Mit spielerischer Unterstützung lernen Autisten, sich besser im Alltag zurechtzufinden. Foto: Freundeskreis Tübingen

Asperger-Autisten sind hochintelligent, können aber keine Emotionen zeigen. Nicht das einzige Klischee, das über die Entwicklungsstörung besteht. Leonie Weber und Conny Stöhr vom Verein "Freundeskreis Mensch" klären im Interview über diese Gerüchte auf.

Rottenburg - Über die Entwicklungsstörung Autismus kursieren noch immer falsche Klischees – Aufklärung hat daher höchste Priorität. Diese leistet federführend der Freundeskreis Mensch, ein Verein aus Tübingen, der Menschen mit Behinderung dabei unterstützt, selbstbestimmt zu leben. Im Gespräch mit unserer Redaktion erklären zwei Mitarbeiterinnen des Freundeskreises Mensch die Arbeit des Vereins, ihre Aufgaben und helfen, Autismus etwas besser zu verstehen. Conny Stöhr leitet den Fachdienst "Autismus", Leonie Weber den Fachdienst "Unterstützte Kommunikation".

 

Wie viele Menschen betreut denn der Freundeskreis Mensch insgesamt und wie viele davon sind Menschen mit Autismus?

Stöhr: "Wir betreuen insgesamt rund 800 Personen. An Autismus leiden davon rund 50. Da gibt es eine ganze Bandbreite von Ausprägungen: von Menschen mit starker Einschränkung über frühkindliche Autismus-Störungen bis hin zum Asperger-Autismus."

Sich auszudrücken fällt davon vermutlich einigen schwer. Was genau kann man sich denn unter »Unterstützter Kommunikation vorstellen«?

Weber: "Ich kümmere mich um alle nicht oder kaum lautsprachlich kommunizierenden Menschen. Gemeinsam mit den Angehörigen und Bezugsbetreuern schaue ich, welche alternativen Möglichkeiten der Kommunikation eingesetzt werden können. Zum Beispiel Gebärden oder Gesten, einfache Kommunikationshilfen wie Symbolkarten oder Symbolbücher, manchmal auch Fotos oder technische Kommunikationshilfen. Ich bin dafür zuständig, dass das erfolgreich im Alltag eingesetzt wird."

Dreht sich ihre Arbeit ausschließlich um Autisten?

Weber: "Bei mir geht es um eine ganze Bandbreite an Personen, nicht nur Autisten. Von "Unterstützter Kommunikation" können viele Menschen profitieren. Auch Autisten, die gar nicht oder wenig lautsprachlich kommunizieren oder grundsätzlich Schwierigkeiten mit Kommunikation haben."

Stöhr: "Das ist zum Beispiel wichtig, um festzustellen, wie kognitiv leistungsfähig unsere Klienten sind. Denn es ist schwierig zu zeigen, wie intelligent man ist, wenn man nicht spricht und nicht schreibt. Woran soll man das dann festmachen."

Ein bekanntes Klischee: Menschen mit Asperger-Autismus, die besonders schlau sind. Wie viel Wahrheit steckt da drin?

Stöhr: "Bei Autisten ist das wie bei anderen Menschen auch: Es gibt einfach Unterschiede in der intellektuellen Begabung. Man kann nicht sagen, unter Asperger-Autisten gäbe es besonders viele hochintelligente Menschen. Das stimmt nicht."

Wenn die intellektuelle Begabung ähnlich ist wie bei anderen Menschen auch – was unterscheidet Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung?

Stöhr: "Man spricht zwar inzwischen von ASS, also Autismus-Spektrum-Störung. Wir vom Freundeskreis Mensch sprechen aber lieber von AS: Menschen im Autistischen Spektrum. Denn es ist keine Störung. Es ist eine andere Organisation des Gehirns. Das kann man auch im MRT erkennen, dass das Gehirn eines Autisten einfach anders funktioniert.“

Haben Sie ein Beispiel, wie sich das auswirken kann?

Stöhr: "Ich habe zum Beispiel eine Klientin, die gar nicht spricht, die aber am Computer schreiben kann. Bei ihr dachte man lange, sie sei geistig behindert. Das ist sie aber nicht."

Frau Weber, da kommen vermutlich Sie mit der Unterstützen Kommunikations ins Spiel, oder?

Weber: "Ja, ich beurteile das Sprachverständnis, schätze aber nicht die intellektuelle Beeinträchtigung ein. Dann mache ich Einschätzungen, auf welchen Ebenen die Kommunikation möglich ist. Menschen, die nicht lautsprachlich kommunizieren können, werden schwächer eingeschätzt werden, als sie vielleicht sind."

Welche Auswirkungen hatte das auf diese Klientin?

Stöhr: "Dass wir jetzt mit ihr schreiben können – das hat ihren Lebenshorizont total erweitert. Sie wird anders gesehen: als denkender und verstehender Mensch. Eine kleine Hilfe braucht sie noch von mir: Ich stütze ihren Ellenbogen, damit sie die Tastatur bedienen kann. Diesen körperlichen Kontakt benötigt sie."

Das widerspricht dem gängigen Vorurteil, dass Menschen mit Autismus keinen Körperkontakt mögen.

Stöhr: "Das ist ein Klischee, das definitiv nicht stimmt. Autisten sehnen sich genauso nach Berührung wie andere Menschen. Aber sie verarbeiten die Berührung oft anders. Deswegen ist es sinnvoll, Berührung vorher anzukündigen. Es gibt auch Autisten, die viel Körperkontakt und Nähe suchen."“

Wie sieht denn Ihre Arbeit beim Freundeskreis aus?

Weber: "Ich bin eher beratend tätig. Wenn mich jemand kontaktiert, mache ich meist Einzelsitzungen mit den Klienten, um herauszufinden, was an kommunikativen Möglichkeiten vorhanden ist. Dann versuche ich das mit dem Umfeld, mit den Bezugspersonen in den Alltag zu integrieren."

Stöhr: "Ich arbeite teilweise im Büro, teilweise treffe ich Klienten. Zum Beispiel einen, der große Probleme mit dem Sozialverhalten hat.“

Wie äußert sich das bei ihm?

Stöhr: "Er weiß nicht, wie nah er an Fremde herantreten darf. Menschen fühlen sich von ihm bedroht, weil er sich nicht adäquat ausdrücken kann. Mit ihm arbeite ich seit anderthalb Jahren, damit er lernt, soziale Situationen zu verstehen."

Dieser Klient klingt sehr selbstständig.

Stöhr: "Ja, viele Menschen mit Asperger-Autismus führen ein völlig normales Leben. Sie sind also sehr selbstständig, studieren zum Beispiel, brauchen aber ein paar Stunden Unterstützung pro Woche.“

Wie gut erkennen Asperger-Autisten ihre Schwierigkeiten im Alltag?

Stöhr: "Sie merken das und das belastet sie. Sie spüren immer: Ich bin anders als die anderen. Und das ist natürlich ein lebenslanges Thema. Die Verarbeitung des Andersseins."

Anders ist oft auch der Augenkontakt von Autisten. Hier das letzte Klischee: Erkenne ich Autisten daran, dass sie keinen Blickkontakt halten können?

Stöhr: "Man hört manchmal: Ach das kann kein Autist sein, der guckt mich ja an. Und das stimmt nicht. Tatsächlich haben sie oft ein verändertes Blickverhalten, aber es gibt viele Autisten, die Blickkontakt aufbauen können. Viele fittere Autisten nutzen den Trick, zwischen die Augen des Gegenübers zu schauen."