Seit 20 Jahren leben die Eberweins im Hermann-Hesse-Haus auf der Höri am Bodensee. Eine wechselvolle Geschichte, die inzwischen schon selbst Romanformat angenommen hat.
Als sie das Haus vor 20 Jahren kauften, schlug die lokale Zeitung erst einmal Alarm: „Bonner Politiker kauft Hesse-Haus“, lautete die Überschrift. Und sie klang nach viel Ärger in einer Gegend, in der man es gerne ruhig hat. Die Wellen der Aufregung haben sich längst gelegt, denn Eva und Bernd Eberwein benötigen keine Leibwächter und feiern auch keine wilden Wahlpartys. In zwei Jahrzehnten sanierten sie den Sitz des schwäbischen Schriftstellers und öffnen ihn im Sommerhalbjahr für alle Freunde von Natur und Garten.
Das Gerücht vom „Bonner Politiker“ konnte schnell entkräftet werden: Dr. Eberwein war damals Geschäftsführer beim Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller, und der saß nun einmal in der damaligen Hauptstadt. Politiker war er nie, sondern Pharmazeut, inzwischen außer Diensten.
Die Muße als Ruheständler benötigte das Ehepaar auch. Denn Hesses Refugium war heruntergekommen. Leitungen lose, Tapeten flatterten von der Wand. „Ein jämmerlicher Zustand“, erinnert sich Eva Eberwein. Also trommelten sie Handwerker zusammen, die das Anwesen mit den grünen Fensterläden auf Vordermann brachten.
2000 Quadratmeter Grünland
„Wir hatten eine Vision“, sagt Eva Eberwein. Sie strebten keine historische Rekonstruktion an, dafür fehlen die originalen Exponate. Vielmehr wollten sie das Anwesen wieder für die Öffentlichkeit erschließen. Führungen durch ausgewählte Räume, die man wie im Schloss mit dicken Pantoffeln betritt, waren das eine. Das andere war der Garten, in dem Kraut und Rüben hausten.
Eva Eberwein, glücklicherweise Biologin, stellte das Grünland des 2000 Quadratmeter großen Grundstücks wieder her. Auch hier zeigte ihre Beharrlichkeit irgendwann Früchte: Sie fand eine Skizze aus der Hand von Hermann Hesse, in der er die Gartenanlage präzise gezeichnet hatte. Jede Rabatte, jede Kastanie war vermerkt. Sie nahm die Skizze und setzte sie zwiebelweise um. Heute kommen viele Besucher vor allem wegen des gepflegt wuchernden Bauerngartens.
Ungeniert im Schilf
Hermann Hesse zog mit seiner Frau Mia 1904 auf die Hintere Höri – damals einer der ruhigsten Flecken des Deutschen Reiches. Fünf Jahre hielt er es aus, dann suchte er das Weite. Die Abgeschiedenheit, die ihn an den westlichen Bodensee gezogen hatte, stieß ihn ab. Die Leute vom Dorf blieben ihm fremd – und umgekehrt. Hesse war Anhänger der Lebensreform. Zwischen Schilf und See bewegte er sich ungeniert und unbekleidet – was die Gaienhofener irritierte. