Eike Schmidts Amtszeit als Direktor der Uffizien endet schon in wenigen Tagen. Das Kultusministerium will ihn nach Neapel schicken. Der Freiburger wird aber auch von anderer Seite umworben.
Die Terrasse scheint sein Lieblingsort zu sein. Zumindest führt Eike Schmidt seine Besucher gerne schnurstracks dorthin, egal bei welchem Wetter. Selbst wenn der Himmel grau ist, es nieselt und die Temperaturen eher an den Herbst in Deutschland erinnern als an Sommer in Italien, steuert der Nochdirektor der Uffizien die Bistrostühle an, von denen aus man einen einzigartigen Blick auf die Kuppel des Florentiner Dom hat und auf den Turm des Palazzo Vecchio, des Rathauses der Stadt. Mehr Florenz geht nicht.
Drinnen, in den Gängen des Renaissance-Museums, hört der sichtbare Stolz Eike Schmidts nicht auf. Stolz auf das, was er hier geschaffen hat. Acht Jahre lang war der 55-jährige gebürtige Freiburger der Leiter der Uffizien und des Palazzo Pitti. Der Hüter der Venus von Botticelli und der Medusa von Caravaggio. Am 20. Dezember endet seine zweite Amtszeit. Florenz will er aber nicht den Rücken kehren. Egal, was kommt.
Einen neuen Job hat er seit wenigen Tagen. Also wenn er ihn denn antreten will. Zumindest hat der italienische Kulturminister Gennaro Sangiuliano am Freitagabend verkündet, Schmidt werde künftig das Nationalmuseum Capodimonte in Neapel leiten. Er sei „sehr bewegt“, sagte Eike Schmidt zu dieser Nachricht. Wer ihn kennt, weiß: Das bedeutet von seiner Seite noch keine Entscheidung. Er liebäugelt nämlich noch mit einem anderen Amt, dem des Bürgermeisters von Florenz.
Politische Kehrtwenden in Rom
Schon einmal war eigentlich klar, dass Eike Schmidt aus Florenz weggehen werde. 2019 sollte er nach dem Ende seiner ersten Amtszeit die Leitung des Kunsthistorischen Museums in Wien übernehmen. Der Wechsel war eigentlich schon perfekt. Dann änderte Schmidt doch noch seine Pläne – und blieb in Florenz. Und damit in Italien, das in jenen Jahren von einem politischen Rechtsruck erschüttert worden war. Mit seiner zweiten Amtszeit begann noch ein zweites Projekt: die Bewerbung um die italienische Staatsbürgerschaft. Mitte November dieses Jahres wurde ihm diese feierlich verliehen.
Seine Begründung dafür, dass er damals in Florenz bleiben wollte: eine erneute politische Kehrtwende in Rom. Der Reformeifer in der Kulturpolitik habe zwar schon unter der linken Regierung von Matteo Renzi und Paolo Gentiloni zunehmend abgenommen. Als dann im Sommer 2018 die populistische Fünf-Sterne-Bewegung und die rechte Lega an die Macht kamen, habe sich die Situation noch einmal deutlich verschlechtert. Schmidt wäre gegangen. Dann wechselten – in Italien nicht unüblich – die Fünf Sterne nach einem Jahr schon wieder ihren Regierungspartner. Und der alte Kulturminister, Dario Franceschini vom Partito Democratico, wurde wieder ins Amt berufen. Was Schmidt dazu bewog, seine Arbeit fortzusetzen.
Er hatte viel vor mit den Uffizien – und er hat viel geschafft in diesen acht Jahren. Die augenfälligste Veränderung: Vor dem Museum stehen sich die Besucher nicht mehr stundenlang die Beine in den Bauch. Ein Ergebnis vor allem von einer neuen Preisgestaltung: In den Randzeiten ist der Eintritt günstiger als zu den Stoßzeiten. Die Schlange hat sich erheblich verkleinert, während die Besucherzahlen und die Einnahmen auf Rekordhöhe gestiegen sind. Bis Jahresende werden 2023 mehr als fünf Millionen Menschen die Uffizien besichtigt haben. So viele wie nie zuvor.
