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Deißlingen Der Moment, in dem man loslassen muss

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Fotos: Cools Foto: Schwarzwälder Bote

Matthias Pickhardt atmet noch einmal tief durch. Dann richtet er den Bogen aus und fokussiert das Ziel. Er spannt die Sehne, führt sie dicht an sein Gesicht. In diesem Moment ist er völlig in die Situation versunken. Die Entfernung zur Scheibe beträgt 30 Meter. Seine Konzentration ist nur darauf fokussiert, diesen Schuss möglichst korrekt auszuführen.

Deißlingen. Dann der entscheidende Moment: Mit einem Mal lässt er die Sehne los – ein helles Sirren ertönt. Der Pfeil fliegt mit einer Geschwindigkeit von bis zu 60 Stundenkilometern durch die Luft und schlägt ein Stück unterhalb der Mitte ein. Ein guter Schuss, aber das geht noch besser. Matthias Pickhardt nimmt bereits den zweiten Pfeil aus dem Köcher und legt an. "Der Weg ist das Ziel", sagt der 56-jährige Deißlinger.

Begonnen hat sein Weg zum erfolgreichen Bogenschützen 2011 genau dort, wo er jetzt steht: auf der Wiese hinter seinem Haus auf den Deißlinger Heiligenhöfen. Ums Treffen ging es ihm von Anfang an nicht. "Ich mag das Gefühl einfach", sagt der ursprünglich aus Nordhessen Stammende, auch wenn bei diesem "Just-for-fun-Schießen" mit einem Freund dann doch mal der Ehrgeiz entstand, die Scheibe zu treffen. "Da musste ich wirklich viele Pfeile in der Wiese suchen", erinnert sich Pickhardt lachend.

Je häufiger er übte, desto mehr spürte er, welche Auswirkungen der Sport auf ihn hat. "Beim Bogenschießen muss man loslassen. Man darf an nichts denken, muss sich nur auf diesen Schuss konzentrieren. Nach dem Training habe ich immer einen ganz leeren Kopf. Das ist die Art, wie ich am besten abschalten kann."

In Afrika wird er Weltmeister

2012 begann er, beim Bogenclub in Villingen-Schwenningen zu trainieren. In Deutschland gibt es zwei Verbände, in denen man starten kann. Pickhardt ist in beiden aktiv, zieht aber den Deutschen Feldbogen-Sportverband vor. "Ich sehe mich mehr als Breiten- denn als Leistungssportler." Schwer zu glauben bei einem Karton voller Medaillen und etlichen, auch internationalen Titeln. "Auf die war ich nie aus. Viel schöner ist es, bei den Wettbewerben oft die gleichen Leute zu treffen. Auch wenn jeder für seinen eigenen Pfeil verantwortlich ist, ist es doch auch Teamsport", meint Pickhardt.

Zum ersten Wettbewerb, der Kreismeisterschaft, trat er 2013 an. Wie er da abgeschnitten hat? "Puh, das weiß ich gar nicht mehr. Aber es klingt beeindruckender als es war. Wir waren nur zehn bis 14 Schützen in meiner Altersklasse", so der Deißlinger. Was dann folgte, war eine Reihe von hochklassigen Auszeichnungen.

2014 wurde Matthias Pickhardt das erste Mal deutscher Meister. Nach einer Drittplatzierung im Jahr darauf sicherte er sich von 2016 bis 2019 ununterbrochen den Meistertitel. Vor zwei Jahren wagte er dann den großen Schritt: Er holte bei der Europameisterschaft in Ungarn, seinem ersten internationalen Wettbewerb, den Sieg und setzte sich in den Disziplinen "3 D" und in der Halle gegen 16 weiteren Bogenschützen aus aller Welt durch. Im Bereich "Feld und Jagd" wurde er Vize-Europameister.

Doch es kam noch besser: Im Oktober 2018 reiste er nach Afrika und wurde in der Disziplin Klassischer Recurve-Bogen in seiner Altersklasse Weltmeister.

Vergangenes Jahr trat Pickhardt bei der EM in Holland an und belegte den fünften Platz. "Da war ich nicht gut im Training, weil ich parallel meine Ausbildung zum Sachverständigen absolviert habe", sagt Pickhardt. Mittlerweile trainiert er in Bad Dürrheim. Im kommenden März geht es für den 56-Jährigen nach Dublin zur Europameisterschaft.

Zwischendrin fand er noch die Zeit, 2016 den Trainerschein zu machen. Wenn ein Wettkampf ansteht, dann trainiert er in der heißen Phase bis zu drei Mal pro Tag – und das nicht nur körperlich. "Das Mentale darf man nicht vernachlässigen."

Seine "Übungen" in der Mittagspause hätten aber zugegebenermaßen schon etwas seltsam ausgesehen, gibt der Sportler lachend zu. "Dann gehe ich den Schussablauf vor meinem geistigen Auge durch und mache dann eben Trockenübungen ohne Pfeil und Bogen."

Balance zwischen Technik und Kraft

Zuschauer hat er dabei nun nicht mehr. Nach 22 Jahren im öffentlichen Dienst hat sich der Hochbaumeister und Betriebswirt des Handwerks vor fast einem Jahr als Bausachverständiger selbstständig gemacht. Zudem ist er Dozent an der Handwerksakademie in Rottweil.

Was nur wenige wissen: Ein Bogenschieß-Wettbewerb kann je nach Disziplin bis zu acht Stunden lang sein und verlangt dem Körper einiges ab. "Bei einer Meisterschaft muss man in vier Minuten fünf Schüsse abgeben – und das zwölf Mal hintereinander. Da muss man psychisch und physisch absolut fit sein", erklärt Pickhardt. Bei 120 Pfeilen pro Tag und einem Bogen mit einem Zuggewicht von 22 Kilogramm ziehe man dann gut und gerne 2,2 Tonnen pro Wettbewerbstag.

"Beim Feldbogen ist es noch extremer", weiß Pickhardt. Da sei man im Parcours unterwegs, schieße je vier Pfeile auf 28 Scheiben ab und müsse auf dem Weg zu den einzelnen Zielen insgesamt zwischen acht und 15 Kilometern zurücklegen. "Wenn man fünf Tage hintereinander bis zu neun Stunden mit dem Bogen schießt und pro Tag 2500 bis 3000 Kilogramm zieht, ist das schon heftig."

Matthias Pickhardt schießt am liebsten in der Halle. "Da habe ich immer dieselben Bedingungen und bekomme sofort Rückmeldung dazu, was ich falsch gemacht habe." Seine Ziele für die Zukunft? "Ich will einfach so lange weitermachen, wie es möglich ist." Der älteste Bogenschütze, den er kennt, ist 87 Jahre alt. Da könnte es gut sein, dass der Deißlinger gerade erst am Anfang einer erfolgreiche Karriere steht.

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