Frust hoch zehn: Mercedes-Pilot Lewis Hamilton beklagt sich in Imola, der Silberpfeil sei unfahrbar. Foto: IMAGO/ /Alessio Morgese

Der Silberpfeil besitzt ein Manko, dem die Ingenieure einfach nicht auf die Schliche kommen. Starpilot Lewis Hamilton befindet sich in einer unbekannten Lage, die ihn emotional fordert.

Es muss in einem anderen Leben gewesen sein. Exakt kann sich Lewis Hamilton nicht dran erinnern, wann er zuletzt an einem Rennwochenende im Qualifying nicht die Top Ten erreichte und er im Grand Prix ebenfalls nicht in die Punkteränge kam – der Mann, der seit 2014 bei 81 der 111 Mercedes-Siege ganz oben auf dem Podest stand, muss lernen, mit drastischen Niederlagen umzugehen. Imola 2022 war so ein verflixtes Wochenende, an dem schief lief, was schief laufen konnte. „Es war frustrierend“, stöhnte der Formel-1-Rekordweltmeister nach dem Großen Preis der Emilia Romagna, „ich steckte hinter Pierre Gasly fest, es war unmöglich, ihn zu überholen. Zudem habe ich beim Boxenstopp ein paar Plätze verloren – mehr gibt es dazu nicht zu sagen.“

 

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Ein Mercedes ist in dieser Saison nicht mehr in der Lage, einen Alpha Tauri zu überholen, auch Haas und Alfa Romeo sind plötzlich Gegner auf Augenhöhe, und die beiden Topteams Ferrari und Red Bull sowieso außer Reichweite – für die Mannschaft aus Brackley, die von 2014 bis 2021 ununterbrochen Konstrukteursweltmeister wurde, hat eine neue Zeitrechnung begonnen. Die Phase der Demut. Und mit dieser unbekannten Situation müssen alle unter dem Dach des Sterns erst mal zurechtkommen. Am Freitag gab es nach dem Qualidebakel eine emotionale Diskussion zwischen Teamchef Toto Wolff und Starpilot Hamilton. „Es gab keine Meinungsverschiedenheit. Wir waren nur so sauer drüber, wie die Session gelaufen ist, und das hat er bei mir ausgelassen und ich bei ihm“, beschwichtigte der Österreicher, „nein, es gibt keine Spannungen zwischen uns, und wir geben uns auch nicht gegenseitig die Schuld. Nichts dergleichen.“ Am Sonntag entschuldigte sich Wolff direkt über Funk bei Hamilton, der sich beklagt hatte, der Silberpfeil sei „unfahrbar“ gewesen.

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Der Mercedes W13 sei der Sündenbock, nichts und niemand anderes, betont Wolff wieder und wieder. In der Entwicklung des neuen Autos haben die Ingenieure irgendetwas falsch interpretiert, der Silberpfeil hoppelt so stark wie das trommelnde Duracell-Häschen („Bouncing“), und das zerstöre, betont Wolff, die komplette Performance. Die Daten im Windkanal hätten dem Team aufgezeigt, dass das Auto eine Menge Abtrieb entwickeln würde, doch auf der Piste war das in diesem Ausmaß nicht mehr der Fall – denn dort trat stattdessen Bouncing auf, das im Windkanal nicht vorkommt. Diesen essenziellen Fauxpas zu eliminieren, benötigt offenbar mehr Zeit, als allen Mercedes-Leuten lieb ist.

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Hamilton mag in Imola extrem frustriert gewesen sein; dass ein sieggewohnter Starpilot leidet, wenn er plötzlich in einem ruckelnden Mittelklassewagen sitzt, kann man sich gut vorstellen. „Man muss in solchen Situationen einen gewissen Frust auch mal zulassen“, meinte Wolff, „es bringt ja nichts, sich ein zu optimistisches Bild einzureden.“ Immerhin vermittelt der 37 Jahre alte Ex-Weltmeister noch nicht den Eindruck, dass der unruhige Silberpfeil seiner Motivation geschadet hätte. „Ich werde weiter so hart arbeiten, wie ich nur kann, um zu versuchen, es irgendwie wieder hinzubekommen“, sagte Hamilton in Imola tapfer, und auch Teamkollege George Russell verspricht, sich zu 100 Prozent einzubringen.

Die Voraussetzungen bei Mercedes, um bald eine Lösung zu finden, sollten vorhanden sein: Die nötiges Ressourcen bei Menschen, Infrastruktur und Finanzen sind da, und Wolff ist überzeugt, dass es in seiner Truppe keine träge Sattheit nach acht Konstrukteurstiteln gebe. „Trotzdem müssen wir auf der Hut sein“, sagte der 50-Jährige, er stelle sich dabei ohne Rücksicht die Fragen: „Gibt es jemanden, der nicht das gleiche Energielevel hat, nicht mehr die gleiche Motivation, nicht mehr den gleichen Spaß an der Arbeit?“ Solange seine Antwort „nein“ lautet, ist bei Mercedes noch Hoffnung. Jede Nacht endet, und die Sonne geht dann wieder auf.

So kennt das auch Lewis Hamilton, der sich erinnerte, ein ähnlich bockiges Auto wie den Mercedes W13 schon gefahren zu haben: den McLaren MP4-24 aus der Saison 2009. Damals erreichte Hamilton als Weltmeister in der ersten Saisonhälfte nur dreimal die Punkteränge – es war ebenfalls ein technisches Manko, die Ingenieure hatten den Kniff mit dem Doppeldiffusor verschlafen. „Das Auto war weit, weit weg und eines der schlechtesten Autos, die ich je hatte“, erzählte Hamilton, der aktuelle Mercedes sei aber „nicht weit weg von dieser Erfahrung“. Das könnte sich ja noch ändern.