„Damals, vor acht Jahren, lagen die jährlichen Einnahmen bei rund 16 Millionen Euro. In diesem Jahr werden wir zum ersten Mal die 60-Millionen-Euro-Marke überschreiten“, sagt Eike Schmidt unserer Zeitung. Damit könnten auch einige strategische Aufgaben und Projekte angegangen werden, wie die Auslagerung von Büros in Gebäude im Boboli-Garten. „Das bedeutet, dass wir im Palazzo Pitti und in den Uffizien wiederum mehr Ausstellungsraum schaffen können.“
Mehr als 80 neue Säle
Das „wir“ kommt Schmidt bis zu seinem letzten Tag über die Lippen. Vor allem, wenn es um die Errungenschaften geht, die er mit seinem Team durchsetzten konnte. „In den Uffizien und dem Palazzo Pitti haben wir über 80 neue Säle eröffnet“, erzählt er stolz. Will heißen: Die bestehenden Säle wurden renoviert, Bilder neu gehängt, Statuen und Gemälde neu geordnet. „Vorher waren die Uffizien dafür bekannt, dass alles sehr schattig war“, sagt Schmidt über das von ihm eingeführte neue Beleuchtungskonzept. „Entweder gab es gar kein Licht oder die Lampen haben fröhlich senkrecht nach oben gestrahlt. Was die Bilder und Statuen noch mehr ins indirekte Licht gerückt hat, was sie noch dunkler erscheinen ließ, als sie wirklich sind.“
In seinem Fazit steht das Empfinden der Besucher im Vordergrund. Er betont aber auch die Veränderungen, die sich hinter den Kulissen vollzogen haben. „Wir haben zwar immer noch nicht genug Personal, aber nun funktionale Departments. Unsere Kunsthistoriker können sich der Kunstgeschichte widmen und unsere Juristen sich den rechtlichen Fragen“, erklärt er. „Damit müssen wir die Historiker nicht mit zu vielen Verwaltungsaufgaben belasten und fachfremd einsetzen. Das wiederum minimiert Fehler.“
Zusage aus Neapel
Schon kurz nach dem Beginn seiner Amtszeit im Herbst 2015 hatte Schmidt in Florenz seinen Spitznamen weg: der Che Guevara der Uffizien. Er hatte vor, den Vasari-Korridor für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen, der bis dato nur zu horrenden Preisen in Sonderführungen besichtigt werden konnte. Auch das hat Schmidt erfolgreich umgesetzt.
Erfolgreich halten sich auch die Spekulationen um seine Zukunft, die seit Monaten durch die italienischen Medien wabern. Schmidt sei quasi schon gesetzt als Bürgermeisterkandidat für die kommunalen Wahlen Anfang Juni 2024, heißt es immer wieder, und zwar für ein Bündnis der Rechten, in dem auch die populistische Lega von Matteo Salvini und die nationalistische Regierungspartei Fratelli d’Italia von Giorgia Meloni vereint wären. Schmidt dementiert das nicht. Das Thema, das ihn kommunalpolitisch am meisten umtreibt, ist die Sicherheit in der toskanischen Hauptstadt. Die habe sich in den vergangenen Jahren extrem verschlechtert.
„Es gibt immer wieder Menschen, die mich auf der Straße anhalten und mich dazu ermuntern, für das Bürgermeisteramt für Florenz zu kandidieren“, sagt der Deutsch-Italiener unserer Zeitung. Über eine Kandidatur habe er sich noch keine tiefen Gedanken machen können. Die Zusage aus Neapel mache seine Überlegungen zwar komplizierter, aber beide Optionen seien weiter offen. „Die Entscheidung wird im Januar fallen“, sagt Schmidt am Sonntag. Es bleibt also spannend, ob der Che Guevara der Uffizien zum Sheriff von Florenz wird – und dann vom Palazzo Vecchio aus die Uffizien im Blick behält.