In der Champions League betrieb Djibril M’Bengue (oben) mit Porto beste Eigenwerbung. Foto: imago//van del Val

Djibril M’Bengues Karriere stand 2018 beim TVB Stuttgart auf der Kippe, jetzt hat sie nochmals Fahrt aufgenommen. Der 29-Jährige vom FC Porto steht vor seinem Debüt in der deutschen Handball-Nationalmannschaft.

Porto/Stuttgart - Die Herbstferien hatte Djibril M’Bengue anders geplant. Arm in Arm an der Atlantikküste mit der Freundin, die zu Hause in München extra Urlaub genommen hatte, da sein Handballverein FC Porto wegen der Länderspielpause allen Spielern ein paar Tage freigegeben hatte – also auch dem 29-jährigen Deutschen. Doch romantisch wurde es erst mal nicht.

 

Kromer-Anruf verhindert Urlaub

Am Montagmittag rief aus heiterem Himmel Axel Kromer an, Vorstand Sport im DHB: Ab nach Düsseldorf zum Lehrgang der Nationalmannschaft, die bekanntlich einen radikalen Neuanfang unter Trainer Alfred Gislason startet – mit M’Bengue als siebtem Neuling, der für den verletzten Fabian Wiede nachnominiert wurde. „Das kam schon sehr, sehr überraschend“, sagt der Spieler zur Rückkehr nach Deutschland.

Seiner sportlichen Heimat. Doch von der Bundesliga-Bildfläche war er die vergangenen dreieinhalb Jahre verschwunden. Und ist nun zurück wie ein Phönix aus der Asche. Auch wenn Kromer betont: „Wir haben ihn auch dank seiner Auftritte in der Champions League schon länger im Blick gehabt. Auch für die WM in Ägypten hätte er eine Option sein können.“

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Porto als Sprungbrett, daran war nicht zu denken, als M’Bengue Stuttgart 2018 verlassen hatte. Gewissermaßen als letzte Chance. „Seine Karriere stand wirklich auf der Kippe“, erinnert sich TVB-Geschäftsführer Jürgen Schweikardt. Nach einer schier unendlichen Verletzungsserie war der Spieler damals im Mai ohne Vertrag, bis sich der ehemalige Göppinger Coach Magnus Andersson vom FC Porto an die Qualitäten M’Bengues erinnerte „und ich den Strohhalm ergriffen habe. Das war das Beste, was mir passieren konnte“, sagt der Linkshänder im Nachhinein.

Davor stand eine unendliche Leidensgeschichte, eine OP reihte sich an die nächste. Die Patellasehne war gerissen, die Kniescheibe gebrochen, der Handballer sah die Ärzte häufiger als die Freundin. Heute sagt er: „Es war auch eine Chance, an gewissen Defiziten zu arbeiten. Es ist ein anderer Körper als vorher, aber es funktioniert.“

In Porto reift er auch in der Abwehr

Beim FC Porto jedenfalls bekamen die Gegner nicht nur M’Bengues Wurfgewalt zu spüren, sondern er reifte auch zu einem veritablen Abwehrspieler. Mit ihm schaltete der einstige Nobody FC Porto den SC Magdeburg aus und wurde überraschend Dritter im EHF-Cup, ist seither Stammgast in der Champions League, wo er schon gegen die SG Flensburg und den THW Kiel gewann. Das hätte er – bei allem Respekt – mit dem TVB Stuttgart nie erreicht, auch wenn M’Bengue gegen den Rekordmeister aus Kiel schon mal mit neun Toren auf sich aufmerksam gemacht hatte. Sein Heimatverein verfolgt den Werdegang nach wie vor. Schweikardt: „Es ist ja ein Spieler von uns, das macht einen schon ein wenig stolz.“

Folgt die Krönung?

Nicht nur ihn. Der Sohn eines Senegalesen und einer Deutschen, der einst in Urbach und Schwäbisch Gmünd spielte, sagt heute: „Ich bin zufrieden mit dem, was ich erreicht habe.“ Bisher. Denn die Krönung könnte ja noch folgen: ein Platz in der Nationalmannschaft. „Ich bin jetzt erst mal hier, um Spaß am Handball zu haben und diese Riesenchance zu nutzen.“ Wobei es fast schon paradox ist, dass die Premiere am Freitag (20.15 Uhr) und Sonntag (15 Uhr) gegen seine Wahlheimat Portugal erfolgt, eine Handballnation, die in den vergangenen Jahren ihr Potenzial sowohl auf Clubebene als auch mit dem Nationalteam eindrucksvoll demonstriert hat. „Verrückt“, sagt M’Bengue zu dieser Konstellation.

M’Bengue will zurück in die Bundesliga

Die möglicherweise bald ein Ende hat. Sein Vertrag in Porto läuft nach vier Jahren aus, und der Rückraumspieler hat noch einmal die Bundesliga im Visier: „Ich bin mit meinem Berater im Gespräch, wohin der Weg führen könnte.“ Zurück zum TVB Stuttgart? „Im Moment gibt es keinen konkreten Kontakt, aber ich würde das nie ausschließen“, sagt Jürgen Schweikardt, nachdem der Verein just auf der Position im rechten Rückraum im Sommer noch Ersatz für Viggo Kristjansson (nach Leipzig) sucht.

Kleiner Haken: Die erstmalige Berufung in ein deutsches Nationalteam steigert den Marktwert. Das weiß auch der BWL-Student M’Bengue, der an der Uni nicht mit dem Tempo auf dem Handballfeld Schritt halten konnte. „Der Plan ist aber schon, dass ich das Studium vor der Karriere beende.“ Die könnte, nachdem sie schon kurz vor dem Ende stand, aber noch eine ganze Weile andauern.

Portugal brachte den Wendepunkt – und Düsseldorf jetzt den Höhepunkt. Welch wundersame Wandlung.

Neuanfang beim DHB?

Debüt
Djibril M’Bengue ist nach Joel Birlehm, Lukas Mertens, Luca Witzke, Julian Köster, Hendrik Wagner und Lukas Zerbe der siebte Neuling im 18-köpfigen Aufgebot von Bundestrainer Alfred Gislason. Der 29-jährige Linkshänder reiste am Dienstag nach Düsseldorf nach und ersetzt den verletzten Fabian Wiede.

Düsseldorf
Am Freitag (20.15 Uhr) in Luxemburg und Sonntag (15 Uhr) in Düsseldorf startet das DHB-Team seinen viel beachteten Neuanfang mit Blick auf die EM im Januar gegen Portugal. Am Tag des Handballs am Sonntag tritt zuvor das U-19-Europameisterteam gegen Ungarn an, danach spielen um 17.30 Uhr noch die Frauen gegen Russland. ump