Markus Gisdol trainiert seit Oktober 2023 den türkischen Erstligisten Samsunspor. Der gebürtige Geislinger und Ex-Bundesligacoach spricht über die skandalösen Vorkommnisse im türkischen Fußball, die kulturellen Unterschiede und den VfB.
Nach zehn Jahren als Trainer der Fußball-Bundesliga ist der türkische Erstligist Samsunspor die zweite Auslandsstation von Markus Gisdol. Der gebürtige Geislinger spricht über seine Erfahrungen.
Herr Gisdol, wo erwischen wir Sie gerade?
Ich bin gerade aus Stuttgart auf dem Flughafen in Istanbul gelandet und warte noch eine ganze Weile auf den Weiterflug nach Samsun. Ich war drei Tage in der Heimat in Bad Überkingen.
Konnten Sie komplett abschalten?
Nicht ganz. Einen halben Tag musste ich arbeiten, weil wir in unserem Team noch etwas verändern wollen. Danach konnte ich mich meiner Frau und meinen beiden Kindern widmen, was auch notwendig ist, da sie ohnehin zu kurz kommen. So schön Auslandserfahrungen sind, sie sind schon auch mit Entbehrungen verbunden.
Bei Lokomotive Moskau hatten Sie immerhin Ihren Freund und Nachbarn Lutz Siebrecht, den ehemaligen Sportlichen Leiter der Stuttgarter Kickers, an Ihrer Seite...
Das klappte diesmal aufgrund seiner beruflichen Verpflichtung leider nicht. Aber mit Jakob Braun konnte ich den ehemaligen Kickers-Co-Trainer für die Aufgabe in der Türkei begeistern. E/inhalt.jakob-braun-von-den-stuttgarter-kickers-vertrauter-von-mustafa-uenal-auf-dem-sprung-zu-besiktas-istanbul.6965633a-904f-405c-8346-a86af0d02b43.htmlr ist ein großes Talent, mein engster Assistent und stammt quasi auch aus der Geislinger Fußballschule von Helmut Groß.
Haben Sie zu ihm noch Kontakt?
Ja, er hat mich geprägt, seit ich mit 27 Jahren Trainer wurde. Er ist immer noch ein ganz wichtiger Ansprechpartner für mich. Mit ihm lässt sich wunderbar über Fußball philosophieren, der Austausch mit ihm ungemein befruchtend und angenehm.
Das waren die jüngsten Skandale im türkischen Fußball ganz und gar nicht. Wie haben Sie das Chaos wahrgenommen?
Wie alle anderen auch. Wir waren erst einmal total geschockt. Wenn du die Bilder gesehen hast, denkst du, das kann nicht die Wahrheit sein, das kann nicht echt sein.
„Immenser Schaden“
Es war aber Tatsache, dass der Schiedsrichter Halil Umut Meler vom Präsidenten von Ankaragücü verprügelt wurde und andere Personen auf ihn eingetreten haben.
Es war äußerst bedrückend. Und wir alle im Verein, egal ob Ausländer oder Türken, waren uns natürlich einig, dass so etwas überhaupt nicht geht und einen immensen Schaden für den türkischen Fußball bedeutet. Der Aufschrei, die Empörung, die Entrüstung waren enorm.
Dennoch folgte eine Woche später der nächste Eklat, und der Präsident von Istanbulspor holte sein Team nach einem nicht gegebenen Elfmeter vom Platz.
Der erste Vorfall hatte ja national und international schon sehr hohe Wellen geschlagen. Dass kurze Zeit später wieder etwas passiert, kann ich nicht erklären, kann niemand erklären. Wenn, dann höchstens mit der Emotionalität der Türken, wobei ich da wirklich Wert darauflege, nicht alle über einen Kamm zu scheren. Ich hoffe nur, dass nun endgültig alle sensibler geworden sind und sich ihrer großen Verantwortung bewusster geworden sind.
Der prügelnde Ankaragücü-Präsident wurde zwar lebenslang gesperrt, der Verein kam aber mit einer Geldstrafe in Höhe von 63 000 Euro davon und darf in den kommenden fünf Heimspielen keine Zuschauer zulassen. Sind diese Sanktionen nicht zu lasch?
Die Sanktionen sind in unseren Augen sicher nicht hart genug. Aber das ist die Türkei, nicht Deutschland, es ist auch eine kulturelle Thematik. Wir Deutschen können nicht immer alles auf uns und unsere Sichtweisen reduzieren.
Was schlagen Sie vor?
Ich schlage gar nichts vor. Der türkische Verband ist gefordert, und das ist hier auch jedem bewusst. Wenn ich gefragt werde, versuche ich gerne, mit meiner Meinung und meinen Erfahrungen zu helfen, aber ich spiele mich hier auch nicht auf.
