Falafel aus Baked Beans, Victoria Sponge Cake mit Mangos und Kardamom. Nadiya Hussain hat eine Karriere gemacht, die nie für sie gedacht war. Ein Gespräch über Ängste, ihre arrangierte Ehe, preiswerte Zutaten und einfache Küchentricks.
Milton Keynes - Um 3 Uhr 10 gab es Rindercurry mit Reis, Brioche mit Bananen und Joghurt, dazu eine Tasse Tee. Es ist Ramadan. „Wenn man fastet, möchte man vor Sonnenaufgang einfach alles essen“, erzählt Nadiya Hussain in einem Zoom-Gespräch in ihrem Zuhause in Milton Keynes, rund 70 Kilometer nordwestlich von London.
Sie und ihre Familie sind hierhergezogen, als es losging mit ihrer Popularität. Nadiya Hussain ist in ihrer Heimat England nicht nur ob ihrer Backkünste beliebt, sondern weil sie eine Karriere gemacht hat, die eigentlich nie für sie gedacht war. Sie ist die Tochter bengalischer Einwanderer, wuchs mit fünf Geschwistern auf, wurde mit 19 Jahren verheiratet. Darüber spricht sie ganz offen, zum Beispiel in ihrer inspirierenden Biografie „Finding My Voice“.
Sie buk sich in die Herzen der TV-Nation
In England gibt es „The Great British Bake Off“, eine sehr populäre Backsendung. Nadiya Hussain ging vor sechs Jahren als Siegerin hervor – und buk sich in die Herzen der TV-Nation. Mehrere Fernsehshows, Kochbücher, Kinderbücher und eine Biografie später ist Hussain eine der beliebtesten Stars im Vereinigten Königreich. Der Queen hat sie zum 90. Geburtstag einen Kuchen gebacken – eine mehrstöckige Orangentorte mit lila und goldenem Fondant. Hier kann man sie mit einer Koch-Back-Serie auf Netflix sehen, jüngst ist ihr erstes Kochbuch „Time to Eat“ (Ars Vivendi Verlag) auf deutsch erschienen.
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Es braucht nicht lange und man hat Nadiya Hussain ins Herz geschlossen, wenn man ihre Koch- und Backshows schaut. Diese groß aufgerissenen Augen, diese Unsicherheit, dann dieses Glück, wenn sie irgendeine Sahnemischung durch eine Tülle drückt. Kaum eine Frau schwärmt im Fernsehen so sehr von fetten Torten und knetet so liebevoll Teige.
Seit ihrem Teenageralter hat Hussain Angststörungen
Das Backen war ihre erste Liebe. Seit ihrem Teenageralter hat Hussain Angststörungen. „Das Backen hilft mir mental. Es hilft mir, im Moment zu bleiben, fokussiert zu sein. Das ist wichtig für jemanden wie mich, die mit Ängsten zu kämpfen hat“, sagt Hussain, die im Dezember 1984 geboren wurde, mitten in der Thatcher-Ära.
Nadiya Hussain wuchs mit Reis und Curry auf – zu Mittag und zum Abendessen. Es gab nichts anderes. Ihr Großvater war Reisbauer in Bangladesch, ihre Eltern immigrierten nach England. In der Schulkantine landeten Pizza, Burger, Fischstäbchen auf dem Tablett. „Das war für mich britisches Essen. Aber diese zwei Welten prallten nie aufeinander“, so Nadiya, die mit zehn Jahren Kochen lernte. „Als ich in der Schule zum ersten Mal gebacken habe, liebte ich alles an den Prozessen. Das war so anders“, erzählt sie. Heute liebe sie es, Backen und Kochen zu verbinden. Ihre Mutter hatte nie gebacken. Im Ofen hatte sie höchstens Pfannen aufbewahrt. Inspiriert wurde sie von ihrer Großmutter, die die Kinder erzog, wenn die Eltern arbeiteten.
