Ganz in seinem Element: Ex-Schiedsrichter der Bundesliga Eugen Strigel bei einer Schulung. Foto: Kara

Dem 71-jährigen gebürtigen Balinger Eugen Strigel geht es nach einer Krebserkrankung wieder besser. Im Interview blickt der ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter hoffnungsvoll nach vorne und anekdotenreich zurück. 

Herr Strigel, Sie sind mittlerweile 71 Jahre alt. Doch Ihre Berufung ist nach wie vor das Schiedsrichterwesen. Wie geht es Ihnen momentan?

Nach wie vor bin ich eng mit den Schiedsrichtern der Bundesligen verbunden. Bis Dezember war ich jedes Wochenende bei den Videoschiedsrichtern in Köln. Auch die Coronazeit habe ich gut überstanden und bin in der Zwischenzeit zweimal geimpft. Kurz vor Weihnachten erhielt ich aber die Diagnose Krebs im Rachenbereich. Das hat mich aus dem Alltag und auch aus meiner Tätigkeit bei den Schiedsrichtern gerissen. Ich war wochenlang im Krankenhaus. In der Zwischenzeit sieht es aber wieder so aus, dass ich hoffnungsvoll auf die neue Saison schauen kann. Ich hoffe, dass es gesundheitlich weiter aufwärts geht und kein Rückschlag kommt. 

Kürzlich wurden Sie vom DFB erneut als Beobachter und Coach im Kölner Videokeller und von der UEFA als Beobachter für internationale Spiele berufen. Wie sehr hat Sie diese Wertschätzung gefreut?

Es hat mich natürlich sehr gefreut, dass ich für die neue Saison nochmals nominiert wurde. Ich gebe gerne meine Erfahrung an die jungen Schiedsrichter weiter. Aber ich sehe es auch als Wertschätzung, welchen Zuspruch ich von nationalen und internationalen Schiedsrichtern während meiner Krankheit erhielt, in der Hoffnung, dass wir uns bald wiedersehen.

Der Kölner Videokeller hat für viel Diskussionsstoff unter den Fußballfans gesorgt. Sie haben doch bestimmt eine amüsante Anekdote für uns?

Amüsante Anekdoten gibt es wirklich keine. Am ersten Tag unserer Schulungen und Lehrgänge im Videocenter in Köln war ich dabei. Es war für uns alle totales Neuland und hochspannend. Zu Beginn haben wir auch recht viele Fehler gemacht und fehlerlos sind wir bis zum heutigen Tage nicht. Wir versuchen zwar eine einheitliche Linie bei den Eingriffen zu erreichen, aber Menschen urteilen eben unterschiedlich, wenn es darum geht, wann ein glasklarer Fehler vorliegt. Dazu kommt auch noch, dass das Urteil innerhalb weniger Sekunden gefällt werden muss. Und dabei müssen noch bis zu 20 Fernsehbilder ausgewertet werden. Und es kam auch schon vor, dass man vielleicht eine halbe Minute später ein Fernsehbild eingespielt bekam, nach dem man eine andere Entscheidung getroffen hätte. Die Kritik ist manchmal sehr heftig und oft werden Späße gemacht. "Haben die in Köln geschlafen oder machten sie Kaffeepause?" - so oder ähnlich sind die Kommentare. Es wird wirklich hoch konzentriert gearbeitet und alle Entscheidungen werden akribisch aufgearbeitet, aber zur vollsten Zufriedenheit aller Beteiligter wird es nicht gehen. Wenn von zehn Entscheidungen neun richtig getroffen werden, dann wird nur über diese eine diskutable Entscheidung gesprochen. Wir werden es auch wieder bei der Europameisterschaft sehen. In allen Spielen ohne deutsche Beteiligung werden wir die Entscheidungen viel lockerer sehen und auch weitgehend akzeptieren. Ich bin auch davon überzeugt, dass der Videoschiedsrichter bleiben wird. Im Spitzenbereich sind Fußballspiele ohne den Videoschiedsrichter nicht mehr denkbar.

Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Spiel als Schiedsrichter?

Ich stamme ursprünglich aus Balingen, habe dort meine Schiedsrichterprüfung gemacht und erinnere mich an viele Spiele nicht mehr sehr gut. Aber an mein erstes Spiel erinnere ich mich noch ganz genau: Es war die A-Jugendpartie zwischen dem TSV Frommern und dem TSV Obernheim. Mein erstes Spiel - dann in der 2. Amateurliga - habe ich auch hier in unserer Gegend gepfiffen. Es spielten SV Villingendorf gegen SV Spaichingen. Die ersten Spiele in einer Klasse bleiben immer in besonderer Erinnerung.

Welche Partie war für Sie das absolute Highlight?

Das größte Spiel für einen Schiedsrichter in Deutschland ist das DFB-Pokalfinale. So war es auch für mich im Jahre 1995 das Pokalfinale in Berlin zwischen Gladbach und Wolfsburg. Aber da gibt es noch einige, die diesem kaum nachstehen. Als 1995 Dortmund nach langer Zeit wieder Deutscher Meister wurde, durfte ich am letzten Spieltag das entscheidende Spiel zwischen Dortmund und dem HSV pfeifen. Oder auch ein Pokalhablfinale zwischen Gladbach und Leverkusen bleibt in besonderer Erinnerung, da Uwe Kamps, der Gladbachter Torhüter, im Elfmeterschießen alle Elfmeter gehalten hatte. Und noch eines möchte ich erwähnen, als im Spiel Eintracht Frankfurt gegen Bayern München Klaus Augenthaler das Tor des Jahrzehnts erzielte, als er von der Mittellinie Uli Stein überwinden konnte, war ich auch der Unparteiische. Im internationalen Bereich war es das Endspiel der Landesmeister (jetzt Champions-League-Endspiel) zwischen dem AC Mailand und Steaua Bukarest 1989 vor 105.000 Zuschauern in Barcelona, als ich als Linienrichter amtierten durfte.

Erinnern Sie sich noch gerne an Ihre Zeit im Aktuellen Sportstudio?

Ja selbstverständlich. Auch das war Neuland für mich und für den Schiedsrichterbereich. So offen hatten wir zuvor nie über unsere Fehler geredet, aber gleichzeitig konnte ich auch den normalen Fußballfans die Regeln näher bringen. Das war mein Hauptanliegen. Aber ich war zu dieser Zeit mit dem ZDF auch bei der WM 2002 in Japan und Korea, der EM 2004 in Portugal und 2005 bei der U-21 EM in Schweden. Einfach war es aber nicht, da ich auf der einen Seite für die Schiedsrichter und deren Ausbildung verantwortlich war, auf der anderen Seite aber auch öffentlich kritisieren musste. Daher habe ich das dann auch beendet, obwohl das ZDF unbedingt weiter machen wollte. Es ist für einen Experten viel einfacher, wenn er nur kritisieren oder loben kann, ohne dass er eine sonstige Verantwortung trägt.

Sie sind ja auch ein Pädagoge im Bezug auf das Fußballregelwerk. Was muss ein guter DFB-Lehrwart mitbringen?

Wie Sie sagen: Man muss ein guter Pädagoge sein, beinahe ein Psychologe. Oder anders gesagt, man muss gut mit Leuten umgehen können. Klar muss ein Schiedsrichter oder Lehrwart die Regeln aus dem Effeff kennen, aber das Wichtigste ist, dass diese richtig und vor allem sinnvoll angewendet werden. Das Wort 'Fingerspitzengefühl' wird bei den Schiedsrichtern nicht so gerne gehört, weil es oft mit Regelbeugung verwechselt wird. Aber ich sage schon, dass ein guter Schiedsrichter und Lehrwart 'Fingerspitzengefühl' haben muss, aber im Sinne von einer Regelanwendung nach gesundem Menschenverstand und mit Einfühlungsvermögen für die Situation und das Spiel. Als ich Schiedsrichter wurde, war es verpönt und verboten, mit den Spielern zu reden. Für mich ist für einen guten Schiedsrichter die Kommunikation mit den Spielern das A und O. Im Videocenter in Köln höre ich ja alle Gespräche der Schiedsrichter und Assistenten mit den Spielern mit. Es ist hochinteressant, wie die Schiedsrichter das machen und auch welche Unterschiede es gibt. Aber ohne Reden geht es heute nicht mehr.

