Schokoladenproduktion in Waldenbuch: Ritter Sport will sich den russischen Absatzmarkt bewahren. Foto: dpa/Marijan Murat

Die Gewerkschaft NGG stellt sich hinter Ritter Sport und gegen dessen Kritiker. Die rufen weiter zum Boykott auf, weil die Waldenbucher ihre Schokolade in Russland verkaufen. Da ergeht es ihnen ähnlich wie namhaften Konzernen.

In den sozialen Netzwerken haben sich die Erregungswellen nicht gelegt: Weiter wird darüber gezankt, ob Ritter Sport trotz des Ukraine-Kriegs noch Schokolade in Russland verkaufen sollte. Allerdings setzen viele Internetnutzer den Boykottaufrufen nun Bilder von frisch erworbenen Tafeln entgegen – nach dem Motto: jetzt erst recht!

 

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Rückhalt erhalten die Waldenbucher von der für sie zuständigen Gewerkschaft NGG (Nahrung-Genuss-Gaststätten). „Nachvollziehbar“ findet deren Betriebsbetreuer Jürgen Reisig die Argumentation der Geschäftsleitung. „Auch wir machen eine Unterscheidung: Hier geht es um Lebensmittel für die Bevölkerung – nicht um Waffenkomponenten oder Luxusautos“, sagte er unserer Zeitung. Wer Süßwaren an die Bevölkerung verkaufe, habe kein Blut an den Händen.

Auswirkungen auf Belegschaft und Lieferketten

Russland ist für Ritter Sport mit zehn Prozent am Gesamtumsatz der zweitgrößte Absatzmarkt. Ein Rückzug hätte nicht nur Auswirkungen auf die Belegschaft, sondern auch auf die gesamte Lieferkette, die das Unternehmen aufrecht erhalten will, fürchtet Reisig. Bei Umsatzeinbrüchen wäre die über viele Jahre aufgebaute Kakaokooperative mit Nicaragua gefährdet. Immerhin wolle Ritter Sport wegen des Kriegs keine Investitionen und keine Werbung in Russland mehr tätigen, argumentiert der Gewerkschafter.

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Auch die Belegschaft sorgt sich, dass die Kontroverse Folgen für sie hat; der Betriebsrat möchte sich aber nicht dazu äußern. Die Frage ist, wie lange der von Marketingexperten festgestellte Makel auf der zuvor so sorgsam gepflegten Marke liegen wird. Dass die AfD-Fraktion im Stuttgarter Landtag Ritter Sport als „krisenbewusst in Krisenzeiten“ gewürdigt hat, war da wohl nicht hilfreich.

All das erinnert an ein früheres Beben, als die Stiftung Warentest behauptet hatte, der Schokoladenhersteller verwende künstliches Vanillearoma. Gerichte räumten 2014 den Vorwurf ab, doch erzeugte der damalige Fall zunächst einen Reputationsschaden.

Auch mächtige Konzerne stehen am Pranger

Diesmal steht Ritter nicht allein am Pranger – namhafte Konzerne sehen sich in den Sozialen Medien dem Shitstorm ausgesetzt: Nestlé etwa, der weltgrößte Lebensmittelhersteller. Hunderte Twitter-Nutzer rufen zum Boykott der Produkte auf. Die Schweizer haben daher schon verkündet, das Gros der Produkte nicht mehr in Russland zu verkaufen – doch „lebenswichtige Nahrungsmittel“ wie Babynahrung, Frühstücksflocken oder Tierfutter sollen weiterhin in den Handel kommen. Lediglich Werbung und Kapitalinvestitionen dort werden ausgesetzt.

Diese beiden Schritte hat ebenso der Konsumgüterkonzern Henkel verkündet – dennoch beharrt er darauf, auch künftig in Russland zu produzieren und Produkte zu vertreiben – mit der Begründung, dass es sich vor allem um Güter des täglichen Bedarfs wie Reinigungs- und Hygieneprodukte handle.

Metro lässt Kritik bisher abperlen

Beruhigen kann Henkel die erhitzten Gemüter damit ebenso wenig wie die Metro. Auch deren Geschäfte in Putins Reich laufen weiterhin gut – die 93 Cash-&-Carry-Märkte mit 10 000 Mitarbeitern sind geöffnet, die Regale gut gefüllt. 200 Millionen Euro Umsatz hat die Großhandelskette 2020 in Russland gemacht, 22 Millionen Euro an Steuern abgeführt. Aktivisten haben Metro als Zielscheibe auserkoren und auch Proteste vor der Düsseldorfer Zentrale organisiert. Die Kritiker erwarten zumindest eine Distanzierung, wie eine Schließung von einem Teil der Märkte oder eine Angebotsreduzierung – bisher lässt Metro die Kritik abperlen.

Knappe Mehrheit der Bevölkerung für eine Abkehr

Wie lange dieser Kurs jeweils noch gut geht, ist offen. Einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov zufolge lehnt es eine knappe Mehrheit (53 Prozent) von mehr als 2200 Befragten ab, dass Firmen ihre Produkte weiter in Russland verkaufen – auch wenn sie so Lieferanten aus Entwicklungsländern schützen wollen. Nur ein gutes Viertel sprach sich dafür aus.