Der Ungar Hanusz wirkt auf den ersten Blick mit seinen 1,77 Meter nicht wie ein typischer Handballer. Doch der Neuzugang des TVB will auf dem Feld Taten sprechen lassen – schließlich gibt es in der Familie sogar eine Olympiasiegerin.
Zell am Ziller - Bei seinem ersten offiziellen Termin für den TVB Stuttgart wollte Egon Hanusz ganz pünktlich sein. Als er im Garten des Hotels Theresa in Zell am Ziller, wo der Handball-Bundesligist bis Mittwoch sein Trainingslager absolviert, zum Gespräch erschien, war zunächst allerdings Trainer Roi Sanchez an der Reihe. Also musste sich der 23-Jährige etwas gedulden, genau wie später beim Testspiel gegen Schwaz Handball. Da kam der Ungar erst Mitte der ersten Hälfte zum Zuge, ließ dann aber gleich seinen Tatendrang erkennen: Er lenkte das Spiel und ging auch dahin, wo es wehtut. Hanusz ist der neue Spielmacher beim TVB Stuttgart, wo ihm in jungen Jahren also eine Schlüsselrolle zukommt.
Max Häfner fällt lange aus
Früher als gedacht wohlgemerkt. Der bisherige Regisseur Max Häfner musste sich einer Bandscheiben-OP unterziehen, es drohen vier Monate Pause. „Der Ausfall von Max trifft uns hart“, gibt Coach Sanchez zu, „die Kombination der beiden passt super.“ So war der Plan, der jetzt erst einmal auf Eis liegt. Wie lange? Häfner selbst will sich nach dem zweiten Eingriff dieser Art nicht festlegen. „Es sind ja auch Nerven betroffen, da weiß man sie“, sagt der 25-Jährige, der sich jetzt der Reha und verstärkt seinem Lehramtsstudium an der PH Schwäbisch Gmünd widmet. Auch er weiß: „Natürlich wäre es gut gewesen, die Herangehensweise des Trainers von Beginn kennenzulernen.“
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Geht nicht. Zunächst einmal springt Linkshänder Viggo Kristjansson als Spielmacher mit in die Bresche, fehlt dann jedoch als Torschütze. Gegen Schwaz erzielte er zwar sechs Treffer, aber alle per Siebenmeter. „Wir werden in der Vorbereitung einiges probieren, dann sehen wir weiter“, sagt Sanchez zur Frage, ob der TVB nochmals nachbessern wird.
Hanusz kommt aus einer Handballer-Familie
Abwarten. Auch wie sich Hanusz entwickelt. Dem wurde Handball quasi in die Wiege gelegt, „bei uns spielt die ganze Familie“ – die Mutter holte bei Olympia 2002 in Sydney sogar Gold mit Ungarn. So weit ist der Filius noch nicht, doch seit einem Jahr steht er im Kader der Nationalmannschaft, zuletzt auch bei der WM in Ägypten, „das war ein großes Erlebnis für mich“. Das nächste folgt: Bundesliga. „Mein Traumziel“, betont der Ungar. Für das er andere Angebote ausgeschlagen hat, zum Beispiel aus Frankreich, das für sich auch gerne den Titel stärkste Liga der Welt in Anspruch nimmt. „Quatsch“, sagt dazu Roi Sanchez. „Von der Qualität und auch der Infrastruktur ist das die Bundesliga.“
Der Ungar war mit 20 bereits Kapitän
Die ist für Hanusz Neuland, bei seinem Landsmann Rudi Faluvegi, der nach zwei verletzungsreichen Jahren den TVB wieder verlassen musste, hat er sich kundig gemacht – und über Stuttgart nur Gutes gehört. Der erste Eindruck hat das bestätigt: „Alle helfen mir hier, und ich habe auch schon etwas von der Stadt gesehen.“ Auch wenn das ein kleiner Kulturschock war, vor allem in Sachen Verkehr. Hanusz stammt aus dem 5000-Einwohner-Ort Csurgoi, war dort immer für Csurgoi KK aktiv, nachdem er bis zum Alter von zehn auch Fußball gespielt hatte. „Aber Handball hat mich mehr fasziniert.“ Obwohl er körperlich eher etwas schmächtig wirkt mit seinen 1,77 m und 80 Kilo. „Das gleicht er mit seiner Schnelligkeit aus“, sagt Sanchez, der betont: „In Spanien haben wir auch nicht so viele große Spieler.“ Zudem kennt sein neuer Mittelmann die spanische Handball-Schule aus der Nationalmannschaft, in der mit Chema Rodriguez ein Spanier als Co-Trainer arbeitet. „Das erleichtert mir die Arbeit“, sagt Sanchez – und dem Spieler.
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„Ich muss versuchen, meine Nebenleute gut einzusetzen“, sagt er, „da ist es nicht so wichtig, wie viele Tore ich werfe.“ Obwohl er das durchaus drauf hat. Gegen den europäischen Spitzenclub Veszprem hat er zuletzt in der heimischen Liga elfmal getroffen, „das war schon außergewöhnlich“. Es reichte zu einem Punkt, gegen das zweite ungarische Topteam Szeged schon zum Sieg, gegen Abstiegskandidaten gab es dagegen Niederlagen. „Es war eine Achterbahnfahrt“, sagt Hanusz zur vergangenen Saison. Fast wie beim TVB. Konstanz ist nun gefordert, dafür soll auch Hanusz sorgen. Der ist Verantwortung gewohnt. In Csurgoi war er schon mit 20 Kapitän. „Am Anfang war das nicht so einfach, den älteren Spielern auf dem Feld und in der Kabine Anweisungen zu geben, aber das hat sich gelegt.“
Egon Hanusz büffelt Deutsch
Wie vermutlich auch seine noch vorhandene Nervosität. „Ich denke, bis zum ersten Punktspiel ist die weg.“ Bis dahin will er auch noch Deutsch büffeln, zusammen mit seiner Freundin, die gerade die Schule beendet hat und mit nach Stuttgart gekommen ist, um einen Job zu suchen – sobald es mit der Sprache klappt. Egon Hanusz will zunächst einmal auf dem Feld lieber Taten als Worte sprechen lassen.