine positive Eigenschaft, fürsorglich zu sein, nicht nur etwas, was man stemmen muss als Arbeit. Wie kann ich also meinen Söhnen beibringen, fürsorglich zu sein? Vor 15 Jahren hätte ich gesagt, dass Feminismus für Frauen mehr Gerechtigkeit erreichen will. Jetzt würde ich sagen, Feminismus muss Gerechtigkeit für alle wollen.

Autorin und Moderatorin

Werdegang
 Shila Behjat, 1982 geboren, ist Journalistin mit deutschiranischen Wurzeln. Sie studierte Jura in Hamburg und Paris, war Korrespondentin in London, lebte als freie Journalistin in Indien und berichtete über Gleichstellung in der EU. Als Kulturredakteurin bei Arte verantwortet sie heute Dokumentationen und neue Formate.

Buch
 Im Hanser Verlag ist kürzlich ihr Buch erschienen „Söhne großziehen als Feministin“ (200 Seite, 23 Euro).