Jungen sind laut, wild und rangeln gern – so das Klischee. Aber stimmt das überhaupt? Und wenn ja: Wird das heute zu oft als Problem gesehen? [Plus-Archiv]
Wenn ihre drei Buben auf einem Haufen sind, wird es schnell körperlich. Dann wird gerangelt. Dann wird geschubst oder auch mal an den Haaren gezogen. „Wie schnell ich eingreife, hängt auch mit meinem Stresslevel zusammen“, sagt deren Mutter Regina. Sei sie von der Arbeit müde und gereizt, gehe sie schneller dazwischen, weil es ihr zu laut werde. Sei sie entspannt, würde sie erst eingreifen, wenn es zwischen den dreien grob werde. Oft helfe es allerdings schon, die drei in den Garten zu schicken, wo sie Energie loswerden könnten. Dass es bei ihnen zu Hause oft wild zugehe, daran habe sie sich gewöhnt. Die drei Söhne – vier, sieben und neun Jahre alt – seien halt typische Jungs, sagt die 42-Jährige.
Jungs haben viel Energie, sie spielen wild und rangeln gern. Das ist das Klischee. Tatsächlich ist es auch durch zahlreiche Studien belegt. Das Deutsche Jugendinstitut in München (DJI) hat den Stand der Forschung in einer Veröffentlichung so zusammengefasst: „Jungen spielen aktiver, raumgreifender, wilder und riskanter als Mädchen. Toben, Raufen und Kämpfen sind eine Domäne der Jungen. Mädchen arrangieren sich eher mit räumlichen Gegebenheiten und ziehen sich zurück, wenn es ihnen zu wild wird“, ist dort zu lesen. Wobei klar ist, dass das nicht für jedes einzelne Kind gilt. Und womit auch noch nicht die Frage beantwortet wäre, ob das nun angeborenes oder anerzogenes Verhalten ist.
Ein Vehikel, Lust zu empfinden
Eine Mischung aus beidem – so sagt es Hans Hopf. Der 79-Jährige ist Psychotherapeut und -analytiker für Kinder und Jugendliche. Sein Steckenpferd ist die Psyche der Jungen. In seiner jahrzehntelangen Arbeit unter anderem in der eigenen Praxis, aber auch als Leiter eines Therapiezentrums, hat er „die Lust an der Bewegung, aber auch am Rivalisieren, am Risiko“ studiert. Für ihn ist klar, dass sie zum Bubensein dazugehört, dass sie ein Vehikel sei, Lust zu empfinden. Pädagogen und Eltern sollten sie deshalb „weiträumig zulassen“ – solange sie nicht in Gewalt umschlägt, sagt Hopf. Denn in der körperlichen Auseinandersetzung lernten Kinder auch, sich zu behaupten und gleichzeitig nachzugeben und faire Regeln untereinander aufzustellen. Er hält Bewegung, Sport, Draußensein für die besten Möglichkeiten, kindliche Energie zu kanalisieren.
Die Diskussion, wie man Buben am besten erzieht und ob sie heute zu wenig sie selbst sein dürfen, stellt sich besonders, seit klar wurde, dass sie im deutschen Bildungssystem durchschnittlich weniger gut abschneiden als Mädchen. Und dass sie gleichzeitig häufiger gewalttätig werden. Tatsächlich kam es zu einer „Dramatisierung der Jungenfrage“ etwa ab dem Jahr 2000, schreiben die Autoren des DJI. Buben galten plötzlich als „Risikogruppe“ und „Bildungsverlierer“. Auch die Schuldigen wurden schnell ausgemacht: Eine mehrheitlich weibliche Erzieherinnen- und Lehrerinnenschaft presse Jungs in ein auf Mädchen ausgerichtetes System, das Brav-, Ruhig- und Angepasstsein belohne. So war der inzwischen verstorbene Erziehungswissenschaftler Wolfgang Bergmann der Meinung, dass Jungen ihre Bedürfnisse nicht mehr spüren und und das Gefühl bekommen, ihre Impulse seien unnormal.
Auch mit Lehrern schreiben Jungs keine besseren Noten
Nun wurde zwar mittlerweile belegt, dass Buben nicht unbedingt bessere Grundschulzeugnisse bekommen, wenn sie einen männlichen Lehrer haben, aber die Frage, wie Eltern und Pädagogen damit umgehen, wenn Kinder laut, wild und körperlich sind, stellt sich weiterhin.
Es einfach nur zuzulassen, ist dem Sozialarbeiter Jonas Mahlert von der Stuttgarter Beratungsstelle „Jungen im Blick“ allerdings zu wenig. Er warnt davor, Gewalt unter Jungen zu bagatellisieren. „Da heißt es dann schnell: Das ist normal, das sind ja Jungs“, sagt Mahlert. Bei Mädchen würden Erwachsene oft schneller genauer hinsehen. Dabei habe nicht jeder Junge gleich viel Lust aufs Kräftemessen. Er rät Eltern, schon im Kleinkindalter mit ihren Söhnen darüber zu sprechen und zum Beispiel nach einer Rangelei zu fragen: „Magst du das oder nicht?“ „Hat dir etwas wehgetan?“ Dabei gehe es nicht darum, dieses Verhalten schlechtzumachen, sondern zu vermitteln, dass es in Ordnung sei, nicht raufen zu wollen und Grenzen zu ziehen. So lernen Kinder Empathiefähigkeit und Selbstwirksamkeit, sagt Mahlert. Vor allem Väter seien als Vorbilder gefragt, wenn es um den richtigen Umgang mit Gewalt gehe.
Der Vater, der sich dem Sohn zuliebe einen Rock anzog
In Workshops mit Teenagern erlebt Mahlert, dass Buben verbale Gewalt oft nicht als solche sehen. „Dass es Gewalt ist, wenn ich jemandem auf die Nase haue, ist allen klar. Dass es auch Gewalt ist, wenn ich einem Mädchen zurufe ,Hey, du hast einen geilen Hintern‘, sehen nicht alle so“, sagt Mahlert.
Gegen das Klischee vom harten Jungen kämpft auch der Vater Nils Pickert aus Münster. Er ist Autor des Buchs „Prinzessinnenjungs“. Die Vorstellung, „dass Jungen von Natur aus nur hart und wettkampfbetont sind und folglich zwangsläufig unter einer Gesellschaft leiden müssen, die Wert auf Kommunikationsfähigkeit, Problembewusstsein, Selbstwahrnehmung und Fehlerkultur legt“, ärgert ihn.
„Jungen sind kein Problem“
Seiner Beobachtung nach werde von Jungen verlangt, die Zähne zusammenzubeißen und sich durchzusetzen. „Kleine Träumer, die Trost brauchen, sind mit vier Jahren vielleicht noch ganz niedlich, aber spätestens mit zehn muss das vorbei sein“, schreibt Pickert, der aus Solidarität mit seinem Sohn, der gern Röcke trägt, selbst in einen solchen schlüpfte. Sonst würden Jungs nicht lernen, dass es in Ordnung ist, Schwächen zu zeigen.
Pickerts Plädoyer: „Jungen sind Jungen. Ob schwach, stark, hellblaubegeistert oder pinkfixiert. Jungen sind kein Problem. Wir machen ihnen welche. Und wir sollten endlich aufhören damit.“
Dieser Text erschien erstmals am 29.04.2022.