Dieser kleine und doch so große Schritt zu weit – wo sexualisierte Gewalt ein Thema werden kann, setzt man im Bildungswerk der Erzdiözese jetzt auf ein Schutzkonzept. Foto: dpa/Annette Riedl

Wie keine andere Institution steht die Kirche im Kreuzfeuer der Kritik, wenn es um sexuelle Gewalt geht. Ausgerechnet eine kirchliche Einrichtung im Schwarzwald-Baar-Kreis ist es jetzt jedoch, die zum Vorreiter in der Prävention für viele Schulen wird.

Andreas Menge-Altenburger redet gar nicht erst um den heißen Brei herum: Den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche gibt es. Und die Vertuschung an vorderster Front quittiert er mit einem deutlich verärgerten Kopfschütteln. Die Versäumnisse mag er nicht kleinreden.

 

Und trotzdem fühlt er sich seit vielen Jahren dieser Kirche verbunden und kämpft, vielleicht gerade deshalb, mit ganz viel Herzblut dafür, dass sich diese Geschichte in dieser Tragweite nicht wiederholt.

Auch Jungen können Opfer sein

„Ich dachte immer, sexualisierte Gewalt, das hat was mit Mädchen zu tun“, sagt er und blickt nachdenklich drein. Geändert habe sich das erst, als der Erziehungswissenschaftler feststellen musste, „dass viele Täter früher selbst Opfer waren“. Er macht eine Pause, als er das erzählt. Fügt dann mit Nachdruck hinzu: „Die durften vorher gar nicht Opfer sein.“ Und trotzdem ist er meilenweit entfernt davon, Täter fortan nur noch als Opfer zu betrachten und damit von ihrer Schuld freizusprechen. Im Gegenteil: „Man muss auch die dunkle Seite seiner eigenen Institution sehen“, findet er. Täter sollen ausgebremst werden, auf voller Linie. Und dafür wurde jetzt sogar ein Konzept geschrieben.

Andreas Menge-Altenburger blättert im Schutzkonzept des Bildungswerk, das mehr sein soll als ein Schriftstück. Foto: Cornelia Spitz

Der beliebte Gruppenleiter von nebenan, der das unglückliche Mädchen erst tröstend in die Arme nimmt und sich dann heimtückisch immer wieder in seine Nähe schleicht... Der hilfsbereite, lockere Dozent, der sich auf Augenhöhe mit den Jugendlichen begibt, um bei einem Jungen in einem unbeachteten Moment diesen kleinen und doch so großen Schritt zu weit zu gehen... Andreas Menge-Altenburger nickt. Ja, er habe im Laufe der Jahre schon nach solchen Missbrauchsfällen tätig werden müssen. Und manchmal habe auch er den Täter gekannt und vorher nie auch nur ansatzweise als solchen vermutet.

Unter dem Radar

Als einer der Ersten widmete sich Andreas Menge-Altenburger 1995 in seiner Diplomarbeit dem Thema „Sexueller Missbrauch an Jungen“. Seine Expertise machte ihn schließlich zu einem gefragten Mann, Berater in Akutfällen und Ansprechpartner, wann immer es um sexualisierte Gewalt ging, und hat ihn sein ganzes, vielfältiges Berufsleben begleitet.

Heute leitet er das Bildungszentrum der Erzdiözese Freiburg in Villingen – und damit einen dieser sensiblen Bereiche, die seit Bekanntwerden des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche ganz besonders unter dem Radar stehen.

Plötzlich Vorreiterschaft

„Wir Einrichtungen wurden angehalten, Schutzkonzepte zu schreiben, dass so etwas nicht mehr vorkommt“, erzählt er. Und auch, dass es darum geht, Bedingungen zu schaffen, unter welchen Vertuschungen, wie sie ihn heute so wütend und ungläubig machen, nicht mehr möglich sind. „Das ist keine Garantie, dass nichts passiert, das weiß ich.“ Und doch ist nicht nur das Interesse am Thema, sondern auch die Notwendigkeit, diesen Weg zu gehen, so groß, dass Menge-Altenburger durch seine ehrenamtliche Mitarbeit im Verein Grauzone, einer Fachberatungsstelle für Betroffene von sexualisierter Gewalt, längst auch in Kontakt mit Schulen in der Region steht. Er soll sie bei der Erarbeitung ähnlicher Schutzkonzepte unterstützen. Der Abschlussbericht der Arbeitsgruppe „Machtmissbrauch und Aktenanalyse“ der katholischen Kirche machte deutlich, dass das Versagen in der Missbrauchskrise auch strukturelle Gründe hat.

Es ist also fast schon paradox: Die Missbrauchsfälle in der Kirche haben ihre Einrichtungen offenbar gleichsam zu Vorreitern in der Prävention werden lassen. „Wir sind da viel weiter als die meisten Schulen“, sagt er, ganz sachlich.

In jeder Klasse zwei Schüler

„Statistisch sitzen in jeder Klasse ungefähr zwei Schüler, die sexualisierte Gewalt erfahren haben“, macht der Bildungswerksleiter deutlich und verweist auf das „absolute Hellfeld“: Jeden Tag erstatten 46 Kinder in Deutschland eine Anzeige wegen einer solchen Tat. Die Dunkelziffer also dürfte riesig sein.

