Paula Straus gehörte zu den ersten Industriedesignerinnen Deutschlands. Doch das stilbildende Werk der Stuttgarterin ist nach ihrer Ermordung in Auschwitz in Vergessenheit geraten. Eine Ausstellung in Stuttgart und ein Buch erinnern an sie.
Manchmal scheint es angemessener, eine Geschichte mit ihrem Ende zu beginnen, mit dem Tod und dem Vergessen. Zum Beispiel die Geschichte von Paula Straus. Die Gold- und Silberschmiedin gehörte zu den einflussreichsten Industriedesignerinnen ihrer Zeit. Mit ihren puristischen Schmuckobjekten und Edelmetallgeschirren hat die gebürtige Stuttgarterin das stilbildende Bauhaus entscheidend mitbeeinflusst.
Von Stuttgart nach Theresienstadt
Dass der Name Paula Straus 80 Jahre nach ihrem Tod dennoch kaum jemandem etwas sagt, war von ihren Mördern genauso intendiert. Denn Paula Straus war Jüdin, ihre Existenz, ihr kreatives Wirken sollten ausgelöscht werden. Am 22. August 1942 verlassen Güterzüge mit den zur Deportation bestimmten schwäbischen Juden den Stuttgarter Nordbahnhof, nachdem sie auf dem Killesberg in einer demütigenden Prozedur zusammengeführt und registriert worden sind.
Ziel der Transporte: Theresienstadt. Aus diesem Konzentrationslager wird Paula Straus Ende Januar 1943 nach Auschwitz deportiert, wo sie am 10. Februar 1943, kurz nach ihrem 49. Geburtstag in der Gaskammer ermordet wird.
„Immer hab ich gedacht, wie viel man noch aushalten kann, aber jetzt bin ich an der Grenze dieser Kraft angelangt“, schreibt sie im letzten Brief kurz vor der Deportation aus Stuttgart, offensichtlich gezeichnet von der Angst und Demütigung durch die Nationalsozialisten. „Wenn ich auch erneut wieder die Absicht habe, mich nicht verschleppen zu lassen und lieber hier ein Ende nehmen möchte, als mich dort zu Tode quälen zu lassen. Dann hört ja alles auf.“
Strenger Blick
Auf den Porträts, die von Paula Straus erhalten geblieben sind, ist oft eine streng dreinblickende, in sich gekehrt wirkende Frau zu erkennen. Stets gibt sie dem Betrachter das Gefühl, dass er sie gerade bei der Arbeit oder bei einem wichtigen Gedanken stört. Paula Straus wirkt mit ihrem absichtlich etwas nachlässig zurückgesteckten Haar uneitel, vergeistigt, gar ein wenig trotzig.
Doch man sollte die Zeit mitdenken, aus der die Porträts stammen. Paula Straus‘ Fotos aus den 20er und 30er Jahren zeigen den Typus der „Neuen Frau“, die ihr Leben selbst in die Hand nimmt, mit der kreativen Arbeit sich emanzipiert, den Beruf als Berufung begreift.
Und diese Entschlossenheit ist bitter nötig, denn ist es alles andere als selbstverständlich, dass eine Frau in einer Männerdomäne reüssiert. Sie zählt zu den wenigen Protagonistinnen im Silberhandwerk der 20er Jahre, die nicht nur in Deutschland, sondern auch international von sich als „Gestalterin“ oder „Designerin“ reden macht. Ihre Entwürfe sind im besten Sinne zeitlos, bis heute bestechen ihre Arbeiten – seien es Bestecke, Tassen oder Kannen – durch eine schlichte Eleganz.
Der Weg zum Erfolg ist allerdings mühsam. Paula Straus beginnt ihre Berufsausbildung als 17-Jährige an der Königlichen Fachschule für Edelmetallindustrie in Schwäbisch Gmünd, nach ihrem Abschluss geht sie nach Frankfurt am Main, wo sie in einem Gold- und Silberschmiedebetrieb arbeitet. Paula Straus ist bereit für Opfer: Um mobil und flexibel zu bleiben, verzichtet sie auf eine Heirat, auf die tradierte Vorstellung von einer bürgerlichen Ehe und Familie.
