Zum Interview erwischt man Lisa Kauff beim Spaziergang im Nagolder Stadtpark Kleb – Kopfhörer in den Ohren, Baby Henri im Kinderwagen, Töchterchen Frida in der Kita. Stillstand? Den musste sich die quirlige junge Mama erst selbst beibringen. Mit Yoga. Aber auch mit Yoga ist Kauff auf der Überholspur.
Nagold - Schon beim Zuhören wird einem schwindelig, wenn die 35-jährige Kauff von ihrem ja eigentlich noch recht jungen Leben erzählt. Mit 22 Jahren das Studium abgeschlossen – International Business, inklusive Praktika und Auslandssemester. Ab da Vollgas – erst bei einer Unternehmensberatung, dann bei einem großen, eigentlich dem größten schweizerischen Nahrungsmittelkonzern. Immer jetten im die Welt, jede Nacht woanders im Hotel. "Morgens vor sieben Uhr machte ich meine Einkäufe, abends nach 19 Uhr Sport, Treffen mit Freunden." Nur kein Abend auf dem Sofa. Freizeit: Marathons, Alpenüberquerungen mit dem Mountainbike, neue Fremdsprachen lernen. Was fehlte: "Zufriedenheit stellte sich irgendwie nie ein.". Auf der Arbeit – "viel Disput", viel Druck. "Was mich immer nervöser, unruhiger werden ließ." Beim Sport lief ihr irgendwann ihr späterer Mann über den Weg – auch ein Wendepunkt. Beide stammen aus dem gleichen Ort in Rheinhessen, doch dort war er ihr nie aufgefallen. "Erst als er" – als Arzt, Chirurg – "in Mainz arbeitete und ich in Frankfurt, kreuzten sich unsere Wege". Bei einem gemeinsamen Urlaub hatte Lisa ein Buch dabei: "Finde deine Berufung." Die große Inventur des Lebens begann.
Yoga als Weg zu mehr Ruhe im Leben
Die Frage tauchte auf: "Wo hatte ich den Abzweig verpasst zu tun, was mir wirklich gut tut!?" – Auch: "Der Wunsch nach einer eigenen Familie wurde immer klarer." Yoga schien da ein Weg zu sein, zu mehr Ruhe, zu mehr bewusstem Handeln in ihrem eigenen Leben zu finden – was nicht so einfach für die Turbo-Frau war: "Am Anfang ging es mir nicht schnell genug" – das mit den Übungen, den Bewegungen, dem gezielten Atmen, um den eigenen Körper und die eigene Seele wieder in eine "gesunde" Balance zu bringen. Aber auch das lernte Lisa mit der Zeit. Tatsächlich stellte sich langsam Entspannung ein, sogar echte Zufriedenheit. Ein neues Credo tauchte in ihrem Leben auf: "Je höher du die eigenen Erwartungen steckst, desto unzufriedener wirst du." Also – innehalten. Sich bremsen, sich in Mäßigung üben.
Was aber nicht heißt, dass eine solche Powerfrau wie Lisa Kauff auf einmal halbe Sachen macht: "nur" Yoga reichte recht bald nicht mehr – Lisa machte die Ausbildung zur Yoga-Lehrerin, gründete 2015 ihr eigenes Unternehmen "Monkey Yoga". Wobei man den Namen vielleicht erklären muss: "Monkey – also Affe – bezieht sich auf den ›Affen-Geist‹ in einem selbst", der mit dem Yoga beruhigt werden soll. "Den Affen in sich bändigen", der auch Lisa Kauff bisher immer höher, immer weiter, immer hektischer durchs Leben getrieben hatte. Wobei – auch als Yoga-Lehrerin ging sie die Sache natürlich gleich richtig und ordentlich an. Legendär im heimischen Mainz beispielsweise ihre Charity-Aktionen, bei denen sie bis zu "170 Teilnehmer in der Opel-Arena in die unterschiedlichsten Verrenkungen dirigiert".