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Ihre Mutter kochte ihre traditionellen Lieblingsgerichte und ihr Vater, der in Restaurants arbeitete, glich die originären Currys dem britischen Geschmack an. All dies habe sie geprägt. Im Fernsehen gab es diese britischen Köchinnen in den riesigen Küchen, die für sie wie Disney World wirkten. Unerreichbar. Nur Ainsley Harriot, ein schwarzer, britischer Koch mit jamaikanischen Wurzeln, inspirierte sie. „In dieser Kochwelt war er der Einzige, der ein bisschen so aussah wie ich“, erzählt Nadiya.
Mit 19 Jahren wurde sie verheiratet
Mit 19 Jahren wurde sie verheiratet, ihren Mann hatte sie zuvor zweimal gesehen. „Es klingt wie ein Märchen, aber wir arbeiten auch hart an unserer Ehe“, erzählt Hussain. Vor 16 Jahren hatten sie eine große islamische Feier, vor drei Jahren heirateten sie noch einmal. Ihr Mann war es auch, der sie dazu motivierte, sich bei der TV-Show zu bewerben. Eigentlich wollte sie Sozialarbeiterin werden. Ein eigenes Leben beschreibt sie als unvorstellbar: „Ich war zuerst die Tochter meines Vaters, dann die Frau meines Mannes und später die Mutter meiner Kinder. Ich war immer etwas von jemandem. Nie war ich einfach nur ich.“
Mit dem Zug allein nach Manchester zu fahren, im Fernsehen zu backen, war für sie schwierig. „Mit den Ängsten war es natürlich nicht einfach. Aber es war das Beste, was ich jemals gemacht habe“, sagt sie. Es war nicht leicht, von der unbekannten Nadiya Hussain zu einer bekannten Persönlichkeit zu werden. Mit dem Erfolg kam auch der Hass: „Überall gibt es Rassismus. Ich bekam viele Hassnachrichten.“
Sie backt einen klassischen Victoria Sponge Cake und schichtet dazwischen Mangoscheiben
Heute verbindet Nadiya Hussain die Welten, die sich in ihrer Kindheit nie berührten. Sie backt einen klassischen Victoria Sponge Cake und schichtet dazwischen Mangoscheiben, verwendet Kokos und Kardamom. „Ich komme aus zwei verschiedenen Welten, das bin ich als Mensch“, so Nadiya Hussain. Ihr ist es wichtig, sich nicht zu verstecken, sondern genau das zuzulassen. Sie liebt die britische Küche, die heute unglaublich vielfältig ist.
Was Nadiya Hussain am Herd auszeichnet, ist ihre Vorliebe fürs ganz öffentliche Tricksen: Sie macht Blätterteigmuffins und verwendet nicht nur fertigen Blätterteig, sondern auch gekauftes Apfelkompott. Sie nimmt Tomatensuppe aus der Dose für Chicken Tikka Masala, sie macht Falafel aus den typischen britischen Baked Beans. Sie verrät, wie einfach sich Knoblauch häuten lässt, wenn man ihn mit heißem Wasser übergießt.
Es geht darum, Zeit zu sparen
Sie will gutes Essen für ihre Familie und dabei Zeit sparen. Keine Köchin ist uns allen gerade näher. „Es gibt da diese negative Einstellung gegenüber Dosen oder Trockenfrüchten. Man sollte aber alles, was man zu Hause hat, verwenden“, so Hussain. „Und: Seien wir ehrlich! Manches kann sich auch nicht jeder leisten.“
„Mummy, lebt ihren Traum“
„Es gibt nichts Tröstlicheres als ein Stück Kuchen“, sagt Nadiya. Und erklärt das mit einer sehr britischen Tradition: Wenn jemand zu Besuch kommt, wird der Wasserkocher angestellt, eine Tasse Tee serviert, dazu ein Stück Kuchen: „Das ist einfach etwas Besonderes. Einen Kuchen zu backen, bedeutet Aufwand und Liebe. Ein Stück Kuchen ist wie eine Umarmung.“
Während der drei Lockdowns hat sie Kuchen gebacken und die Stücke vor den Türen ihrer Nachbarn verteilt. „Das ist meine Art zu sagen, dass ich an euch denke“, erklärt sie. Ihre Kinder wurden schon mal gefragt, was ihre Mutter denn beruflich mache. Sie antworten locker: „Mummy lebt ihren Traum.“