Viele Freiheiten gelten in Europa als selbstverständlich. Das dem nicht so ist, zeigt eine Dokumentation zweier deutscher Filmemacher anhand einer Subkultur, die besonders freiheitsliebend ist.
Nebelschwaden ziehen über das Meer an der französischen Atlantikküste. Ruinen von Nazi-Bunkern liegen in der Brandung. Die schnarrende Stimme von Winston Churchill ertönt, der ein Jahr nach Kriegsende sagte: „Auch wenn zunächst nicht alle Staaten Europas bereit oder in der Lage sind, der Union beizutreten, müssen wir dennoch dazu übergehen, diejenigen, die wollen und diejenigen, die können, zusammenzubringen und zu vereinen.“ Der frühere französische Ministerpräsident und Gründervater der Europäischen Union, Robert Schuman, sagt in einer Aufnahme aus dem Jahr 1950: „Europa wird nicht auf einmal oder nach einem einzigen Plan entstehen. Es wird durch konkrete Errungenschaften aufgebaut.“
„Surf on, Europe! – a promise of freedom“ ist eine untypische Surfdokumentation, welche die beiden deutschen Filmemacher Constantin Gross und Lukas Steinbrecher mit ihrer Produktionsfirma VeyVey Films geschaffen haben. 2016 kam den beiden heute 35-Jährigen die Idee für den Film.
Das Konzept Europa wird infrage gestellt
Die Flüchtlingskrise in Europa beherrschte damals die Schlagzeilen. Die Rechtspopulisten in Europa erstarkten. Die Briten stimmten für den Brexit, und Donald Trump wurde zum US-Präsidenten gewählt. Ein paar Jahre zuvor strapazierte die griechische Staatsschuldenkrise die europäische Solidarität. „Das grundsätzliche Konzept von Europa wurde infrage gestellt“, sagt Gross. „Wir sind eine Generation, für die Europa immer selbstverständlich war. Wir können überall hinreisen und arbeiten – ohne Beschränkungen. Doch unsere Großväter haben noch aufeinander geschossen. Die ganze Freiheit, die wir für selbstverständlich nehmen, ist sehr viel schneller weg, als man denkt.“ Um diesen Kontrast herauszustellen, erzählen Gross und Steinbrecher den Film am Beispiel einer Subkultur, die besonders für Freiheit und Grenzenlosigkeit steht: dem Surfen.
Im Jahr 2020 wurden die beiden dann aber von ihrem Thema eingeholt. Sie hatten den WDR als Co-Produzenten an Bord und die Verträge unterschrieben. Sie wollten mit den Dreharbeiten in drei Ländern beginnen. Dann brach die Coronapandemie aus, und die Grenzen waren teils geschlossen.
Da der Brexit unbedingt ein Thema in „Surf on, Europe!“ sein sollte, suchten sie jemanden, der direkt betroffen ist und fanden ihn in Ronan Harkin. Der 42-jährige Nordire aus Derry-Londonderry erlebte den Nordirland-Konflikt hautnah mit. „Es war normal aus dem Pub zu kommen und in einen Aufstand zu geraten, bei dem Gummigeschosse flogen“, sagt Harkin. Die Flucht für ihn war das Wellenreiten. „Das Surfen hat mein Leben gerettet. Ich hatte etwas, auf das ich mich konzentrieren konnte.“
Dann kam der Brexit
Harkin stellt auch Surfbretter her, doch mitten in der Phase, sich selbstständig zu machen, kam der Brexit. Während Harkin im Van unterwegs ist, hört man einen Nachrichtensprecher aus dem Radio sagen: „Die Stadt kämpft immer noch mit den Geistern ihrer Vergangenheit und nun steht Derry-Londonderry mit dem Brexit vor neuen Herausforderungen. Handelshemmnisse und die Grenzfrage drohen alte soziale Spannungen wieder anzufachen.“ Glücklicherweise wurde mit dem Nordirland-Protokoll im Jahr 2020 dann sichergestellt, dass es keine harte Grenze auf der irischen Insel gibt und das Abkommen von Belfast von 1998 zur Beendigung des Nordirlandkonflikts geschützt wird.
Gross und Steinbrecher wollen die Flüchtlingsthematik an der EU-Außengrenze abbilden und finden im südspanischen Tarifa den Sportler Majid. Die Filmemacher begleiten den ehemaligen Profi-Kitesurfer und Kitesurflehrer bei seinen Mühen, von den spanischen Behörden die Erlaubnis zu bekommen, dass seine Frau und seine Kinder aus Marokko zu ihm nach Tarifa ziehen dürfen. Von Tarifa aus kann man Marokko sehen. Es sind nur 14 Kilometer Luftlinie. „Menschen, die in Europa leben, können an alle Orte reisen“, sagt Majid. Das wünscht er sich auch für seine Kinder.
Grenzen in den Köpfen der Menschen
Doch es geht nicht nur um Landesgrenzen, sondern auch um Grenzen in den Köpfen der Menschen. Amaya, Margaux und Aimée haben im französischen Biarritz das Queen Classic Surf Festival auf die Beine gestellt – ein queeres, inklusives Event. „Die Surfszene wirkt nach außen superoffen und liberal, ist aber klassisch testosterongesteuert und gar nicht inklusiv“, sagt Gross. Bei der Idee von Europa gehe es nicht nur um offene Grenzen, sondern auch darum, „dass sich Identitäten frei entfalten können“. Gerade das werde aber von den Rechtspopulisten bedroht.
„Surfen ist sehr heteronormativ“, sagt Amaya. Surfen, das sei ein Mann am Strand mit Muskeln oder eine eher schlanke Frau in einem sehr knappen Bikini mit langem Haar. Thomas von der Assoziation Los Bascos kämpft indes gegen Homophobie und Transphobie im Baskenland: „Wir müssen uns daran erinnern, dass Homosexualität hier am Strand vor 40 Jahren verboten war. Ein Polizist konnte mich dafür ins Gefängnis stecken.“ Man sollte nicht denken, dass ein bisschen Fortschritt die Probleme löse. Errungenschaften könnten auch schnell wieder verloren werden.
Die Dokumentation
Auszeichnung
Im Januar wurde „Surf on, Europe!“ für den Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken nominiert. Seitdem ist er Film auf einer Filmtournee in Europa zu sehen. Im Sommer läuft er im WDR.
Vorführung in Böblingen
Am 24. April um 19 Uhr gibt es im Filmzentrum Bären in Böblingen eine Sondervorstellung des Films in Anwesenheit der Regisseure mit anschließender Gesprächsrunde. Die Karte kostet 9,50 Euro. Infos unter surfoneurope.com, kinobb.de.