Jochen Baumhauer aus Illerkirchberg verlor vor zwölf Jahren als Streckenposten bei einer Rallye seinen rechten Unterschenkel. Wie stark hat sich sein Leben dadurch verändert?
Jochen Baumhauer hat eine Eigenart. Der 48-Jährige aus Illerkirchberg bei Ulm trägt immer kurze Hosen. „Ich schwitze schnell“, sagt er lapidar. Im Winter wird er häufig gefragt, ob es ihn denn nicht friere. Dann antwortet er scherzhaft: „Nur links“. Baumhauer hat nur ein Bein, rechts trägt er vom Knie abwärts eine Prothese.
Sommer 2011. Baumhauer ist Rallye-Fahrer und seine Frau Co-Pilotin in einem 340 PS starken Audi TT RS. Vier Wochen vor der Rallye Baden-Württemberg in Dornstadt bei Ulm erfahren die beiden, dass ihr Kinderwunsch wahr wird: Sie ist schwanger. Und weil er ohne sie nicht fährt, entscheidet sich das Paar, vorerst bei keinem Rennen mehr zu starten. Die Rallye lässt sich Baumhauer trotzdem nicht entgehen. Er ist an jenem 23. Juli als Streckenposten im Einsatz.
Jochen Baumhauer positioniert sich im Inneren einer Rechtskurve. Er weiß, dass die Fliehkräfte ein Auto, das die Kurve zu schnell nimmt, nach außen drücken – und wähnt sich in Sicherheit. Zumal er neben einem dicken Baum steht.
30 Zentimeter weiter entfernt, wäre ihm nichts passiert
Hohes Gebüsch versperrt ihm den Blick auf die lange Gerade. Auch der Regen erschwert die Sichtverhältnisse. So kommt es, dass Baumhauer erst im letzten Moment bemerkt, dass ein Mitsubishi direkt auf ihn zurast. Bevor er Zeit hat, zu überlegen, in welche Richtung er ausweichen soll, wird er von dem Auto erfasst. Der Fahrer kann den Boliden auf der nassen Strecke schon vor der Kurveneinfahrt nicht mehr unter Kontrolle halten. Rückblickend ärgert sich Baumhauer über sich selbst: „Ich hätte 30 Zentimeter zurückgehen sollen, dann wäre das Auto auf den Baum geprallt und hätte mich nicht erwischt.“ So aber wird er zwischen Baum und Auto geklemmt.
Baumhauer erzählt ganz sachlich vom Unfall. Er weiß noch, dass er auf dem Boden lag und unglaubliche Schmerzen hatte. „Dann kam irgendwann ein Rettungswagen, man gab mir eine Spritze, ich schlief ein.“ Hier endet seine Erinnerung. Was in den Stunden und Tagen nach dem Unfall passiert, hat man ihm später erzählt. Rettungskräfte bringen ihn per Hubschrauber in ein Krankenhaus. Dort wird er ins künstliche Koma versetzt. Elf Tage kämpfen die Ärzte um seine Gesundheit. Am vierten Tag müssen sie ihm wegen einer lebensbedrohlichen Blutvergiftung den rechten Unterschenkel abnehmen.
Er will sofort wieder hinters Lenkrad
Als Jochen Baumhauer wieder aus dem Koma erwacht, spürt er sein rechtes Bein noch, aber es ist nicht mehr da. „Das war im ersten Moment gar nicht so schlimm“, sagt er trocken.
Er kann sich noch nicht auf die neue Situation einlassen. Ihn treibt zunächst nur ein Gedanke um. Das Erste, was er zum Arzt sagt: „In vier Wochen will ich auf jeden Fall wieder Rallye fahren.“ Ein Leben ohne Motorsport kann sich Baumhauer, der schon als Elfjähriger mit dem Kart anfing, später auf Slalomrennen und schließlich auf Rallyes umstieg, einfach nicht vorstellen. Doch der Arzt muss Baumhauer bremsen. Vielleicht könne er ja irgendwann wieder fahren, aber daran solle er sich jetzt besser nicht festklammern. Jochen Baumhauer verbringt sechs Wochen im Krankenhaus. Er hat viel Blut verloren, er hat sich das Becken und den Oberschenkel gebrochen. Zudem ist bei dem Unfall seine Blase geplatzt.
Während des Klinikaufenthalts darf er wegen seiner Verletzungen nur auf dem Rücken liegen. Von morgens bis abends stiert er die Decke an. Wie geht sein Leben jetzt weiter? Diese Frage treibt Baumhauer immer und immer wieder um. Er versucht viel zu schlafen, um die endlose Gedankenschleife zu durchbrechen. Ablenkung gibt es sonst ja kaum im Krankenhaus. „Diese Zeit fühlte sich wie eine Ewigkeit an, als wollte sie nie vergehen“, sagt Baumhauer und gewährt einen seltenen Einblick in seine Gefühlswelt.
Sein Chef beschafft ihm einen Bürojob in der Firma
Halt habe ihm die Freude auf seine Tochter gegeben. Sie kommt im Dezember zur Welt. Kraft geben dem Familienmenschen auch die Besuche seiner Frau und seiner Eltern. „Eigentlich war jeden Tag jemand da.“ Auch seine Freunde besuchen ihn immer wieder. Dafür ist er noch heute dankbar. Nach dem Krankenhaus muss er zur Reha nach Ulm. Mit seiner Berufsgenossenschaft vereinbart Baumhauer, dass er wenigstens über die Wochenenden zu seiner Frau darf. „Ich war einfach froh, wieder zu Hause zu sein.“ Aber er weiß, dass es noch ein weiter Weg zurück in die Spur des alten Lebens ist.
