Für den ehemaligen VfB-Trainer Huub Stevens hat nicht nur die deutsche Mannschaft bei der EM mit ihren Leistungen noch reichlich Luft nach oben. „Ich vermisse etwas“, sagt der 67-Jährige im Interview.
Stuttgart - Huub Stevens hat den VfB als Cheftrainer zweimal vor dem Abstieg bewahrt. Inzwischen hat sich der 67-Jährige ins Privatleben zurückgezogen. In seinem Haus auf Mallorca verfolgt der Niederländer die Fußball-EM genau – und hat eine klare Meinung zum Niveau des Turniers und zur deutschen Elf.
Herr Stevens, wie verfolgen Sie die EM-Spiele der deutschen Fußball-Nationalelf? Mit der gelassenen Distanz eines Niederländers, oder im Stil eines ehemaligen Bundesliga-Trainers?
Die Spiele der Deutschen sind für mich natürlich etwas Besonderes. Ich verfolge die Länder oder Clubs immer ganz aufmerksam, in denen Spieler auflaufen, die durch meine Hände gegangen sind. Bei den Deutschen sind das zum Beispiel Timo Werner aus meiner Zeit beim VfB – oder Niklas Süle, den ich in Hoffenheim trainiert habe. Dazu habe ich ein enges Verhältnis zu Robin Gosens, der ja ein halber Niederländer ist – und den mein Sohn Maikel betreut hat.
Die deutschen Spiele waren bis auf die Portugal-Partie allerdings keine Offenbarung. Was fehlt dem Team?
Ich vermisse tatsächlich etwas rund um die Mannschaft. Ich spüre bei den Deutschen bisher keinen richtigen Mannschaftsgeist. Die unterschiedlichen Spielertypen sind ja da: Nehmen wir vorne im Sturm Timo Werner, der für sein Spiel Platz braucht, während Serge Gnabry auch auf engerem Raum zurechtkommt. Doch wo ist die Gier, ein Tor zu machen? Allerdings haben die Deutschen ja schon oft bei Turnieren zu Beginn ihre Probleme gehabt – und haben sich dann von Spiel zu Spiel gesteigert. Ich glaube, dass sie das auch diesmal wieder hinbekommen können. Aber das geht nicht von allein.
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Wo hakt es am meisten?
Man kann nicht sagen, dass ein spezieller Mannschaftsteil schuld ist. Es sind verschiedene Dinge. Nehmen wir das Aufbauspiel. Das dauert mir einfach viel zu lange. Da lässt das deutsche Team dem Gegner zu viel Zeit, um sich zu organisieren.
Sie prägten einst den Spruch, dass hinten die Null zu stehen habe. Die deutsche Elf hat bisher aber in jedem Spiel mindestens einen Gegentreffer bekommen.
Und das, obwohl in Manuel Neuer ein Weltklassemann im Tor steht. Doch so einfach wie zu Zeiten von Gerd Müller ist das nicht mehr. Der musste vorne ‚nur‘ die Tore schießen. Heutzutage ist das anders: Der Fußball ist viel komplexer geworden. Jeder Spieler ist in der Offensive wie auch in der Defensive gefragt. Bekommt man trotzdem regelmäßig Gegentore, dann stimmt die Ordnung nicht.
Der Bundestrainer Joachim Löw ist hierzulande längst nicht mehr unumstritten. Wie hoch ist sein Anteil an den bisher dürftigen Leistungen?
Um es klar zu sagen: In einer Fußballnation wie Deutschland hast du so viele starke Spieler, die könnten theoretisch ganz allein ohne Anweisungen spielen. Der Einfluss eines Nationaltrainers ist ja begrenzter als der eines Clubtrainers – dort wird die tägliche Arbeit gemacht. Ich kann beispielsweise dem Toni Kroos im Nationalteam nicht sagen: „Du spielst jetzt bei mir ganz anders, als du das jahrelang erfolgreich bei Real Madrid getan hast.“ Nein, das klappt nicht. Ein Nationaltrainer hat vor allem dafür zu sorgen, dass alles harmoniert. Die Stimmung muss gut sein.
Die Niederlande stehen mit weißer Weste da. Drei Spiele, drei Siege – die Zwischenbilanz passt.
