Er kennt die Fußball-Bundesliga als Spieler, Sportchef und Vorstandsvorsitzender. Gegenüber unserer Redaktion äußerst sich Thomas Hitzlsperger zur Debatte über die Zukunft des Fußball-Oberhauses.
Die Fußball-Bundesliga hat sich mit dem Abschluss der Relegationsspiele vor rund einer Woche endgültig in die Sommerpause verabschiedet. Gesprächsthema bleibt das deutsche Fußball-Oberhaus dennoch. Mit Transfergerüchten, fixen Wechseln – und der Frage, wie gut es um die Zukunft der Bundesliga eigentlich bestellt ist.
Darüber hat sich auch Thomas Hitzlsperger Gedanken gemacht – und sie gegenüber unserer Redaktion geäußert.
Zunächst einmal ist der frühere Vorstandsvorsitzende der VfB Stuttgart AG (bis März 2022) sicher: „Die Bundesliga wird vorerst ihren Status innerhalb der Top-5-Ligen halten können.“ Auch, weil es für aufstrebende Fußballer durchaus Gründe gibt, nach Deutschland zu wechseln oder eben erst einmal in der Bundesliga zu bleiben, anstatt schnell ins Ausland zu wechseln. „Die Bundesliga wird weiter in der Lage sein, die besten Talente nach Deutschland zu holen und sie hier zu entwickeln“, sagt der Ex-Nationalspieler, „diesen Reiz, hier den vorletzten Schritt machen zu können, übt die Bundesliga auch weiter aus.“ Klar sei aber auch: „Die Liga wird für diese Spieler aber nie das Ende der Fahnenstange bedeuten.“
Wo zieht es die Topstars hin?
Soll heißen: Die besten Spieler, die fertigen Stars am Höhepunkt ihrer Karriere werden nicht in die Bundesliga kommen oder diese verlassen. Es werde laut Hitzlsperger „ein zähes Ringen bleiben, Spieler wie Robert Lewandowski, Erling Haaland oder nun Randal Kolo Muani länger in der Bundesliga zu halten“. Zuletzt hat der Engländer Jude Bellingham seinen Abschied von Borussia Dortmund bekannt gegeben. Für 103 Millionen Euro wechselt er zu Real Madrid. Nicht selten ist aber die englische Premier League das Ziel der (finanziellen) Träume der Spieler. Mit ihr konkurrieren zu wollen, da sind sich die meisten Experten einig, ergibt kaum mehr Sinn.
Für Thomas Hitzlsperger ist es für die Zukunft der Bundesliga eine entscheidende Frage, wie die Clubs und ihr Dachverband (DFL) mit dieser Wirklichkeit umgehen. Dass es unterschiedliche Meinungen innerhalb der 36 Proficlubs der ersten und zweiten Liga gibt, hat zuletzt die Abstimmung über einen Investorenplan gezeigt. Nur 20 von 36 Vereinen haben dem Ansinnen, einen Investor an Bord zu holen zugestimmt. Damit war das Projekt vorerst gescheitert – was zahlreiche organisierte Fans gefreut hat.
„Die Ligen brauchen eine ehrliche Diskussion darüber, wohin sich der deutsche Profifußball entwickeln soll“, mahnt der 40-Jährige an – und nennt die Optionen: „Hin zu einem stärkeren Wettbewerb innerhalb der Bundesliga, um so für mehr Attraktivität in der Spitze zu sorgen.“ Oder weiter in die Richtung, dass die Besten gestärkt werden, „damit diese international auf Top-Level konkurrenzfähig sind“. Hitzlsperger hofft auf schnelle und einende Antworten: „Je länger es hier eine Uneinigkeit gibt, desto mehr schadet das der Liga.“
Er verstehe „die Skepsis“ gegenüber Investoren, beteuert der frühere Mittelfeldspieler, schließlich habe es „im deutschen Fußball bereits warnende Beispiele gegeben“. Zuletzt hat sich das immense finanzielle Engagement von Lars Windhorst bei Hertha BSC nicht ausgezahlt. Im Gegenteil: Der Unternehmer zog sich wieder zurück, verkaufte seine Anteile, nach allerlei Chaos in den Führungsebenen ist der Hauptstadtclub nun Zweitligist. Dennoch werde die Herausforderung, die Bundesliga im Rennen der besten Ligen zu halten, ohne einen externen Partner nicht einfacher.
Das Spannungsfeld der Traditionsclubs
„Ich glaube nicht, dass die Bundesliga nach der Ablehnung des Investoren-Plans sofort abschmiert im internationalen Vergleich“, sagt Hitzlsperger. Aber: „Sie muss kreativ werden und weiterhin alle zur Verfügung stehenden Mittel ausschöpfen um konkurrenzfähig zu bleiben.“ Die einzelnen Vereine sieht er gerade in dieser Investorenfrage der DFL „in einem Spannungsfeld zwischen den Erwartungen einiger Fans, dem Erfolgsdruck einerseits und der Vernunft andererseits“. Daraus wiederum ergebe sich die für DFL-Führung die Herausforderung, Mehrheiten zu organisieren“.
Gerade rund um die Traditionsvereine mit einer großen Fanbasis und einigen Gremien werden nicht nur Investorenpläne stets hitzig diskutiert. „In Gesprächen mit Kollegen“ hat Hitzlsperger nach eigener Aussage zuletzt festgestellt, dass „viele Verantwortungsträger diese Größe und die überragende Stimmung bei Traditionsclubs schätzen“. Sie als Arbeitsumfeld aber „kleinere Clubs mit klaren und kurzen Entscheidungswegen“ bevorzugen würden.
Thomas Hitzlsperger spielte als Jugendlicher beim FC Bayern und in England. Mit dem VfB Stuttgart wurde er 2007 Deutscher Meister, mit dem Nationalteam WM-Dritter und EM-Zweiter. Nach seiner aktiven Karriere war er als TV-Experte tätig. Beim VfB stieg er 2016 als Berater des Vorstands ein, wurde dann Leiter des Nachwuchsleistungszentrums, danach Sportvorstand und schließlich Vorstandsvorsitzender der VfB AG. Im Frühjahr 2022 verließ er den VfB, ihm folgte Alexander Wehrle.
Im März dieses Jahres wurde bekannt, dass er mit einigen Mitstreitern Anteile des dänischen Erstligisten Aalborg BK erworben hat.