Hand aufs Herz, verstehen Sie die neue Handelfmeterregelung?

Das ist wirklich schwierig und ich kann nachvollziehen, dass viele Spieler und Trainer die Auslegungen manchmal nicht mehr verstehen. Dazu kommt auch noch, dass beinahe jedes Jahr an dieser Regel Änderungen vorgenommen werden - so im vergangenen Jahr und auch im kommenden Jahr wieder. Es wird immer versucht, die Handspielregel zu vereinfachen und bisher gelingt das kaum. Ich hoffe, dass es jetzt gelingt, für mehr Klarheit zu sorgen. Das Wichtigste muss sein, dass die Absicht für ein Handspiel im Vordergrund steht. Wenn zu viele weitere Faktoren - wie Körperflächenvergrößerung - dazu kommen, dann wird es umso schwieriger.

Die TSG Balingen geht in die vierte Saison in der Regionalliga Südwest. Inwiefern fiebern Sie mit dem Team aus dem Zollernalbkreis mit?

Ich stamme aus Balingen und bin in Balingen aufgewachsen. Ich habe bei der TSG von der D-Jugend an gespielt. Es ist und bleibt meine Heimat und mein Heimatverein, auch wenn ich schon lange nicht mehr da wohne. Ich drücke der TSG immer noch die Daumen. Ich war bei der Bahn beschäftigt und Bahnhofsvorsteher in Tuttlingen und dann in Horb. So kam ich zunächst nach Tuttlingen und dann nach Horb. Als ich dann Leiter der Betriebszentrale in Karlsruhe wurde, wechselte ich zwar den Wohnort in die Pfalz, blieb aber Schiedsrichter der Schiedsrichtergruppe Horb.

Was macht ein Eugen Strigel privat, wenn er mal ganz viel Zeit hat?

Ich habe schon viel mehr Zeit als früher. Ich fahre viel mit meinem Rennrad (im letzten Jahr 12.000 Kilometer) und jetzt trotz Krankheit auch schon wieder beinahe 1500 Kilometer, aber recht gemütlich. Ich fahre auch gern Motorrad und im Winter hoffe ich, dass es  mit dem Skifahren auch wieder klappt.

Welchen Rat haben Sie für junge Schiedsrichter, die gerne einmal in einer höheren Liga pfeifen möchten?

Das Hobby Schiedsrichter zu sein muss an erster Stelle stehen. Man muss viele Spiele leiten, um die notwendige Erfahrung zu sammeln. Neben einer guten körperlichen Fitness ist vor allem die Kommunikation mit den Spielern außerordentlich wichtig. Nicht überheblich sein, aus Fehlern lernen und wissen, dass man Fehler macht. Selbstkritisch mit sich umgehen. Andere (Trainer, Spieler, Betreuer, Zuschauer) so behandeln, wie man selbst auch behandelt werden möchte. Wenn ein junger Schiedsrichter diese Dinge mitbringt, dann hat er gute Chancen ganz nach oben zu kommen. Und dann kommt natürlich das Alter dazu. Ich begann mit 19 zu pfeifen. Das war damals ausgesprochen jung. Der Lehrwart fragte, was ich eigentlich da will. Heutzutage ist das beinahe schon zu alt, um ganz nach oben zu kommen. Aber es muss ja nicht unbedingt Bundesliga sein. Bezirksliga, Landesliga, Verbandsliga oder Oberliga sind auch tolle Spielklassen, die sich gute Schiedsrichter wünschen. Schön ist es nämlich auch für einen Schiedsrichter, wenn er mit dem Team anreisen darf und man den Tag gemeinsam verbringen kann.

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