Marcel Yahyaijan schaute sich im Dezember zusammen mit Ehefrau Sharon ein NFL-Spiel in Foxborough zwischen den New England Patriots und Kansas City an. Foto: Yahyaijan

Wieder einmal geht es in Richtung Flughafen. Nun allerdings nicht in den Villinger Friedengrund ins gleichnamige Restaurant, sondern nach Schwenningen. In der Nähe des dortigen Flughafens hat 08-Ex-Trainer Marcel Yahyaijan eine neue Berufung gefunden. Zunächst.

Italiener oder MS Technologie-Arena? Diese Frage stellte sich fast vor jedem Interview- oder Hintergrundtreffen mit Marcel Yahyaijan seit 2015. Jugendtrainer, Nachwuchskoordinator, U21-Coach, Sportdirektor und von der Saison 2020/21 bis zum 14. März 2023 Trainer der Oberliga-Mannschaft des FC 08 Villingen – inklusive SBFV-Pokalsieg 2021 und DFB-Pokal-Spiel gegen den FC Schalke 04: Yahyaijan gehörte, wie Vater Arash oder Bruder Kamran, fast zum Inventar der Nullachter.

 

„Mir geht es wirklich sehr gut“, sagt der nun 31-Jährige bei der Begrüßung im Büro der Firma seines Vaters in der Schwenninger Albertistraße. Einen (schwarzen) Kaffee und 75 Minuten später ist klar, dass sich Marcel Yahyaijan in seiner neuen Arbeitsumgebung wohlfühlt. Der A-Schein-Inhaber gibt aber auch zu, dass ihn so langsam wieder das Trainer- oder Sportdirektor-Geschäft „juckt“. Er verrät in unserem Interview zudem, dass er fast zu Beginn der Runde 2023/24 schon wieder auf einer Trainerbank gesessen wäre.

Marcel Yahyaijan, wie haben Sie die Zeit nach dem 14. März 2023 verbracht?

Ich habe erst einmal ein paar Wochen runtergefahren und die freie Zeit mit meiner Frau genossen. Wir haben einige Wochenendtrips gemacht. Über Ostern waren wir zum Beispiel in London, im Sommer haben wir eine Italien-Rundreise genossen. Ab Juli habe ich dann bei der Firma meines Vaters, einem Handelsbetrieb für technischen Maschinenbedarf, angefangen. Ich bin dort überwiegend für strategische Themen zuständig. Eine gute Organisation ist das A und O – ähnlich wie bei einer Fußballmannschaft.

Und darum kann ich aktuell in dieser Position viel Neues erlernen. Für uns als Handelsbetrieb ist es wichtig, dass wir gute und schnelle Lieferketten haben. Wir spielen also eine Art „Feuerwehrmann“ für die großen Kunden.

Apropos Feuerwehrmann. Immer wieder fiel auch Ihr Name, wenn es um Trainerneubesetzungen ging – zum Beispiel in Großaspach, Holzhausen oder Balingen. War aus Ihrer Sicht etwas „Heißes“ dabei?

(lacht) Im Detail möchte ich dazu natürlich nichts sagen. Tatsächlich war es aber so, dass von ganz heiß bis ganz kalt fast alles dabei war. Als mein Vertrag beim FC 08 aufgelöst und ich somit wieder frei war, ging alles wieder sehr schnell.

Ich hätte so fast am 1. Juli 2023 bereits wieder ein neues Team trainiert. Anschließend habe ich mir in Ruhe intensiv Gedanken darüber gemacht, was mein nächster Schritt sein soll. Klar war für mich, dass ich nicht einfach das nächstbeste Angebot annehmen muss, sondern die Zeit auch für mich nutzen möchte.

Wie?