So schrieb damals die örtliche Presse über Lisa Kauff – als sie 2018 irgendwie einen echten "Coup" landete. Inzwischen hatte Lisa ihren Daniel geheiratet, das erste Kind – Tochter Frida – war gerade geboren, als sie bereits wieder öffentliche Yoga-Kurse anbot: "Mamasté-Kurse" speziell für Mütter, quasi als besondere Form der Rückbildungsgymnastik. Sofort ein riesen Erfolg. Gerade, weil Kauf die Kurse gerne in einen öffentlichen Park mit viel frischer Luft durchführte – stets geschützt durch eine "Wagenburg" mit den Kinderwägen der teilnehmenden Mütter.
Im Herbst 2019 erfolgte der Umzug nach Nagold – Ehemann Daniel übernahm hier die Chefarztstelle in der Chirurgie des Kreiskrankenhauses. Es hätte für die junge Familie auch woanders hingehen könnte, aber "die viele Natur" im Nordschwarzwald neben der besonderen beruflichen Perspektive lockten. Was aber trotzdem auch schwierig gewesen sei, weil "wir die Familie, Oma und Opa, zurücklassen mussten". Aber auch dafür findet sich vielleicht eine Lösung: "Auch Oma und Opa suchen mittlerweile hier eine kleine Wohnung..."
"Schwangerschafts-Yoga" als Video
Und Lisa Kauff? Letzten August kam Sohn Henri zur Welt. Bis in den zehnten Schwangerschaftsmonat machte Yoga-Lehrerin Lisa regelmäßig Videos von sich beim "Schwangerschafts-Yoga", nach der Geburt von ihren Übungen zum "Rückbildungs-Yoga" – wegen der Pandemie waren ja keine "richtigen" Kurse möglich.
Vielleicht waren deshalb von der ersten Sekunde an Lisas Youtube-Videos so ein gewaltiger Erfolg, die Klickraten sprangen sofort immer höher – einige erreichten weit über 100.000 Abrufe. Mittlerweile hat Kauff unter dem Dach von "Monkey Yoga" (www.monkeyyoga.de) eigene, komplette Video-Yoga-Kurse eben für Schwangere und junge Mütter zusammengestellt – und so innerhalb weniger Wochen knapp tausend zahlende Abonnenten geworben. Womit Lisa Kauff dann doch wieder – irgendwie – auf die Überholspur übergesetzt hat. Wenn auch heute deutlich zufriedener, entspannter, ausgeglichener.
"Über die Alpen hetzen muss ich im Augenblick nicht mehr", wobei ihr als "Jungunternehmerin in Elternzeit" trotzdem nicht die Ideen und Ziele ausgehen: Sobald es Dauer-Lockdown und Pandemie-Lage erlauben, würde sie gerne den Nordschwarzwald zu einem Ausbildungszentrum für künftige Yoga-Lehrer machen – mit Komplettangeboten in Kooperation mit hiesigen Hotels. Noch vor der Pandemie hatte sie auch hier in Nagold zu den Geschäftsleuten der Stadt ihre Fühler ausgestreckt, um Angebote wie "Yoga-Brunch" oder "Yoga und Wein" anzubieten – einst in der Mainzer Heimat echte Erfolgsprojekte "mit bis zu über hundert Teilnehmern". Und man spürt, wie Kauffs Ruhepuls augenblicklich wieder ansteigt – vor Tatendrang, Motivation, Enthusiasmus.
Doch jetzt muss sie das Interview leider beenden – die Tochter muss aus der Kita abgeholt werden, Sohn Henri ist hungrig. Ein letzter Blick auf den Kleb – wo ihr übrigens die Stadt Nagold bisher nicht erlaubt, – auch ohne Corona – eigene Yoga-Kurse im Freien anzubieten. "Da hatte ich in Mainz weniger Probleme – dort freute man sich über das Angebot." Und irgendwie ist klar, dass auch solche unerwarteten Hürden Lisa Kauff auf ihrer Überholspur in Nagold nicht wirklich bremsen werden.