Kitas im Südwesten sollen in Zukunft vom Personalschlüssel abweichen können. Foto: dpa/Jens Kalaene

Nach einem Beschluss des Kabinetts sollen Kitas in Baden-Württemberg in Zukunft unter bestimmten Bedingungen von Personalvorgaben abweichen können. Was sagen die Verantwortlichen der Rottweiler Kitas zu dieser neuen Regelung?

Baden-Württemberg möchte erlauben, den Betreuungsschlüssel in Kitas zu senken. Unter bestimmten Bedingungen sollen die Einrichtungen von Personalvorgaben abweichen dürfen. Kitaträger sollen dabei selbst entscheiden, ob sie befristet Personalvorgaben lockern möchten. Jedoch müsse das Konzept mit Betroffenen vor Ort abgestimmt werden. Ebenso müsse das Landesjugendamt den Antrag prüfen, heißt es.

 

„Es bleibt eine Notlösung“

Städtischer Träger Bislang müsse die Stadt als Träger noch nicht auf den Erprobungsparagrafen zurückgreifen, erklärt Pressesprecher Tobias Hermann. „Dennoch spüren auch wir den Fachkräftemangel im Betreuungsbereich“, verdeutlicht er.

Das Gesetz biete die Möglichkeit, den Personalschlüssel zu senken. Dadurch könnten ein bis zwei Kinder pro Gruppe mehr aufgenommen werden. Für Eltern, die bislang auf einen Platz warten, möge dies zunächst positiv sein. „Andererseits sind Abstriche bei der Betreuungsqualität nicht auszuschließen, und die Belastung der noch vorhandenen Fachkräfte nimmt noch weiter zu. So kann sich ein kurzfristiger Vorteil am Ende auch nachteilig auswirken“, hebt er hervor.

Nachhaltig verbessern lasse sich die Betreuungssituation nur dadurch, wenn ausreichend Fachkräfte zur Verfügung stünden. Hier seien vor allen Dingen mehr Initiativen zur Personalgewinnung, wie etwa der neue Bildungsgang „Direkteinstieg Kita“,hilfreich.

Grundsätzlich begrüße die Stadtverwaltung, dass das Land den Kommunen mehr Handlungsspielraum bei der Erfüllung ihrer Aufgaben zugestehe. Das Gesetzesvorhaben des Landes löse jedoch nicht das eigentliche Problem. „Letztlich bleibt es eine Notlösung, die falsch oder über einen längeren Zeitraum angewandt, auch für weniger Qualität in der Betreuung und mehr Arbeitsbelastung sorgen kann“, sagt er.

Verschlechterung der Qualität

Evangelischer Träger Vera Poldafit, Kirchenpflegerin der evangelischen Kirchengemeinde sagt, dass der Beschluss von zwei Seiten betrachtet werden müsse. Für viele Eltern bedeute er, dass mehr Familien die Chance hätten, einen oft dringend benötigten Platz zu bekommen. Doch gerade für kleine Kinder seien größere Gruppen eine höhere Belastung. Sie ist sich sicher: „Die Situation kurzfristig zu verbessern, ist schwierig. Mittelfristig kann die Situation für beide Seiten nur durch bessere Bedingungen für die Kinder und durch mehr gut ausgebildetes Personal verbessert werden“. Sinnvoll wären weniger Kinder pro Gruppe, mehr Personal für individuelle Förderung oder auch mehr Investition in Ausstattung und eine Vergrößerung der Raumgröße, findet sie.

Der Beschluss führe zu immensem Druck auf die Träger. Eltern forderten Plätze, und für die Kinder und Personal werde der Alltag anstrengender. „Fakt ist, dass die Erhöhung der Gruppengröße zu einer Verschlechterung der Qualität der pädagogischen Arbeit führt. Weg von der frühkindlichen Bildung, hin zur reinen Betreuung“, verdeutlicht sie.

Höchste Priorität ist gutes Personal

Katholischer Träger Auch der katholische Träger betrachtet den Beschluss eher kritisch. „Durch den Erprobungsparagrafen wird der Anschein erweckt, dass alles möglich ist, jedoch sehen wir für uns noch einige offene Fragen“, sagen Gesamtkirchenpfleger Andreas Schmötzer und Kindergartenbeauftragte Sara Krauß.

Der Mangel an Fachkräften werde durch den Beschluss nicht ausgeglichen. Eher könnte dieser dazu führen, dass der Beruf noch unattraktiver werde. „Den Eltern wird dadurch eine unbegründete Hoffnung vermittelt, und den Fachkräften wird sie genommen.“

Man müsse sich Gedanken machen, wann Fachkräfte benötigt werden. „Denkbar wäre für uns eine Bildungszeit mit pädagogischen Fachkräften am Vormittag und am Nachmittag eine „reine“ Betreuungszeit, die vielleicht auch zum Großteil mit geschulten Hilfskräften abgedeckt werden kann, wobei natürlich auch in einer reinen Betreuungszeit ebenfalls Bildung stattfinden kann.“

Die Frage sei, wie man Fachkräfte gut binden und gute Rahmenbedingen für sie entstehen könnten. „Aktuell ist es unsere höchste Priorität, unser gutes Personal zu halten und im besten Fall noch neue gute Fachkräfte hinzuzugewinnen.“