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Donaueschingen Altenpflege: eher Berufung als Beruf

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Altenpflegerin Helga Walz misst Johann Bianchi im Fürstlich-Fürstenbergischen Altenpflegeheim in Hüfingen den Puls. Die examinierte Fachfrau bereut es nicht, sich für den Beruf der Altenpflegerin entschieden zu haben. Foto: Niederberger

Donaueschingen/Hüfingen/Bräunlingen/Löffingen - "Wenn Du liebst, was Du tust, dann gehst Du nicht zur Arbeit." Mit diesem wuchtigen Satz beschreibt Helga Walz ihre Berufsmotivation. Die 54-Jährige ist examinierte Altenpflegerin und arbeitet im Fürstlich-Fürstenbergischen Altenpflegeheim in Hüfingen.

Sie kommt gerade aus dem Zimmer von Johann ­Bianchi, hat ihn gewaschen, beim Anziehen geholfen, den Blutdruck gemessen und die Tabletten gereicht. Jetzt ist er bereit für den Gast.

Der 86-Jährige, der 30 Jahre lang die Tuba bei der ­Hüfinger Stadtmusik geblasen hat, erzählt, wie ihn seine marode Hüfte vor rund zwei Jahren zum Pflegefall hat werden lassen. Aber auch davon, wie er gelernt hat, auf sanften Druck von Ärzten und Helga Walz wieder mithilfe eines Rollators sich selbstständig fortbewegen zu können. Wann immer das Wetter mitspielt, führt ihn sein Weg zum Teich im schmucken Innenhof des Pflegeheims, in dem er die Karpfen beobachtet. Oder er besucht den nahen ­Friedhof, auf dem seine Frau begraben liegt. "Da treffe ich immer jemanden, mit dem ich mich unterhalten kann", erzählt der Mann, der Jahrzehnte "in der Säge" gearbeitet hat – wie die Hüfinger zum FF-Sägewerk sagen.

An den vielen Gruppenangeboten im Haus nimmt er nicht teil. "Ach wissen Sie, das mit der Gymnastik und dem Singen, das ist nichts für mich." Dabei streckt er die Arme nach oben und lässt sie kreisen. Sein Gesichtsausdruck unterstreicht das Gesagte. Helga Walz schmunzelt.

Dienst an Feiertagen und am Wochenende

Die Altenpflegerin hat 1985 ihre Ausbildung beendet, seit 1997 ist sie im FF-Altenpflegeheim beschäftigt. "Ich liebe meinen Beruf, sonst wäre ich nicht so lange dabei geblieben." In dieser Zeit hat sie viele Kollegen kommen, aber noch mehr auch wieder gehen sehen. Weshalb ist ihr Beruf offensichtlich so unpopulär, weshalb genießt er kein gutes Image? Liegt’s an der Bezahlung? Letzteres bestätigt Helga Walz nicht. Natürlich, über mehr Geld würde sich wohl niemand beschweren, doch die größte Belastung in der Pflege, so ihre Vermutung, seien die Arbeitszeiten. Da muss man an Feiertagen und am Wochenende ran. Und Nachtschichten gibt’s auch. Haben junge Menschen heute nicht mehr so viel Biss, fehlt es ihnen an Empathie? Helga Walz zuckt mit den Schultern: "Ich weiß es nicht."

Der Fachkräftemangel in der Pflege ist in der Politik angekommen. In dieser Woche hat die Bundesregierung eine Reihe von Maßnahmen beschlossen, Pflegeberufe attraktiver zu machen. Union und SPD wollen das vor allem mit höherer Löhnen erreichen.

Die Altenheimleiter in der Region sind längst selbst aktiv geworden, um dem Fachkräftemangel in ihrer Branche zu begegnen. Die Chefs der großen Einrichtungen weisen darauf hin, dass zwar alle Planstellen besetzt seien, die Suche nach neuen Mitarbeitern und Auszubildenden aber immer schwieriger werde. Laut Dieter Münzer, Leiter des ­Donaueschinger Altenheims St. Michael, ist es bei der ­Personalversorgung nicht Fünf vor Zwölf, sondern Zehn nach Zwölf. Es dürfe auf keinen Fall so weit kommen wie in Krankenhäusern. Dort ­würden bereits Headhunter Jagd auf Ärzte machen. Außerdem erwähnt Münzer – so wie alle seine Heimleiter-Kollegen –, dass in seiner ­Einrichtung die gesetzlich vorgeschriebene Mindestquote an ausgebildeten Pflegern überschritten werde. Und fast alle betonen ebenso, über­tariflich zu zahlen beziehungsweise an den vergleichsweise guten kirchlichen Tarif gebunden zu sein.

