Die Weltmeister Per Mertesacker (li.) und Christoph Kramer gehören zum Team des ZDF. Foto: ZDF/Torsten Silz

Die EM 2021 ist auch ein TV-Event – mit so vielen Experten und Co-Kommentatoren wie noch nie. Sich daran zu gewöhnen fällt nicht immer leicht.

Stuttgart - Gut, im Grunde war klar, dass es nicht passieren würde. Aber so, wie er da stand, musste man in den nächsten Sekunden mit dem plötzlichen Erscheinen von Jolly Jumper rechnen. Oder zumindest erwarten, dass Rantanplan, der Hund, durchs Bild spaziert. Doch stand da dann ja doch nicht Lucky Luke breitbeinig vor dem Saloon, bereit, schneller zu ziehen als sein Schatten. Es war Peter Hyballa neben der Video-Wand im Fernsehstudio des ZDF.

 

Es war ja aber auch verwirrend, weil Hyballa, der Fußballlehrer aus Bocholt, über den Wilden Westen sprach nach dem Kick der Niederländer gegen Österreich. Ein „Wild-West-Spieler“ sei jener Denzel – und schürte die zweite Verwechslungsgefahr. Doch Denzel Washington in seiner Rolle als Sam Chisolm in „Die glorreichen Sieben“ hat nichts mit der EM zu tun, Denzel Justus Morris Dumfries, 25, vom PSV Eindhoven, dagegen schon. Fußballspieler also, nicht Schauspieler. Wobei die Grenzen ja fließend sind.

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Dass der Fußball eine Unterhaltungsbranche ist, wird selten besser deutlich als bei großen internationalen Turnieren. Die Trainer scouten im Vorfeld die Kicker, die Sender casten Experten, Co-Kommentatoren und Gelegenheitsgäste. In diesem Jahr im Übrigen derart ausgiebig, dass die Anmietung eines Teamhotels à la Campo Bahia nicht die unsinnigste Idee gewesen wäre. Vor allem beim ZDF.

Kramer und Wagner überzeugen

Per Mertesacker gilt ja seit seinem Live-Interview nach dem WM-Achtelfinale 2014 („Wat woll’n se?“) als Unterhaltungskünstler. Das Problem: Damals war’s hitzig, emotional – und die Eistonnen-Rhetorik sprudelte einfach so heraus aus dem Langen. Ungewollt. Nun, im kühlen TV-Studio wirkt der einstige Abwehrspieler ungewollt bemüht. Nur gut, dass Christoph Kramer ab und an neben ihm sitzt. Und Sandro Wagner kommentiert.

Kramer ist auch ein Weltmeister von 2014, im Gegensatz zu Mertesacker noch aktiv (bei Borussia Mönchengladbach) und lockert die ganze Nummer mit dem Langen durch kurze und teils derbe („So ein Kacktor“) Analysen und Anekdoten ganz gut auf. Wagner galt einst als kickendes Großmaul, was als jetzige TV-Stimme gar nicht so verkehrt ist. Für Béla Rethy ist er an dessen Seite jedenfalls eine Herausforderung – und das ist irgendwie nicht das Schlechteste. Wegnicken ist bei Wagner jedenfalls kaum möglich.

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Wem’s trotzdem passiert an EM-Tagen im ZDF, muss ich nach dem Erwachen erst mal neu orientieren, weil der Sender sich ja vorgenommen hat, die Aufmerksamkeit der Zuschauer durch ständig wechselndes Personal hoch zu halten. Neben den schon ziemlich zahlreichen Stammkräften hat das Zweite noch zu fast jedem der 24 EM-Teilnehmer einen Fußballpromi engagiert. Das hat den Erkenntnisgewinn zwar bislang nicht unbedingt erweitert, ist in Wirklichkeit aber vielleicht ja auch ein verstecktes Quiz – mit der einzigen Frage: Was machen die Öffentlich-Rechtlichen eigentlich so mit den Gebühren ihrer Zuschauer?

Mehr Frauen in den Teams der TV-Sender

Mit schmalem Erkenntnisgewinn hadern meist auch Zuschauer von Bastian Schweinsteiger. Der zeigt in der ARD bislang zwar einen eher gewagten, weil ungewöhnlich konservativen Kleidungsstil. Die „Süddeutsche Zeitung“ fühlt sich schon an die „Herrenkollektion früherer Quelle-Kataloge“ erinnert. Zu analytischen (und unterhaltsamen) Höchstleistungen ist der Held des WM-Finals von Rio aber noch nicht zu haben gewesen. Da hilft es auch nichts, dass Jessy Wellmer, die Moderatorin an seiner Seite, als ultralockere Sprücheklopferin aufzutreten versucht – was übrigens auch schon kapital schief gegangen ist („Steht Italien schon mit einer halben Pizza im Achtelfinale?“). Aber vielleicht darf man von Schweinsteiger ja auch nicht zu viel Hipster-Faktor erwarten. Er macht ja mittlerweile auch Werbung für einen Baumarkt. Wobei: Urban Gardening soll ja ein Trend sein.

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Im Trend liegt auch, dass nicht nur in Schweinsteigers Baumarkt-Spot eine (seine) Frau mit von der Partie ist. Und das ist das Schöne an dieser TV-EM. Ariane Hingst co-kommentiert im ZDF, in der ARD gehört Torhüterin Almuth Schult zum Expertenteam – was in der Kombination mit Kevin-Prince Boateng schon für einen der schon jetzt besten TV-Momente dieser EM gesorgt hat.

Boateng sprach – in den ihm eigenen Worten – über den Erfahrungsschatz von Mats Hummels („Er ist schon Lage im Game“), woraufhin Schult sich kaum mehr einkriegte vor Lachen.

Die EM im TV kann also auch richtig witzig sein. Selbst ohne Jolly Jumper und Rantanplan.