Sie sind auf Lebensretter-Mission: Die Dornhaner Physiotherapeutin Julia Dölker und zwei Kolleginnen wollen einer an Leukämie erkrankten Freundin helfen und starten deshalb einen Aufruf.
Für die 34-jährige Selina (Name von der Redaktion geändert) war von einem Tag auf den anderen alles anders. Die Physiotherapeutin aus dem Zollernalbkreis, die nicht gerne im Vordergrund steht, das Reisen liebt und sich in ihrem Beruf aufopfernd um Wachkoma-, Schlaganfall- und andere neurologisch beeinträchtigte Menschen kümmert, ist an akuter Leukämie, Blutkrebs, erkrankt.
Nicht nur für sie ist das ein Schock. Auch die mit ihr befreundeten Physiotherapeutinnen Julia Dölker aus Dornhan, Eva Mergenthaler aus Kusterdingen und Eva Ruso aus dem Raum Pforzheim sind erschüttert von der Diagnose.
Vorhandene Infrastruktur nutzen
Sie haben sich unter dem Slogan „Physios helfen Physio“ zusammengeschlossen und Flyer und Plakate erstellt, die sie deutschlandweit kostenlos an interessierte Physiotherapeuten versenden. Auf diese Weise hoffen sie, möglichst viele potenzielle Stammzellenspender zu erreichen. Denn die Physios vor Ort könnten ihre Kunden so gezielt aufklären, aufrufen und im besten Fall auch gleich typisieren.
„Eine Typisierungsaktion vor Ort kostet oft viele Ressourcen. Man braucht freiwillige Helfer, eine Location und so weiter. Wir wollten die Infrastruktur der Physiopraxen nutzen“, erklärt Eva Mergenthaler.
Gezielt passende Spender ansprechen
Laut DKMS würden leider sehr viele Registrierungs-Sets von Menschen angefordert, die gar nicht spenden dürften oder im Nachhinein gar nicht bereit seien, zu spenden, selbst wenn sie passende Spender wären, weiß Julia Dölker.
Daher wolle man gezielt die Menschen ansprechen, die in Frage kommen und ihre Verantwortung dann auch ernstnehmen. „Viele Menschen hatten bisher keine Berührungspunkte mit dem Thema. Deshalb sollte das Angebot möglichst niederschwellig sein.“
Grundsätzlich kann jeder im Alter zwischen 17 und 55 Jahren ohne schwere (chronische) Erkrankungen als potenzieller Stammzellspender registriert werden. Tatsächlich gespendet werden darf ab 18 Jahren. Wer einmal erfasst ist, der bleibt im System – und kann damit auch Spender für andere Erkrankte werden.
Aufklärung ist wichtig
Den Physiotherapeutinnen ist auch die Aufklärung besonders wichtig. Denn oftmals sei ein Hemmnis die Annahme, es sei ein operativer Eingriff für die Stammzellenentnahme nötig. In 90 Prozent der Fälle erfolge aber laut Deutscher Knochenmarkspenderdatei die periphere Stammzellenentnahme.
Bei dieser erhält der Spender im Vorfeld ein Medikament verabreicht, das die Bildung von Stammzellen im Knochenmark so steigert, dass sie in die Blutbahn übertreten und sich dort anreichern. Bleibende Nebenwirkungen oder Spätfolgen sind laut DKMS nicht bekannt.
Viele Praxen sind dabei
50 Physiotherapie-Praxen, davon einige aus dem Kreis Rottweil, hätten sich schon dazu bereit erklärt, die Plakate aufzuhängen und die Flyer zu verteilen, freuen sich die drei Physiotherapeutinnen. Weitere Praxen jeglicher Art dürften sich gerne per E-Mail an lebenswert-dornhan@web.de melden, sagt Julia Dölker.
Per QR-Code gelangt man auf die Website der DKMS. Ein Testkit könne man sich dann von dieser nach Hause schicken lassen. Wenn jemand eine Typisierungsaktion organisieren wolle, sei das natürlich auch sehr willkommen.
Spende ist dringend nötig
Und wie geht es Patientin Selina derzeit? „Sie macht gerade die zweite Runde Chemotherapie durch. Das merkt man ihr körperlich an, aber sie hat ein starkes Umfeld, das ihr Kraft gibt. Sie meistert das auf bewundernswerte Weise“, meint Eva Ruso.
Klar sei bei dieser lebensbedrohlichen Krankheit aber auch, dass die Lage ernst sei, solange man keinen passenden Stammzellenspender finde. Deshalb rufen die Physiotherapeutinnen dazu auf, sich typisieren zu lassen. „Ich glaube, es gibt kaum ein besseres Gefühl, als zu wissen, dass man jemandem das Leben gerettet hat“, sagt Dölker.