Seitens der Erzdiözese habe man sich aber einen guten Schritt herausgewagt aus dem Schatten. Menge-Altenburger ist froh, dass das Tabu gebrochen und das Thema auf dem Tisch ist. Da liegt es nun, auch in Form eines Schutzkonzepts zur Prävention gegen sexualisierte Gewalt. Andreas Menge-Altenburger hat die Erarbeitung maßgeblich begleitet.

Herausgekommen ist ein vielschichtiges Werk, das mehr sein soll, als ein Haufen guter Vorsätze auf geduldigem Papier. „Es nützt ja nur, wenn es auch lebt“, sagt Menge-Altenburger. Es werde daher geschult – jeder Mitarbeiter durchläuft ein dreistündiges Seminar. Und das Konzept werde deshalb ständig fortgeschrieben und immer wieder in Erinnerung gerufen, Schulungen dazu erneuert.

So geht kirchliches Handeln

Und dann gibt es da noch die ganz praktischen Steine, die damit potenziellen Tätern in den Weg gelegt werden, allem anderen voran: Alle hauptberuflichen Mitarbeiter, die bei ihrer Arbeit für das Bildungswerk in Kontakt mit Jugendlichen stehen, sowie Dozenten und Freiberufler, die das tun, müssen ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen und eine Erklärung abgeben, wonach sie sich mit dem Verhaltenskodex zum grenzachtenden Umgang einverstanden erklären. „Das wird mit dem Vertrag ausgehändigt“, 24 Seiten stark und voller Merksätze, etwa dem, wonach kirchliches Handeln unvereinbar sei mit jeder Form von Gewalt, aber auch, dass ein Verdacht auf oder gar eine Kenntnis von sexualisierter Gewalt an die zuständigen Stellen weitergeleitet werden muss. Hilfswege und ein Netzwerk an Institutionen werden aufgezeigt. Und es geht um so viel mehr als nur das Äußerste, den sexuellen Missbrauch – etwa um die Gestaltung von Nähe und Distanz in sensiblen Situationen, um Körperkontakt, Wortwahl und Kleidung. Täter sollen wissen, „hier wird hingeschaut, da muss ich vorsichtig sein“.

Plump gesagt, ist die Erklärung im Rahmen des Schutzkonzepts eine Art Knigge für den grenzachtenden Umgang mit anderen. Und wer ihn nicht unterschreibt? „Dann müssen wir uns von demjenigen trennen oder können ihn nicht anstellen.“

Kritik für Papst-Kritik

Ein weiterer Aspekt der Prävention: „ansprechen, aufklären, informieren.“ Dazu gehört auch ein Vortragsabend im aktuellen Programm, der für die Präventionsfachkraft Andreas Menge-Altenburger eine „Herzensveranstaltung“ ist: Die Theologin Doris Reisinger spricht am Donnerstag, 19. Oktober, ab 19.30 Uhr sowohl online über Zoom, als auch in Präsenz im Bildungszentrum Villingen im Münsterzentrum zum Thema „Der deutsche Papst und seine Rolle in der Missbrauchskrise“. Ein Format, für das dem Bildungswerkleiter bereits eisiger Wind entgegen schlug: „Ich habe schon Mails bekommen von Menschen, die fragen, wie man so eine Veranstaltung machen kann“ – den deutschen Papst kritisch und negativ beleuchtet, das geht offenbar manchem zu weit.

Menge-Altenburger jedoch nimmt das gelassen. „Wir sind doch nur dann glaubhaft als Einrichtung, wenn wir auch das thematisieren, das nicht so gut läuft.“

Die Veranstaltung

Der deutsche Papst und seine Rolle in der Missbrauchskrise
Als am 18. April 2023 der Abschlussbericht der AG „Machtmissbrauch und Aktenanalyse“ in der Erzdiözese vorgelegt wurde, war das Entsetzen riesengroß. Es wurde deutlich, dass das Versagen in der Missbrauchskrise auch ganz starke strukturelle Anteile hat. Den ehemaligen Erzbischöfen Oskar Saier und Robert Zollitsch wurde Vertuschung im großen Stil nachgewiesen. Damit dies in der Erzdiözese nie wieder so passieren kann, sind die einzelnen Einrichtungen angewiesen worden, eigene Konzepte zu erstellen und so einen Schutz potenzieller Opfer zu errichten. Auch das Bildungswerk der Erzdiözese Freiburg hat sein neues Schutzkonzept in Kraft gesetzt. Als Präventionsfachkraft wurde Andreas Menge-Altenburger, Leiter des Bildungszentrums Villingen, ernannt. Ein Motto, dass sich das Bildungswerk als Erwachsenenbildungseinrichtung im Rahmen des Themas auf die Fahne geschrieben hat ist „ansprechen – aufklären – informieren“.

Anmeldung
Wer teilnehmen möchte, meldet sich unter Telefon 07721/51080 oder per Mail an info@bildungszentrum-villingen.de, oder online auf www.bildungszentrum-villingen.de an. Die Kosten betragen zehn Euro. Der Veranstaltungslink wird am Tag vor der Veranstaltung zugesendet.