Celina Rongen, Therese Dörr, Larissa Aimée Breidbach (v. li.) in „Die Rache ist mein“ Foto: Björn Klein

Im Stuttgarter Kammertheater ist Marie NDiayes Roman „Die Rache ist mein“ um ein monströses Verbrechen uraufgeführt worden.

Sie kennt diesen Mann doch. Oder täuscht sie sich, obwohl ihr Körper eine andere Sprache spricht und mit Kopfschmerzen auf den vermeintlich Fremden reagiert? Worauf ist mehr Verlass: auf die Erinnerung, die nichts hergibt, oder auf die Träume, die eine eindeutige Sprache sprechen? Sie geben der Anwältin Maître Susane klar zu verstehen, dass dieser Gilles Principaux ihr als Junge etwas angetan hat.

 

Damals, als sie zehn Jahre alt war und ihre Mutter beim Putzen in das Haus der Familie Principaux begleitete. Jetzt soll sie die Anwältin seiner Frau werden, die die gemeinsamen drei Kinder in der Badewanne ertränkt hat. Was für ein monströses Verbrechen. Es könnte der Zeitpunkt für die Anwältin gekommen sein, Vergeltung zu üben. „Die Rache ist mein“ lautet der mit biblischer Wucht dem Römerbrief entlehnte Titel eines abgründigen Romans der französischen Autorin Marie NDiaye. Zu rächen hätten hier darin gleich viele Figuren etwas. Nicht nur die Anwältin.

Gebrochene Biografien von Geflüchteten

Der Roman ist eine Art Psychothriller mit langen Satzgirlanden und in hohem Ton, in dem NDiaye – wie in anderen ihrer hochgelobten Romane – Themen wie Missbrauch, sozialer Aufstieg und die gebrochenen Biografien von aus Afrika nach Europa Geflüchteten seziert. Der Text ist bei der Uraufführung im Kammertheater nicht in ein Drama überführt worden. Im Gegenteil. Die Regisseurin Annalisa Engheben und die Dramaturgin Carolin Losch haben die Erzählerstimme, die gleichsam den Figuren sehr nahe kommt, radikal gekürzt und auf die verschiedenen Figuren verteilt.

Wer spricht?

Wer spricht? Das ist eine Frage, die ständig mitschwingt und den knapp zweistündigen Abend ziemlich anstrengend macht. Einmal nicht aufgepasst, schon ist man draußen. Redet die aus Mauritius stammende Haushälterin Sharon (Larissa Aimée Breidbach) gerade über sich und ihren Argwohn gegenüber der Anwältin? Oder berichtet sie aus der Perspektive ihrer Chefin, die das am liebsten gar nicht wäre? Die vier Figuren agieren fast nie miteinander, treten in keinen Dialog, sondern erzählen dem Publikum ihre Version dessen, was geschehen sein könnte und wie wenig den Annahmen über die Wirklichkeit zu trauen ist. Als seien sie mehr die Statisten ihres Lebens als Akteure. Das hält das Publikum gehörig auf Distanz.

Lange Monologe der Kindsmörderin

Therese Dörr ist die Anwältin, die immer wieder den Gespenstern ihrer Jugend in Gedanken begegnet, angetan in einem weißen, steifen, ausladenden Kleid, das die Menschen von ihr fernhält. Celina Rongen spielt die Kindsmörderin Marlyne Principaux, die im Gefängnis sitzt. Sie ist die Einzige, die in langen Monologen den Zuschauerinnen und Zuschauern tatsächlich auf die Pelle rückt. Mit der detaillierten Schilderung ihrer Tat, wie sie mit bleischwerem Herz aufgewacht sei und dann beim Haarewaschen der Jüngsten gespürt habe, dass es jetzt so weit sei und den Kopf der Kleinen unter Wasser gedrückt hätte. Um der so lange befürchteten Katastrophe, den Kindern könne etwas zustoßen, zuvorzukommen. Jetzt sei endlich Ruhe über ihre Seele gekommen, jetzt sei es endlich geschehen. Oder war die Tat doch eher ein Stellvertretermord, der dem dämonischen Ehemann hätte gelten sollen, wie sie später zitternd berichtet? Das Verwirrspiel wird an keiner Stelle aufgelöst, Wahn und Wirklichkeit verlaufen in einer Parallele – es gibt keinen Berührungspunkt.

Den Ehemann, der sich an keine Tochter einer Putzfrau in seinem Jugendzimmer erinnern kann, gibt Peer Oscar Musinowski. Allerdings nicht als übergriffigen Bourgeois, er ist nur ein verunsicherter Ehemann, der wie seine Frau im Wahn gefangen ist: Ihre Tat sei vollkommen gewesen, jetzt liebe er sie noch mehr als „düstere Heldin“, sagt er. Höchstleistungen vollbringt Musinowski dennoch: Wie er minutenlang auf einer dünnen Vierkantstange hoch über dem Boden kauert, das hat was von Artistik.

Starkes Bühnenbild von Andrej Rutar

Überhaupt gehört das Bühnenbild von Andrej Rutar zu den Stärken dieses ziemlich verkopften und wortlastigen Abends. Ein Mobile aus Metallstäben hängt von der Decke, an denen sich die Figuren hinauf- und hinunterhangeln. Ein Haus ohne Wände, in dem alles wackelt. So ist von Anfang an klar, dass auf nichts Verlass ist. Auch die vanillefarbenen Kostüme geben die Lesarten vor: Der Mantel des vermeintlichen oder tatsächlichen Täters löst sich an den Rändern auf, die Hülle wird fadenscheinig. Und der überlange rote Schal, in den sich drei Frauen und ein Mann verwickeln, zeigt überdeutlich, wie alles mit allem zusammenhängt.

Ist der Roman tatsächlich bühnentauglich?

Oder auch nicht: Mehr Konzentration auf weniger Handlungsstränge hätten der Theaterfassung gut getan; viele Figuren, die im Reden nur schemenhaft gestreift werden, machen das Geschehen nur unübersichtlich. Mit „Die Rache ist mein“ kann das Schauspiel Stuttgart zwar einen Haken auf die Liste setzen: wieder eine Uraufführung geschafft. Doch ob dieser Roman tatsächlich bühnentauglich sein könnte, beweist die Inszenierung nicht.

Die Rache ist mein: 14. bis 18. und 20., 21. März, 12., 13. und 26. bis 28. April sowie im Juni

Preisgekrönt: die Autorin Marie NDiaye

Autorin
Marie NDiaye, geboren 1967 in Frankreich, ist Tochter einer Französin und eines Senegalesen. Ihren ersten Roman hat sie schon mit 17 Jahren veröffentlicht. Mit ihrem Mann und den drei Kindern hat NDiaye mehrere Jahre in Berlin, in Spanien und Italien gelebt, mittlerweile ist Frankreich wieder der Lebensmittelpunkt. 2009 wurde sie für ihr Buch „Drei starke Frauen“ mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. „Die Chefin – Roman einer Köchin“ (in dem nur frei erfundene Rezepte eine Rolle spielen) erschien 2017, „Die Rache ist mein“ im Jahr 2021. Die Romane von Marie NDiaye sind bei Suhrkamp verlegt.

Drehbuch
NDiaye hat zu Beginn der 2000er Jahre mehrere Theaterstücke geschrieben. Derzeit ist im Kino der Film „Saint Omer“ zu sehen, eine zeitgenössische Adaption des Medea-Mythos. Marie NDiaye hat am Drehbuch dieses Films von Alice Diop mitgewirkt.