Man muss aber bedenken, dass die Gegner viel schwächer waren als die der Deutschen. Auch bei Oranje gibt es viel zu tun – und das wissen sie auch. Ich kann mirehrlich nicht vorstellen, dass die Spieler mit ihren Leistungen bisher rundum zufrieden sind.
Was halten Sie von Frank de Boer, der ja nicht von allen Niederländern geliebt wird?
Unser Nationaltrainer hat ein neues System reingebracht, spielt ein 3-5-2-System anstatt des traditionellen 4-3-3. Aber das ist nicht für jeden Spieler das Beste. Man muss heutzutage variabel sein, also sein System auch während des Spiels umstellen können. Bisher habe ich aber noch nicht viele Varianten unter ihm gesehen.
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Wie sieht Ihre fußballerische Zwischenbilanz nach der Vorrunde aus?
Das Niveau könnte besser sein. Bisher habe ich mit Belgien und Italien nur zwei Teams gesehen, die mich überzeugt haben. Hinter den Spielern liegt eine schwierige Saison, die Pandemie hat ihre Spuren hinterlassen. In leeren Stadien jede Woche aufs Neue etwas zu bieten, das ist nicht so einfach. Wenn jetzt die Fans langsam zurückkommen, dann wird sich das auch positiv auf die Qualität des Fußballs auswirken. Da bin ich mir sicher.
In Budapest ist das Stadion komplett gefüllt, in München nur zu einem Sechstel. Was halten Sie von dem Umgang mit den Fans?
Zum Glück sind wieder einige Zuschauer da – aber wir sind noch lange nicht im Normalzustand. Dabei sollten wir uns auch im Fußball an die Regeln halten. Die Sicherheit steht an erster Stelle – sonst geht es wieder drei Schritte zurück.
Wer wird am Ende Europameister?
Mein Favorit bleibt Frankreich. Sie haben die spielerische Qualität, um noch einiges mehr zu bringen. Wie so viele andere Länder auch. Die zurückliegende Saison hat die Spieler eben viel Kraft gekostet. Und damit meine ich nicht den Körper. Wie hat Rudi Assauer auf Schalke immer gesagt: Es geht vor allem um das, was zwischen den Ohren abgeht.
Sie haben den VfB zweimal vor dem Abstieg bewahrt. Spielt der Club für Sie eine besondere Rolle?
Aber klar. Ich verfolge alle Vereine ganz genau, mit denen ich etwas zu tun hatte. Das gilt zum Beispiel auch für PAOK Saloniki und RB Salzburg, wo ich ja auch tätig war. In Stuttgart habe ich zwar zu keiner der handelnden Personen einen direkten Kontakt, doch man sieht, dass der VfB auf einem guten Weg ist. Es passt. Wichtig war vor allem, dass wieder Ruhe in den Verein hineingekommen ist.
Wir haben Sie gerade in Ihrem Haus auf Mallorca am Telefon erreicht. Was tun Sie aktuell?
Ich genieße jetzt meine Freizeit. Daher bin ich ja auch aus dem Aufsichtsrat des FC Schalke 04 zurückgetreten. Der Verein bleibt für mich etwas ganz Besonderes. Daher bin ich immer da, falls sie einen Rat haben möchten. Aber ich habe mich jetzt bewusst ins Privatleben zurückgezogen.
Wie darf man sich das Alltagsleben von Huub Stevens jetzt vorstellen?
Ich lebe in Eindhoven – und widme mich der Familie. Dreimal in der Woche mache ich Sport, bin eine Stunde beschäftigt beim Rudern, auf dem Stepper oder beim Radfahren. Zweimal pro Woche geht es für eine Neun-Loch-Runde auf den Golfplatz. Außerdem habe ich viel Spaß mit den Enkelkindern. Das Schöne am Opasein ist ja, dass man die Enkel abgeben kann, wenn es ihnen nicht mehr gefällt.
Wie blicken Sie auf Ihre Karriere zurück?
Ich habe aus meinem Hobby meinen Beruf machen können. Das war ein großes Glück, weil es das Schönste ist, was man haben kann. Der Fußball hat mir viel zurückgegeben. Diese Liebe, die ich für den Fußball habe, die vermisse ich heutzutage bei einigen Spielern. Den Fußball muss man leben, wie man auf Schalke sagt.