Im Alltag wird ihm das jeden Tag aufs Neue vor Augen geführt. Alleine einkaufen zu gehen stellt ihn mit seinen Krücken vor riesige Hürden. Doch er ist nicht allein: „Meine Frau und meine Eltern haben alles gemacht, was ich nicht machen konnte“, sagt Jochen Baumhauer. Dankbar ist er auch seinem Unternehmen, insbesondere seinem damaligen Vorgesetzten. Denn seinen alten Beruf als Werkzeugmechaniker kann Baumhauer nicht mehr ausüben. Mit seiner dünnen, schwarzen Prothese am rechten Bein muss er noch einmal neu laufen und sogar stehen lernen. Es vergehen etliche Monate, bis er auch ohne Krücken wieder mobil ist. Sein Chef beschafft ihm einen Bürojob in der Firma, den hat er heute noch.
Acht Monate nach dem Unfall ist Baumhauer dann zum ersten Mal wieder als Gast an der Rallye-Piste und sieht im Fahrerlager seine Leute wieder. Ein emotionaler Tag, an dem der Traum auflebt, selbst wieder am Steuer zu sitzen.
Die Umstellung auf Linksgas fällt ihm leicht
Weil er jetzt nur noch Autos mit Automatikgetriebe fahren kann und er zudem von Rechts- auf Linksgas umlernen muss, ist Baumhauer verpflichtet, noch mal eine praktische Eignungsprüfung abzulegen. Für ihn kein großes Ding. Um ein Rallyeauto mit Frontantrieb schnell und stabil zu halten, bleibt ein geübter Pilot in manchen Kurven auf dem Gas und bremst gleichzeitig dosiert mit dem linken Fuß.
Baumhauer erinnert sich an die erste Fahrstunde: „Ich fuhr drei Kurven, dann fragte der Fahrschullehrer erstaunt, ob ich schon geübt habe.“ Baumhauer besteht die Prüfung mit links. Vor seiner Rückkehr auf die Rennstrecke muss er nur noch sein Auto umbauen. Baumhauer fährt jetzt entweder Automatik im Sportmodus oder schaltet mit der Wippe am Lenkrad.
Im März 2014 ist der Tag gekommen. Nach fast drei Jahren steht Jochen Baumhauer wieder an der Startlinie eines Rennens. Neben ihm natürlich seine Frau als Co-Pilotin. Noch heute kann er sich an jedes Detail erinnern. Sechs Wertungsprüfungen stehen an. Nach der dritten ist bereits Schluss für die Baumhauers. „Die Bremsen waren so überhitzt, dass die Bremsscheibe glühte. Ich drückte das Pedal ganz runter, wurde aber nicht langsamer. Nach der Zieldurchfahrt musste ich mit der Handbremse anhalten.“
Fahrrad- und Skifahren ist nicht mehr drin
Trotz technischer Probleme beendet Team Baumhauer die Wertung mit der drittbesten Zeit von 43 Teilnehmern. Nur sechs Sekunden Rückstand auf Platz eins. Ein großes Erfolgserlebnis für Fahrer und Beifahrerin. „Es lief echt gut.“
Inzwischen haben die beiden an vielen weiteren Rallyes in ganz Deutschland teilgenommen. Jochen Baumhauer ist überzeugt: „Mit zwei Beinen könnte ich meinen Audi auch nicht schneller fahren.“ Seit dem Neuanfang standen sie bei der Rallye Ulm schon zweimal auf dem Podium. In diesem Jahr belegten sie Platz sechs der Gesamtwertung. Darauf sind sie stolz.
Die Freude am Rallye-Sport hat er wieder. Auf das Fahrrad oder seine geliebten Skier muss er allerdings verzichten. Baumhauer trägt eine Unterdruck-Prothese. Winkelt er das Bein zu stark an, kann es passieren, dass Luft zwischen die Prothese und den Stumpf gelangt – und er die Prothese verliert. Seine alte Bewegungsfreiheit wird er nie mehr zurückgewinnen. Noch heute spürt er auch manchmal Phantom-Schmerzen im rechten Unterschenkel. Und dann ist der Unfall von damals wieder präsent.
Er braucht den Adrenalinkick nicht mehr so häufig wie früher
Wie ist heute das Verhältnis zu dem Unglücksfahrer im Mitsubishi? Er mache ihm keine Vorwürfe, sagt Jochen Baumhauer. „Das Unfallrisiko kann man in diesem Sport nie zu hundert Prozent ausschalten.“ Enttäuscht ist Baumhauer, dass der Mann bis heute kein Gespräch mit ihm suchte. Nur die Beifahrerin habe sich nach dem Unglück bei seinen Eltern gemeldet und später auch mit ihm telefoniert. Vielleicht hat der Mann ja mit Schuldgefühlen zu kämpfen und weiß nicht, wie er den richtigen Ton finden kann. „Dabei will ich nichts anderes hören als ‚Gott sei Dank lebst du noch.“ Und: „Lass uns mal ein Bier trinken.“
„Der Rallye-Sport ist neben meiner Familie mein Ein und Alles“, sagt Jochen Baumhauer. Er braucht den Adrenalinkick zwar nicht mehr so häufig wie früher, als er Mitte zwanzig war. Aber vier-, fünfmal im Jahr packt es ihn doch. Und einen großen Wunsch hat er noch: „Wenn meine Tochter älter ist, möchte ich mal mit ihr Rallye fahren.“ Zuerst mit ihm als Fahrer und ihr als Co-Pilotin – und dann umgekehrt.