Regenbogenfahnen werden beim Spiel in München zuhauf zu sehen sein. Foto: imago/Ralph Peters

München darf seine Arena beim Spiel Deutschland-Ungarn nicht in Regenbogenfarben hüllen, dafür werden an vielen anderen Orten in Deutschland Zeichen gesetzt. Nicht so in Stuttgart.

München - In erster Linie geht es um Sport, wenn Deutschland an diesem Mittwoch (21 Uhr/ZDF) Ungarn zum abschließenden Vorrundenspiel dieser EM empfängt. Doch das beherrschende Thema kreist um mehr als Sport. Wir beantworten die wichtigsten Fragen zum Streit um die Regenbogenbeleuchtung der Münchner Arena.

 

Wie begründet die Uefa ihre ablehnende Haltung?

In einer Stellungnahme hebt der europäische Fußballverband auf sein Engagement gegen Homophobie und Fremdenfeindlichkeit ab – um dem Ansinnen des Münchner Gemeinderats dann doch einen Riegel vorzuschieben. „Angesichts des politischen Kontextes dieser speziellen Anfrage – eine Botschaft, die auf eine Entscheidung des ungarischen Parlaments abzielt – muss die Uefa als politisch und religiös neutrale Organisation diese Anfrage ablehnen“, heißt es. Stattdessen schlug der Verband andere Termine zur Beleuchtung der Münchener Arena nach dem Ungarn-Spiel vor.

Welchen politischen Hintergrund hat die Auseinandersetzung?

Die Forderung der Münchner Stadträte war eine Reaktion auf ein neues Gesetz des ungarischen Machthabers Viktor Orbán. Vergangene Woche wurde das Gesetz vom Parlament gebilligt. Es schränkt die Rechte von Jugendlichen in Hinblick auf Homosexualität und Transsexualität ein und gilt als besonderes Anliegen Orbáns.

Inwieweit ist die Regenbogenflagge als politisches Symbol zu verstehen?

Der Stuttgarter Sportrechtsanwalt Marius Breucker spricht von einer „Wertungsfrage“. Aufgrund des Zusammenhangs mit dem in Ungarn verabschiedeten Gesetz und dem Spiel gegen die Ungarn liege eine Wertung der Aktion als „politisch“ nahe, sagt Breucker. Losgelöst von diesem Kontext sieht es anders aus. Unter Staatsrechtlern gilt die Regenbogenfahne als überparteilich und kann deshalb nicht als Stellungnahme für oder gegen eine bestimmte Partei oder politische Richtung interpretiert werden. Clement Beaune, der französische Staatssekretär für europäische Angelegenheiten, argumentiert: „Wir sind jenseits einer politischen Botschaft, es ist eine Botschaft tiefer Werte.“

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Der Uefa wird nun Doppelmoral vorgeworfen – zu Recht?

Zunächst erscheint es als nicht schlüssig, dass die Funktionärsriege zuvor Nationaltorhüter Manuel Neuer das Tragen einer Kapitänsbinde in Regenbogenoptik erlaubt hat. Auch im Spiel gegen die Ungarn will Neuer auf die bunte Binde zurückgreifen. Vielmehr geht es um die Frage, inwieweit der Verband seine selbst postulierten Werte unter dem Überbegriff „Respekt“ durch das Verbot von München mit Füßen tritt. Das Regenbogensymbol wurde von der Uefa mehrfach selbst verwendet, auch im Kontext der EM. „Die Euro sei ein Turnier für Jedermann“, heißt es etwa in einem mit Regenbogen verzierten Tweet.

Warum hat die Uefa überhaupt das Recht zu einem solchen Verbot?

Um bei der Vergabe großer Turniere berücksichtigt zu werden, haben sich die Ausrichter den allmächtigen Verbänden Uefa und Fifa in der Vergangenheit meist mit Haut und Haaren ausgeliefert. Die Fußballmächte geben für die Zeit des Turniers den Takt vor – ob bei der Größe der VIP-Räume oder dem Bierausschank auf der Fanmeile. Zum konkreten Fall des in Besitz des FC Bayern befindlichen Münchner Stadions erläutert Sportrechtsanwalt Breucker: „Als Veranstalter der EM hat die Uefa die Stadien für die Durchführung der Spiele gemietet. Nach Maßgabe des Mietvertrages hat die Uefa das Hausrecht inne und kann somit auch über die Farbe des Stadions entscheiden.“

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Welche Bande besteht zwischen der Uefa und Ungarn?

Schon in der Vergangenheit war das Land dem Verband in der Coronapandemie zur Seite gesprungen, als es darum ging, einen Ausweichort für Europapokalspiele zu finden. Budapest war stets zur Stelle. Auch jetzt finden in der ungarischen Hauptstadt als einzigem EM-Standort Spiele vor vollen Rängen statt und liefern der Uefa prächtige TV-Bilder. Bis zuletzt wurde darüber beraten, das EM-Finale wegen der Ausbreitung der Delta-Variante in England von London nach Budapest zu verlegen. Ehe die britische Metropole am Dienstag doch den Zuschlag erhielt. Es passt ins Bild, dass den Posten des Vizepräsidenten der Fußballunion ein Ungar bekleidet: Sándor Csányi gilt als Vertrauter von Machthaber Viktor Orbán.

Was folgt aus dem Verbot?

Möglicherweise hat die Uefa durch ihre strikte Haltung ein Eigentor geschossen. Statt nur auf der Außenhaut des Münchner Stadions wird die bunte Optik am Mittwochabend nun republikweit zur Schau getragen. So haben die Stadionbetreiber in Köln, Berlin und Frankfurt angekündigt, ihre Arenen entsprechend anzustrahlen. „Wenn München nicht darf, dann müssen eben die andere Farbe bekennen. Auf jetzt, Kollegen in der Liga“, schrieb Eintracht Frankfurts Vorstandssprecher Axel Hellmann. In der Stuttgarter Arena sei eine solche Aktion technisch nicht umsetzbar, hieß es von Seiten des VfB. Vorstandschef Thomas Hitzlsperger twitterte in Richtung Uefa: „Denkt an die, die immer noch diskriminiert werden. Sie brauchen Unterstützung. Eure Unterstützung auch!“

In zahlreichen Städten sollen Bauwerke bunt illuminiert werden. In Stuttgart war bis Dienstag nichts geplant. Mehrere Zuschauer des Spiels in München haben zudem angekündigt, in Regenbogenshirts zu erscheinen. Der Dachverband des Christopher Street Day will 10 000 Regenbogenflaggen zum Spiel bringen und vor dem Stadion verteilen. Englands Fußballikone Gary Lineker forderte München gar zum Ungehorsam auf: „Macht es trotzdem – die können uns mal!“