Vor allem, um als Mensch zu reifen. Ich bin ja 31 Jahre alt, war sehr jung bereits Oberliga-Trainer und Sportdirektor des FC 08 und hatte somit in einem jungen Alter schon eine große Verantwortung. Ich konnte somit zum ersten Mal auch abseits des Fußball-Alltags reflektieren, was verlief gut in dieser Zeit und – sehr wichtig – was verlief weniger gut. Als eine junge, motivierte Person ist man oftmals engstirnig und verbissen. Das war ich sicherlich auch öfters.

Marcel Yahyaijan (rechts), Bruder Kamran (links) und Vater Arash, damals Sportvorstand der Nullachter, feiern 2021 den SBFV-Pokalsieg. Foto: Marc Eich

Diese Erkenntnisse habe ich für mich aber erst außerhalb des „Hamsterrads“ machen

können. Ich bin davon überzeugt, dass mir diese Erkenntnis für die Zukunft sehr hilfreich sein wird.

Und wann juckte es wieder den Fußball-Enthusiasten?

Wenn ich ehrlich bin – schon im August wieder (lacht). Dann war ich wieder viel auf den Sportplätzen und in den Stadien unterwegs, habe also viele Spiele – vor allem höherklassige – angeschaut und auch viele Gespräche geführt und dadurch viele neue Eindrücke gesammelt. Aufgrund dieser Erfahrungen und dem neuen Wissensstand, das gebe ich zu, denke ich nun in einigen Dingen etwas anders.

Jetzt in der Winterpause waren dann einige intensive Gespräche dabei. Da war ich kurz davor, wieder einen Fußball-Job zu übernehmen. Teilweise hat es aus meiner Sicht nicht ganz gepasst, teilweise haben die Vereine anders entschieden. So ist es eben beim Fußball.

Was muss für Sie passen?

Die Frage ist schwer zu beantworten. Es muss das Gesamtpaket passen – und dazu zählen einfach viele verschiedene Faktoren. Für mein Alter und für den höherklassigen Amateurfußball habe ich sicherlich eine sehr gute Vita. Ich weiß aber auch, dass es Trainer mit ganz anderen Werdegängen gibt. Die erste Frage ist immer, was für einen Trainer ein Verein sucht. Einen jungen und talentierten? Oder einen erfahrenen?

Einer, der Erfahrung im Herrenfußball hat – oder einen, der aus einem Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) kommt? Da gibt es kein Richtig oder Falsch. Ich persönlich sehe meine Zukunft eher als Trainer im Herrenbereich, im besten Fall in einer professionellen Struktur. Ich würde aber eine Tätigkeit im höheren Altersbereich in einem NLZ auch nicht ausschließen.

Ein Job als Sportdirektor wäre zudem ja auch eine Option. Oder?

Ja absolut. Ich habe einen Master-Abschluss im Bereich Sportmanagement und finde das

Anforderungsprofil eines Sportdirektors auch sehr spannend. In Villingen habe ich in der Doppelfunktion bereits als Sportdirektor gearbeitet und in dieser Zeit einiges entwickeln können. Ich denke da vor allem an die Entwicklung der U21-Mannschaft. Der aktuelle Erfolg dort überrascht mich nicht. Es ist das positive Ergebnis eines Projekts, welches ich bereits 2017 mit der Umwandlung von einer U23 in eine U21 angestoßen habe.

Wenn mir ein gutes Projekt in der Rolle des Sportdirektors vorgestellt wird, dann höre ich mir das auf jeden Fall an. Man muss aber auch der Realität ins Auge sehen – und die Realität ist, dass es in der nahen Region sehr wenige ambitionierte und vor allem professionell geführte Vereine gibt. Das heißt im Umkehrschluss, dass ich für ein spannendes Projekt – mit diesen Anforderungen – definitiv umziehen müsste. Was ich keinesfalls ausschließen möchte. Jedoch muss dann auch wieder das Gesamtpaket passen.

Und was machen Sie, wenn einfach kein „perfektes Angebot“ auf den Tisch kommt?

