Alle kennen ihn. Alle haben eine Meinung über ihn. Alle haben seine Musik im Ohr – die einen gern, die anderen weniger. Er hat anderen zum Erfolg verholfen. Er liebt den Boulevard. Er garantiert RTL gute Quoten. Jetzt wird er 70 Jahre alt. Warum nervt er uns so? Warum wollen wir ihn trotzdem nicht missen?
Beginnen wir im Ausland. Eine Touristengruppe ist in Usbekistan unterwegs und erholt sich abends an der Hotelbar von den Sehenswürdigkeiten. Der Barkeeper ist herzlich um ihr Wohlergehen bemüht: „Dschörmänieh?“
Und schon hat er auf den entsprechenden Knopf an seiner internationalen Musikschätzeanlage gedrückt: „Cheri, cheri lady / Goin’ through a motion / Love is where you find it / Listen to your heart“, schallt es aus den Lautsprechern. Die Gäste können gar nicht anders, sie müssen lachen. „Dschörmänieeeh!“, lacht der Keeper zufrieden zurück. Das ist Völkerverständigung.
Einer der erfolgreichsten deutschen Sänger, Produzenten, Komponisten, Songwriter wird an diesem Mittwoch siebzig Jahre alt: Dieter Bohlen. Er gehört zu einer seltenen Spezies, nämlich zu jenen deutschen Popmusikern, deren Werk auch international bekannt und populär ist. Gemeinsam mit seinem Modern-Talking-Partner Thomas Anders eroberte er in den 1980er Jahren die Hitparaden; bei einer Reunion um die Jahrtausendwende bespielten die beiden riesige Hallen in Osteuropa und in Asien. Auch die Radiohörer Afrikas kennen „Cheri, cheri lady“. Der Streamingdienst Spotify meldet, die inzwischen über vierzig Jahre alten Modern-Talking-Hits würden aktuell 8,3 Millionen Mal einzeln abgerufen – pro Monat.
Er hat Betriebswirtschaft studiert – und setzt es um
och diese globale Begeisterung ist ja nur die eine Seite der Medaille, wenn es um Dieter Bohlen geht. Die andere Seite ist Entsetzen vor so viel schlichtem und also schlechtem Geschmack. Niemand im deutschen Unterhaltungsgeschäft polarisiert so wie er.
Gegen das Musikarchiv eines usbekischen Barkeepers und die Zahlen von Spotify kann man natürlich erst einmal wenig sagen. Außer dies: Die Wurzel des Übels stecke schon in den Anfängen. Bohlen sei es ja nie in seinem Leben um Selbstfindung oder Weltschmerz oder Weltverbesserung gegangen, also um all das, aus dem ganz vielleicht mal gute Popmusik entstehen könne. Vielmehr habe er an der Uni Göttingen BWL studiert. Sodann habe es ihn ins Musikgeschäft getrieben. Und dort wollte er von Anfang an vor allem eins: Erfolg. Damit ist er fürs deutsche Musikfeuilleton für alle Zeit verbrannt – der große Pop, die wahre Musik unserer Zeit, verkommt bei ihm zur angewandten Betriebswirtschaft.
Das ist schon alles sehr schlicht gestrickt
Versuchen wir, uns wenigstens eine Weile in der Mitte zwischen diesen beiden Positionen zu bewegen. Ja, es fällt nicht schwer, als Musikfreund von den ersten großen Bohlen-Erfolgen genervt zu sein. Das Muster, nach dem er an seinen Mischpulten die Modern-Talking-Hits komponiert, ist überaus transparent, um nicht zu sagen: schlicht und einfältig. Die Melodien ihrer großen Erfolge klingen alle derart ähnlich, dass man auf Anhieb kaum entscheiden kann, ob noch „You’re My Heart, You’re My Soul“ läuft oder „Brother Louie-Louie-Louie“ schon angefangen hat. Dazu diese langen Falsett-Strecken – war das ernsthaft damals angesagt? Überhaupt: Die 1980er Jahre haben ja in ästhetischer Hinsicht manche Verbrechen auf dem Kerbholz. Aber selbst in diesem Rahmen wirken Outfit und Frisuren von Bohlen und Anders stark grenzwertig und diese als Bühnenpaar wie Deutschlands musikalische Antwort auf Krystle und Alexis Carrington aus dem „Denver Clan“: zwei BRD-Musik-Drama-Queens. 1987 trennten sich Modern Talking im Denver-gemäßen Streit.
Was folgte, waren Jahre, in denen Dieter Bohlen der breiten Öffentlichkeit vor allem durch krude Beziehungs- und Ehegeschichten in Erinnerung blieb. Die Frauen wurden bundesweit via „Bild“ als „Naddel“ oder „die Verona“ dem ganzen Land bekannt, weil „der Dieter“ sie halt daheim so nannte.
