Die Bahn rühmt sich als umweltfreundlichstes Verkehrsunternehmen. Kontinuierlich soll der Ökostromanteil gesteigert werden. Doch eigene Flächen spielen bei der Energiewende bisher keine Rolle. Auf keinem einzigen Bahnhof im Südwesten sind Fotovoltaikanlagen installiert.
Stuttgart - 684 Bahnhöfe und Stationen betreibt die Deutsche Bahn (DB) in Baden-Württemberg. Doch weder auf den dortigen Gebäuden noch auf den Bahnsteigüberdachungen sind bisher Fotovoltaikanlagen in Betrieb. Das hat der Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, Steffen Bilger (CDU), eingeräumt. Es seien gegenwärtig auch keine Projekte geplant, sagte der Abgeordnete des Wahlkreises Ludwigsburg.
Der Grünen-Verkehrsexperte im Bundestag, Matthias Gastel, der die Anfrage vorgelegt hatte, reagierte enttäuscht. Zwar sei die Bahn ein verhältnismäßig klimafreundlicher Verkehrsträger. Sie müsse aber so schnell wie möglich vollständig auf Ökostrom umstellen. „Dazu kann sie mit ihren Liegenschaften einen Beitrag leisten“, sagte Gastel. Noch werde zu viel schmutzige Kohle verstromt.
Von 2038 an nur noch grünen Strom
In ihrer Konzernstrategie „Starke Schiene“ hat sich die DB vorgenommen, bis zum Jahr 2038 ihren gesamten Bahnstrom aus erneuerbaren Quellen zu decken. Wie sie das erreichen wolle, sei völlig unklar, sagte Gastel. Im Jahr 2020 bezog das Unternehmen 61 Prozent seines Stroms aus erneuerbaren Quellen. Damit war der Anteil von Windkraft, Wasserkraft und Sonnenenergie etwas höher als im allgemeinen deutschen Strommix.
Seit geraumer Zeit baue die Konzerntochter DB Energie das Portfolio von Vertragskraftwerken und Lieferverträgen grundlegend um, sagte eine Sprecherin. Dabei engagiere sich DB Energie für den Ausbau des Marktes von erneuerbaren Energien, ohne selbst Anlagenbetreiber zu sein. Warum die Verpachtung von Dachflächen bisher nicht im Fokus des Unternehmens stand, erklärte die Sprecherin allerdings nicht.
Auch Freiflächen an der Strecke sind interessant
Dies sei bedauerlich, sagte Gastel. Auch viele Flächen entlang von Bahnstrecken ließen sich für Fotovoltaikanlagen nutzen. Allerdings gestalteten sich auch hier die Gespräche schwierig. So versuche in seinem Wahlkreis Nürtingen-Fildern seit Jahren ein Unternehmer, entlang der Neubaustrecke Stuttgart-Ulm in Fotovoltaik zu investieren. „Es war für ihn aber sehr schwer, eine Ansprechperson bei der DB zu finden.“
Auch das Landesverkehrsministerium bezeichnete die Bahnhöfe in einer Antwort auf eine Anfrage der FDP-Landtagsfraktion als „Flächenschatz“, den es schnell zu heben gelte. „Aus Sicht der Landesregierung wird hier eine Chance nicht genutzt.“ Man werde beim Bundesverkehrsministerin die Erarbeitung eines Konzepts anregen, das auch die Freiflächen-Fotovoltaik entlang der Schienenstrecken einbeziehe.
Und wie steht es mit Stuttgart 21?
Was die Dächer betreffe, könne sich auch die mittlerweile gesetzlich verankerte Pflicht zur Installation von Fotovoltaikanlagen auf Neubauten auswirken, erklärte das Ministerium. Beim neuen Stuttgarter Hauptbahnhof spielt dies zwar keine Rolle, da auf dem Dach der Manfred-Rommel-Platz entstehen wird. Allerdings sollen nach den gegenwärtigen Planungen bei der Sanierung des Bonatzbaus auf dessen Dach Kollektoren installiert werden, sagte ein Projektsprecher. Größe und Betreiber stünden noch nicht fest. Laut dem neuen Koalitionsvertrag soll die Solarpflicht bei grundlegenden Dachsanierungen auch auf Bestandsbauten erweitert werden. „Was man von privaten Bauherren verlangt, muss auch für die öffentliche Hand gelten“, sagte der FDP-Landtagsabgeordnete Christian Jung.
Laut Eigenwerbung ist die Bahn übrigens schon viel weiter. Viele Werkstätten, Bahnhöfe und einige Lagerhallen seien mit Solaranlagen ausgestattet, heißt es auf der Internetseite des Konzerns. „Unsere Dächer übernehmen bereits heute eine tragende Rolle.“ Allerdings ist die Situation außerhalb von Baden-Württemberg kaum besser. Bundesweit sind gerade mal 16 Bahnhöfe mit Fotovoltaikanlagen ausgestattet. Die größte Anlage ist mit 780 Modulen in Berlin installiert. Aber vielleicht tut sich ja jetzt etwas: „Die Deutsche Bahn prüft, inwiefern künftig Flächen an Bahnhöfen und Bahnhofsdächern für eine Solarstromerzeugung genutzt werden können“, versprach Bilger.
Verkehrsträger mit großem Stromhunger
Elektrifizierung
Rund 61 Prozent des 33 000 Kilometer langen Schienennetzes in Deutschland sind elektrifiziert. Allerdings sind auf diesen Strecken 90 Prozent aller Reisenden und Güter unterwegs.
Südbahn
In Baden-Württemberg stehen gegenwärtig noch die Bodenseegürtelbahn und die Hochrheinstrecke zur Elektrifizierung an. Dort hat die Schweiz den Abschnitt, der durch den Kanton Schaffhausen führt, schon fertig gestellt. Auch entlang der Südbahn zwischen Ulm, Friedrichshafen und Lindau ist die Oberleitung mittlerweile fertig. Der Elektrobetrieb startet im kommenden Dezember.
Hochspannung
Im Jahr 2020 deckte die Deutsche Bahn 61 Prozent ihres Strombedarfs aus erneuerbaren Quellen. Zwölf Prozent stammten aus Kernenergie, etwas mehr als 18 Prozent aus Kohle und leicht über acht Prozent aus Gas. Die Spannung in den Oberleitungen beträgt in Mitteleuropa 15 000 Volt.