Natürlich habe ich mir auch diese Frage gestellt. Meine Antwort ist, dass ich mir dann ab dem kommenden Sommer vorstellen kann, auch etwas in meiner Region „nebenher“ zu machen. Da würde für mich dann aber nicht nur der fußballerische Aspekt entscheidend sein, sondern vor allem auch die gemeinschaftliche Struktur eines Vereins. Klar ist aber, dass mir keine Steine in den Weg gelegt werden sollten, wenn sich anschließend ein spannendes Projekt in einer professionellen Struktur ergeben sollte. Im vergangenen Sommer – und auch in dieser Winterpause – hatte ich sehr interessante Gespräche mit regionalen Vereinen, die ich zu diesen Zeitpunkten aber noch ausgeschlagen habe.

Sie haben 2021 den DFB-Lehrgang zur A-Lizenz erfolgreich abgeschlossen, wollten mittelfristig den „Fußball-Lehrer-Schein“ in Angriff nehmen. Gibt es hier etwas Neues?

Dadurch, dass sich das komplette DFB-Ausbildungskonzept verändert hat, ist es sehr kompliziert geworden. Früher reichte als A-Lizenz-Inhaber ein Jahr als Oberliga-Trainer aus, um sich für das Fußball-Lehrer-Auswahlverfahren zu bewerben.

Nun muss man mindestens drei Jahre in einer professionellen Struktur arbeiten, bevor man sich überhaupt für das Auswahlverfahren anmelden kann. Es ist also ein sehr weiter Weg.

Weit war es im Dezember auch nach Nordamerika. Im Rahmen dieser Reise waren Sie ja auch bei einem NBA-Spiel. Was halten Sie vom US-Sport?

Wir haben Freunde in New York besucht und haben von dort aus viel unternommen. Wir waren auch bei einem NBA-Spiel zwischen den New York Knicks und den Toronto Raptors. Das Spiel hat in Manhattan im Madison Square Garden stattgefunden. Die Organisation des Events war faszinierend. Zum Abschluss haben wir uns noch das NFL-Spiel zwischen den New England Patriots und den Kansas City Chiefs angeschaut. Es war sehr spannend für mich, einmal „über den Tellerrand“ hinaus zu schauen und zu beobachten, wie das Coaching der Trainer in anderen Sportarten aussieht. Das Highlight des NFL-Spiels war, als der wohl aktuell angesagteste Popstar der Welt, Taylor Swift, auf der Videoleinwand eingeblendet wurde. Ihr aktueller Lebenspartner, Travis Kelce, spielt bei Kansas. Fans beider Mannschaften haben in dieser Situation mehr gejubelt, als bei den Touchdowns der Teams (lacht). Wirklich unglaublich, aber solche Dinge machen den US-Sport aus.

Zum Abschluss darf eine Frage zum FC 08 nicht fehlen. Was sagen Sie zum zweiten Tabellenplatz der Nullachter, die nun nach Ryszard Komornicki und der Interimslösung Denis Stogiannidis (Sportvorstand)/Alois Ribeiro (Athletik-Coach) von Mario Klotz trainiert werden?

Ich denke, dass der Zwischenstand sehr positiv ist. Das kommt für mich nicht ganz überraschend. Über zwei Drittel der Spieler sind während meiner Amtszeit in das Team gekommen. Einige haben wohl nur etwas Zeit und Vertrauen gebraucht, um ihr volles Potenzial entfalten zu können. Entscheidend war sicherlich auch, dass wir schon in der Winterpause 2022/23 einige grundlegende Entscheidungen getroffen haben.

Dadurch hat sich ein neuer Kern der Mannschaft entwickelt, der sich jetzt wie gewünscht entfaltet. Im Vergleich zu den Vorjahren fehlt in der Oberliga sicherlich eine Übermannschaft – wie es die Stuttgarter Kickers, SGV Freiberg oder der VfB Stuttgart II waren. Ich gehe davon aus, dass Großaspach, der FC 08 und Göppingen die ersten drei Plätze unter sich ausmachen.