Sein Lebensmittelpunkt: Tötensen in der Nordheide
Im Hintergrund aber entwickelte sich Dieter Bohlen über all die Jahre zum erfolgreichen Produzenten und Songwriter für andere Stars und Sternchen des Geschäfts, für Chris Norman oder Bonnie Tyler, für Marianne Rosenberg oder Al Martino. Die Schlagersängerin Andrea Berg hat ihren erstaunlichen Karrieresprung nach der Jahrtausendwende vor allem Bohlen zu verdanken; Bohlen machte den Popschlager großhallentauglich. Man mag sich kaum ausmalen, was die Musikrechteverwalter der Gema alljährlich an Tantiemen auf das Konto des Herrn Bohlen auszahlen, der inzwischen in einem Neubau-Anwesen in Tötensen wohnt und arbeitet, einem Ort südwestlich Hamburgs, dort, wo die Lüneburger Heide beginnt.
„Prollig“ muss bei ihm kein Schimpfwort sein
Hier, wo im Herbst die Heide blüht, wuchs nach und nach ein veritabler Mythos des deutschen Unterhaltungsgeschäfts, das Bohlen-Phänomen, demzufolge nämlich im Zweifel doch die Schlichtheit siegt, insbesondere, wenn sie sich mit Forschheit kombiniert. Dieter Bohlen wirkt auf viele wie ein Typ, der einfach den berühmten Bogen raushat. Auch ohne reiche Herkunft, auch ohne tiefe Bildung, auch ohne weit gesteckten Horizont, auch ohne gute Manieren weiß er einfach, was auf der Bühne funktioniert. Dieter Bohlen wurde zum „Pop-Titan“. Er scheint der lebende Beweis zu sein, dass die Beschreibung „prollig“ nicht grundsätzlich negativ sein muss. Sie kann auch bedeuten: authentisch, direkt, unverkünstelt – das Schlüsselkapital in einer Welt wachsender digitaler Künstlichkeit.
All das machte ihn zur Idealbesetzung für einen der größten Erfolge jüngerer TV-Geschichte: den Jury-Vorsitz bei „Deutschland sucht den Superstar“, kurz „DSDS“, seit 2002 als deutsche Variante des globalen Showformats „Pop Idol“ fast ununterbrochen alljährliches RTL-Ritual. Hier treten immer neue Scharen junger Menschen mit ihrem mehr oder weniger umfangreichen Können und der großen Hoffnung auf eine Pop-Blitzkarriere vor die Richterbank. Und wer auf dieser Bank neben Bohlen sitzt, ist völlig nebenrangig; entscheidend ist, das betonen fast alle, „was der Dieter sagt“.
Dieser Dieter wird über all die Jahre von der seriösen TV-Kritik hart kritisiert, wenn er die allzu Untalentierten nach ihren Darbietungen mit scharfen, fiesen Sprüchen niedermacht und dabei auch auf Tränen keinerlei Rücksicht nimmt. Irgendwann nimmt sich ein RTL-Geschäftsführer solche Kritik sehr zu Herzen, will sein Programm „familienfreundlicher“ gestalten, löst den millionenschweren Vertrag mit Bohlen und engagiert stattdessen als Jurychef – Florian Silbereisen. Das funktioniert aber gar nicht. Seit 2023 ist Bohlen darum wieder dort, wo er hingehört, ganz rechts am Tisch. Und auch die RTL-Geschäftsführung ist neu besetzt.
Dieter Bohlen selbst legt übrigens inzwischen Wert auf die Feststellung, dass in dem Glauben der Menschen über ihn ein fataler Grundirrtum stecke: dass er seine Erfolge ohne Anstrengungen erzielt habe. „Die Menschen glauben immer, dass es für alles im Leben Tricks gibt“, sagte er in einem „Bild“-Interview. „Es gibt nur einen Trick: Man muss arbeiten wie ein Galeerensträfling.“ Anders gesagt: Hinter den Mauern in Tötensen wird hart geackert.
In einer den Publikumserfolg grundsätzlich wertschätzenden Kultur wie in den USA würde Dieter Bohlen zum Siebzigsten sehr wahrscheinlich von der „New York Times“ mit einem großen Geburtstagsartikel gewürdigt werden. Kritisch, aber fair. In Deutschland wird es wohl auf Spots in Formaten wie „Explosiv“ oder „Brisant“ hinauslaufen. Ob ihn das wurmt? Kaum. In jüngerer Zeit wirkt er mit sich sehr im Reinen, auch sein Privatleben ist längst ruhiger. Und letztlich bleibt eine große Genugtuung: Der usbekische Barkeeper spielt Bohlen. Nicht Grönemeyer.