„Nicht vergleichbare Strukturen“
Auffallend ist, dass in der Türkei oft die Präsidenten aus der Rolle fallen. Haben Sie eine andere Machtfülle als in Deutschland? Gibt es keine Kontrollgremien?
Die Präsidenten in der Türkei vereinen meistens sehr viel Macht auf ihrer Seite. Die Strukturen sind nicht vergleichbar mit denen in Deutschland. Du hast auch eine ganz andere Euphorie in den Stadien. Das sind tolle Erfahrungen, die man in dieser Liga machen kann. Zumal das Niveau der Spiele gut ist, auch die Stadien entsprechen unseren Standards. Doch wenn die Emotionen übers Ziel hinausschießen, ist das natürlich ganz und gar nicht gut. Solche Dinge dürfen nicht passieren, aber das ist hier auch jedem bewusst, so mein Eindruck.
Nehmen die Präsidenten auch Einfluss auf die Aufstellung?
Das weiß ich nicht. In meinem Verein passiert das jedenfalls nicht. Sonst wäre ich auch der falsche Trainer (lacht).
Wie sieht es in Sachen Disziplin und Organisation aus?
Es herrscht eine andere Kultur. Du hast nicht die Spieler wie in Deutschland, die mehrheitlich aus einem exzellent organisierten Nachwuchsleistungszentrum kommen. Hier musst du die Disziplin schon ein bisschen mehr einfordern. Du musst dich der Kultur anpassen, das respektiere ich. So sollten die Trainingszeiten auch nicht mit den Gebetszeiten kollidieren. Da brauchst du Leute an deiner Seite, die dich darauf hinweisen.
So wie Eddy Sözer, der türkischstämmige Ex-VfB-Co-Trainer, der in Ihrem Trainerteam ist?
Ja, wir haben abgeklopft, wer diese Rolle einnehmen kann. Da sind wir auf Eddy Sözer gekommen, den wir aus der Bundesliga kannten. Er ist eine Hilfe in Bezug auf das Zusammenführen der mir wichtigen Abläufe und den in der Türkei gesetzten Rahmenbedingungen, religiös und kulturell. Das klappt gut und ist eine gute Erfahrung für mich als Trainer.
Was sind Ihre Ziele mit Samsunspor?
Ich habe die Mannschaft Mitte Oktober übernommen, da hatte sie als Aufsteiger einen Punkt aus sieben Spielen geholt. Wir haben jetzt, in einem ersten Schritt, aus neun Spielen 14 Punkte geholt und den Anschluss hergestellt. Wir haben in der Rückrunde reelle Chancen, den Klassenverbleib zu schaffen.
Wie sehr zieht es Sie wieder zurück in die Bundesliga?
Ich habe mich nach zehn Jahren und verschiedenen Stationen bewusst für eine neue Herausforderung entschieden. Ich hätte mir es leichter machen können, aber ich wollte unter Beweis stellen, mit der englischen Sprache, mit verschiedenen Kulturen zurecht zu kommen. Aber klar, ich sehe mich als Kind der Bundesliga, und werde auch irgendwann wieder in Deutschland arbeiten.
Sie haben auch eine Vergangenheit als Jugendtrainer beim VfB. Wie lautet Ihre Prognose fürs Profiteam?
Ich werfe immer ein Auge auf alle meine Ex-Clubs und auch auf die Kickers. Was den VfB betrifft: Hut ab, vor der tollen Arbeit der handelnden Personen. Wenn sie so sachlich bleiben und den eingeschlagenen Weg weitergehen, dann kann die Mannschaft die Champions-League-Qualifikation schaffen, und den Kickers wünsche ich den Aufstieg.
Zur Person
Karriere
Markus Gisdol kam am 17. August 1989 in Geislingen/Steige zur Welt. Als Mittelfeldspieler war er für seinen Heimatclub SC Geislingen in der Oberliga am Ball, zudem u.a. für den SSV Reutlingen. Wegen einer schweren Knieverletzung musste er bereits mit 27 seine aktive Karriere beenden und wurde Trainer. 2005 bis 2007 coachte er die U17 des VfB Stuttgart, danach die SG Sonnenhof Großaspach, den SSV Ulm 1846 und die TSG 1899 Hoffenheim II. Im März 2011 stieg er als Assistent von Ralf Rangnick bei Schalke 04 ein. Es folgten Cheftrainerposten in der Bundesliga bei Hoffenheim (2013 bis 2015), dem Hamburger SV (2016 bis 2018) und dem 1. FC Köln (2019 bis 2021). Lokomotive Moskau (Oktober 2021 bis Februar 2022) war seine erste Auslandsstation, seit 10. Oktober 2023 ist der Coach des türkischen Erstligisten Samsunspor.
Persönliches
Gisdol ist verheiratet und hat eine Tochter (21) und einen Sohn (12). Die Familie wohnt in Bad Überkingen (Kreis Göppingen). (jüf)