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Donaueschingen Muss man Neue Musik verstehen?

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Benjamin Scheuer ist Komponist aus dem Bereich der Neuen Musik. Für ihn sind die Musiktage ein unglaublich toller Szenetreff. Foto: Schwarzwälder Bote

Schon bald ist es wieder soweit, und die Stadt wird zum Zentrum der Neuen Musik. Vom 18. bis zum 20. Oktober sind die Musiktage in der Donaueschingen. Wie aber ist das Verhältnis der Donaueschinger zu dieser Veranstaltung? Prallen hier Parallelwelten aufeinander – oder nicht?

Donaueschingen (guy). "Leute, die sich mitten in der zeitgenössischen Musik befinden, treffen hier auf normale Bürger", sagt Markus Eisele, der einen Anstöße-Abend zu eben jenem Thema moderiert hat: Wie stehen die Donaueschinger zu den Musiktagen? Warum hat es die Neue Musik überhaupt so schwer und wie lässt sie sich besser verstehen, was lässt sich an ihr finden? "Manche reisen um den Globus, nur um an den Musiktagen hier zu sein. Wir müssen nur über die Schwelle des Wohnzimmers treten", sagt Eisele. Aber ob die Donaueschinger auch so stolz sind, wie etwa die Wiener über ihren Opernball? Eine Diskussion zwischen künstlerischem Leiter, Musikwissenschaftler, Kritiker und Komponist.

Björn Gottstein: "Es gibt eine große Eintrittshürde, die oft nicht genommen wird", erklärt Björn Gottstein, künstlerischer Leiter der Musiktage. Wenn man schließlich in einem Konzert sitze, sei man auch nahezu gefangen. "Mit der zugänglichen Klangkunst gibt es jedoch einen leichteren Zugang. Ich habe das Gefühl, das wird sehr wohl wahrgenommen." Gottstein wolle allerdings niemanden dogmatisch von der Neuen Musik überzeugen: "Wir müssen akzeptieren, dass nicht alle sie mögen." Das sei eine Sache, die einfach passiere. Problematisch sei der Dünkel, in der Neuen Musik sei man arrogant: "Wir haben die Wahrheit, ihr anderen seid blöd." Das geistere seit den 1950er- und 1960er-Jahren immer noch in den Köpfen vieler Menschen. Die Probleme seien jedoch nicht spezifisch für Donaueschingen. Als die Neue Musik sich Anfang des 20. Jahrhunderts Bahn brach, habe es einen Bruch in der gewohnten Ästhetik gegeben: "Es gab Skandale in den Konzertsälen, sogar Schlägereien. Die Musik wurde unglaublich frei und offen." Aber wie kann man dazu einen Zugang finden? "Das Gefallen ist gar nicht so wichtig. Eher die Frage, was löst es bei mir aus", so Gottstein. Allerdings, so räumt der künstlerische Leiter ein, leide auch er bei manchen Stücken. Und zwar körperlich: "Es ist nicht ungewöhnlich, dass es auch physisch weh tun kann. Aber das kann bei allen Musikstücken passieren."

Benjamin Scheuer: Der Komponist war bereits regelmäßig bei den Musiktagen als Besucher mit dabei. "Für Komponisten ist das ein unglaublich toller Szenetreff. Es gibt viele Diskussionen und ich habe hier einige grundlegende Erfahrungen gesammelt", sagt er. Besonders die Gespräche mit Kollegen seien hier toll, vor allem die unterschiedlichen Meinungen. Das Prinzip der Parallelwelt in der Stadt könne er jedoch nachvollziehen: "Man erkennt, wer zum Festival gehört, und wer nicht." Auch wenn er selbst ein Teil der Neue Musik-Welt sei, gebe es auch Konzerte, die er nicht gut finde. "Alles sind Experimente, neue Stücke. Da kann auch mal was schiefgehen", erklärt er. Es müsse ja auch nicht alles gefallen, was man bei den Musiktagen zu sehen und hören bekomme. Davon solle man sich jedoch nicht entmutigen lassen. Dass es ein Vorwissen braucht, um die Musiktage zu besuchen, denkt er nicht: "Jemand kann auch Lyrik genießen, ohne die Grammatik zu analysieren." Ob es denn bei der Neuen Musik Regeln gebe, erkundigte sich Gerhard Bronner. "Es gibt Regeln, aber der künstlerische Spaß liegt doch darin, sie zu brechen", so Scheuer. Die Welt der Neuen Musik sei unglaublich vielfältig und ein Zugang erfolge nach und nach: "Man wird jedoch nicht geboren und schreibt sofort Stücke. Es ist ein langer Weg zu dieser Musik. Aber als Komponist setzt man sich mit verschiedenen Einflüssen auseinander."

Friedemann Kawohl: "Man muss nichts wissen, um zu erleben", sagt Kawohl, Musikwissenschaftler und aktiv bei der Gesellschaft der Musikfreunde. Im Verein sei es immer Thema, wie man die Donaueschinger weiter einbringen könne. Man hoffe, über das 100-jährige Jubiläum der Musiktage im Jahr 2021, die Veranstaltung wieder weiter in die Region wirken zu lassen. "Aus historischer Sicht haben die Musiktage ihren Charakter verändert", erklärt er. Als es Anfang des 20. Jahrhunderts heftige Reaktionen auf die Neue Musik gegeben habe, sei das frühe Donaueschingen ein Rückzugsort dafür gewesen: "Ohne Prügeleien." Die Annahme, man müsse etwas wissen, um die Konzerte besuchen zu können, stamme aus den 1950er- und 1960er-Jahren. Damals sei es zu Spannungen innerhalb verschiedener Strömungen gekommen. "Heute sind die Musiktage ein Spiel- und Messplatz", so Kawohl. Das sei allerdings keinesfalls despektierlich gemeint. Hier können sich Musiker ausprobieren, es handele sich immerhin größtenteils um Uraufführungen: "Es gibt hier keine Widerstände zu überwinden. Buhrufe gegen Akklamation – das findet nicht mehr statt." Es komme sehr stark auf die Einstellung der Besucher an: "Will ich mich überraschen lassen?" Kawohl wünscht sich von Besuchern der Musiktage insbesondere Offenheit.

Klaus Lehmann: Für den Musiker der Stadtkapelle ist die größte Hürde der Donaueschinger an den Musiktagen schlicht, dass die Musik den meisten Leuten nicht gefällt: "Es liegt am Musikgeschmack. Hier wird eben eine Nische bedient." Lehmann war allerdings selbst schon bei den Konzerten, hat etwa Werke von Karlheinz Stockhausen erlebt. Abgewinnen kann er dieser Art von Musik jedoch nichts: "Ich habe einige Konzerte besucht, aber nie einen Zugang gefunden. Und bei der Musik ist das Gefallen entscheidend. Es ist wie bei einem Wein. Ich muss ihn nicht verstehen, dass er mir schmeckt. Mit Erklärung wird er lediglich etwas interessanter." So sehr er sich auch bemühe, die meisten Stücke gefallen ihm nicht: "Arnold Schönberg war nicht nur als Musiker tätig, sondern wirkte künstlerisch auch als Maler. Diese Werke finde ich allerdings genauso furchtbar wie seine musikalischen", sagt Lehmann. Die Künstler bei den Musiktagen hält er für hervorragende Musiker: "Sie könnten doch auch etwas Schönes spielen, das gefällt." Dennoch habe Lehmann auch Spaß an den Musiktagen gehabt, etwa als die Stadtkapelle an einer Art Prozession durch die Stadt beteiligt gewesen sei.

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