Sie führt das moderne Leben eines Singles, zieht oft um, des Berufes wegen. Von Frankfurt führt sie der Weg wieder zurück in ihre Heimatstadt Stuttgart, wo sie an der renommierten Württembergischen Staatlichen Kunstgewerbeschule als Meisterschülerin von Paul Haustein angenommen wird. 1921 schließt Paula Straus ihre insgesamt zehn Jahre dauernde Ausbildung mit dem Meisterbrief ab.
Nun ist sie eine ausgezeichnete Goldschmiedin. Doch die finanziellen Mittel fehlen, um ein Atelier zu eröffnen. Zur Überbrückung übernimmt sie weiter Aufträge für Paul Haustein an, wobei sie ihre Fertigkeiten in der Praxis perfektionieren kann.
Paula Straus beherrscht die anspruchsvolle, in der Antike entwickelte Technik des Granulierens. Bei diesem Verfahren werden kleinste Metallkugeln, meist aus Gold, auf Metallflächen in ornamentalen Mustern aufgebracht. Mit ihren Schmuckobjekten überzeugt sie gleichermaßen die Kunstkritik wie illustre Auftraggeber, etwa den Schramberger Uhrenfabrikanten Oskar Junghans.
Paula Straus‘ Talent und Kreativität bleiben nicht unbemerkt, ihr puristischer Stil inspiriert Epigonen wie Bauhaus-Schüler. 1925 ist dann ein ungemein aufregendes Jahr für die junge Kunsthandwerkerin. Sie tritt dem Werkbund bei, der sich wie sie für ein gegenseitige Befruchtung von künstlerischem Anspruch und serieller Produktfertigung einsetzte. Auch nimmt Paula Straus eine Stelle bei der Firma Bruckmann und Söhne in Heilbronn an, wo sie eine eigene Werkstatt zur Herstellung von Schmuck leitet.
Und schließlich wird ihrem Schaffen eine Einzelausstellung in der Kunsthalle Mannheim gewidmet. Für Paula Straus läuft es wunderbar, intensive Arbeitsjahre folgen. Gekrönt wird ihr Fleiß von der Einladung zur Weltausstellung in Barcelona 1929, wo sie eine Goldmedaille und den „Grand Prix“ erhält.
Arbeitsverbot und Antisemitismus
Die Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahre 1933 markiert den Anfang vom Ende einer so hoffnungsvollen Karriere. 1934 verliert Paula Straus nach kurzem Engagement bei WMF in Geislingen an der Steige ihren Job im betriebseigenen Kunstatelier; der um sich greifende Antisemitismus ist nicht mehr zu ertragen. Mit Ausstellungen und Privataufträgen hält sie sich über Wasser.
1939 folgt ein formales Arbeitsverbot und der finanzielle Ruin. Was man ihr noch erlaubt, das ist die entbehrungsreiche, schlecht entlohnte Arbeit als Pflegerin in jüdischen Altersheimen bis zu ihrer Deportation und Ermordung am 10. Februar 1943.
Mit einer lesenswerten Monografie „Paula Straus“im Stuttgarter Verlag Arnoldsche Art Publishers und einer Ausstellung im Stuttgarter Stadtpalais wird nun eine Ausnahme-Künstlerin und mutige Frau geehrt – hoffentlich wiederentdeckt. Das wäre ein hoffnungsvoller Anfang nach dem schrecklichen Ende. Immerhin das.
Info
Ausstellung
Im Stadtpalais – Museum für Stuttgart ist Paula Straus eine Sonderausstellung gewidmet, die bis zum 10. September zu sehen ist. Jeden zweiten Sonntag im Monat, jeweils 16 Uhr, führt die Kuratorin Edith Neumann durch die Ausstellung. Der nächste Termin ist am 15. März. www.stadtpalais-stuttgart.de
Buch
Das lesenswerte Buch „Paula Straus. Vom Kunsthandwerk zum Industriedesign“, das auch rund 150 Abbildungen zeigt, wurde von Monika Sänger herausgegeben und ist im Stuttgarter Verlag Arnoldsche Art Publishers erschienen (200 Seiten, 38 Euro).