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Viele verzweifeln angesichts der Krisen in der Welt und fragen sich, wie kann ein Gott das zulassen. Aber der Glaube kann auch die Resilienz stärken, mit den vielen schlechten Nachrichten fertig zu werden, kommentiert Eberhard Wein.

Stillstand ist Rückschritt. Es ist gar nicht so lange her, dass diese Phrase in keiner Unternehmeransprache fehlen durfte. Reinhold Würth, dem Schraubenkönig, wird sie zugeschrieben, Rudolf von Bennigsen-Foerder, dem einstigen Veba-Manager ebenso. Aber vermutlich hat jeder mittelklassige Abteilungsleiter den Satz schon im Munde geführt. Und sogar bei Karl Marx will ihn mancher schon gelesen haben. Doch für viele gilt längst das Gegenteil. In einer Welt der Multikrisen ist die Zukunft keine Verheißung mehr. Die Menschen sehnen sich nach Ruhe, nach Langeweile, nach einem Tag, an dem einfach einmal nichts passiert. Einen Tag Stillstand – das wäre mal ein Fortschritt. Doch die Welt tut uns nicht den Gefallen.

 

Kriege, Krisen, Krankheiten

Krieg in Israel und Gaza, islamistischer Terror in Moskau, täglich russischer Staatsterrorismus gegen die Ukraine, Erdbeben in der Türkei, dazu Klimakrise, Artenschwund, Inflation und Streiks. Wir leben in einer Zeit, in der nicht mehr eine Krise die nächste jagt, sondern längst eine Gleichzeitigkeit eingetreten ist. Nur noch eines ist sicher: dass nichts bleiben wird, wie es ist. Wer soll da nicht irre werden?

Die persönlichen Schicksalsschläge, die wir bei all dem noch bewältigen müssen, sind noch gar nicht genannt: Krankheiten, Todesfälle, Trennungen, Niederlagen und Enttäuschungen. Wie kann Gott all das zulassen, fragten sich die Menschen früher. Doch die berühmte Theodizee-Frage, die seit Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) nicht nur die Philosophen beschäftigte, treibt kaum noch jemanden um. Sie ist für die meisten Menschen in diesem Land schlicht irrelevant geworden, ob sie offiziell noch in der Kirche sind oder ihr längst den Rücken gekehrt haben.

Es geht um Gemeinschaft

Dabei könnte ausgerechnet der Glaube die viel beschworene Resilienz stärken, die es jetzt braucht, um die Fähigkeit zu entwickeln, die Unsicherheiten zu bewältigen. Wer glaubt, so haben Untersuchungen ergeben, hat es tatsächlich leichter mit der Einübung von Resilienz, jenem Modebegriff, den die Psychologie aus der Materialkunde für Werkstoffe entlehnt hat. Denn das ist in der umfangreichen Ratgeberliteratur, die sich mit dem Begriff beschäftigt, unterbelichtet: dass es nicht um Selbstoptimierung geht.

Resilienz heißt, die Probleme an sich abprallen zu lassen, aber eben nicht wie Teflon, das im Zweifelsfall dann doch zerkratzt, sondern wie ein Schwamm, der sich anpasst und hinterher wieder in seine alte Form kommt. Wer resilient ist, sieht die Krisen nicht durch die rosarote Brille, verharmlost oder leugnet sie. Er geht sie an. Glaube kann dabei entscheidend helfen, denn er vermittelt Zuversicht, den vielen Krisen nicht ausgeliefert zu sein, weil man nicht alleine dasteht, sondern von einer Gemeinschaft getragen wird und in letzter Konsequenz eben auch von einem Gott, auf den man hoffen darf.

Alles kann gut werden

Zuversicht statt Fatalismus. Das war auch die Ostererfahrung der ersten Christen. Sie waren eine Gruppe verzweifelter und enttäuschter Menschen. Sie waren arm, ihr Alltag hart, und sie wussten, es kann noch schlimmer werden. Der Mensch, auf den sie gehofft hatten, war ans Kreuz genagelt. Doch dann geschah das, was in den Evangelien Auferstehung genannt und mit der Legende vom leeren Grab umschrieben wird. Die Menschen schöpften plötzlich wieder Mut. Ostern, das wichtigste Fest der Christenheit, bedeutet den Sieg des Lebens über den Tod. Es ist das Fest der radikalen Hoffnung gegen alle Resignation in Politik und Gesellschaft. Es ist das Fest, das uns resilient machen kann gegen all die Ohnmacht, die wir manchmal spüren. Weil es das Grundvertrauen vermittelt, dass eben doch alles gut werden kann.