Von der Auszubildenden zur Heimleiterin

Und wie sieht's bei den privat betriebenen Heimen aus? Reiner Krummradt vom Donaueschinger Wohnpflegezentrum Donauresidenz widerspricht der oft gehörten Aussage, dass Private schlechter zahlen als Heime in Trägerschaft von Kommunen oder Kirchen. "Denn dann würden wir ja überhaupt niemanden bekommen." Er weist auf die Sondergratifikationen hin, die er bezahle. Der Krankenstand in seinem Heim gehe gegen Null, was für die hohe Arbeitszufriedenheit spreche. "Mein Team organisiert sich selbst, das sorgt für eine große Zufriedenheit."

Das Hüfinger FF-Altenpflegeheim hat laut Geschäftsführer und Stiftungsvorstand Helmut Matt eigene Ausbildungs- und Fortbildungskonzepte entwickelt, um als Arbeitgeber attraktiv zu sein. Er weist in diesem Zusammenhang auf Astrid Calabrese hin. Die habe als 15-Jährige mit einer Ausbildung im Haus begonnen und habe sich bis zur Heimleiterin hochgearbeitet. Um auswärtige Fachkräfte nach Hüfingen zu holen, seien die neun Personalwohnungen im Haus von zentraler Bedeutung. Und dann erzählt er von einer Maßnahme, die man auf neudeutsch als "Teambuilding" bezeichnet: Wer vom Personal Lust darauf hat, der kann bei einer Paddeltour auf der Donau mitmachen. Und dann sagt er noch etwas, das eigentlich selbstverständlich sein sollte, aber nicht überall ist: "Pflege ist anstrengend. Deshalb sollten wir gut miteinander umgehen und dafür sorgen, dass die Arbeit Freude und Spaß macht."

Martin Satler, Chef des Altenpflegeheims St. Martin in Löffingen und dort einst als Zivildienstleistender tätig, spricht genau aus diesen Gründen nicht von Mitarbeitern, sondern von Kollegen. "Wir leben unsere Philosophie konsequent vor", betont er – und ist stolz darauf, dass viele Kollegen seit Jahrzehnten seiner Einrichtung treu sind. "Wir können es uns sogar leisten, Leute die Probezeit nicht überstehen zu lassen." Außerdem versucht Satler, möglichst Menschen aus der Raumschaft Löffingen an seine Einrichtung zu binden, egal ob Führungskraft oder Raumpflegerin. Damit habe er gute Erfahrungen gemacht.

In einem so großen Altenheim wie dem in Hüfingen kann das nicht funktionieren. Helga Walz fühlt sich dennoch wohl, sie erfahre viel Wertschätzung. Sie hält ihren Beruf auch nach vielen Jahrzehnten noch für attraktiv. Die Bewohner glücklich und zufrieden zu machen, löse auch bei ihr Glück und Zufriedenheit aus. Ganz wichtig ist für sie zu erwähnen, dass sich in der Pflege in den vergangenen 30 Jahren sehr viel verändert habe – und zwar zum Besseren. Früher habe die sogenannte Funktionspflege im Mittelpunkt gestanden. Heimbewohner mussten "satt und sauber" sein. Das reichte, kaum eine Spur von Freizeit-und Beschäftigungsangeboten wie heute.

Interessen der Senioren spielen wichtige Rolle

Im FF-Altenpflegeheim ist die studierte Sozialpädagogin Corina Graf für diesen Bereich verantwortlich. An diesem Morgen steht "Biografiearbeit" mit Karl Hauschel und Hermann Ilg, zwei großen Sportfreunden, auf der Tagesordnung. Corinna Graf zeigt auf ein Foto, auf dem ein Mann 1974 den Fußball WM-Pokal in die Höhe reißt. "Wer ist das?", will sie wissen. "Uwe Seeler", antwortet Hermann Ilg. "Nein", erwidert Corionna Graf, "das ist doch der Kaiser, der Franz ..." "Beckenbauer, natürlich", sagt jetzt Hermann Ilg. Karl Hauschel hat als ehemaliger Boxsportler kein Problem, Muhammad Ali auf einem anderen Foto zu erkennen. "Das ist der beste Boxer aller Zeiten", klärt er auf und ballt dabei die Faust.

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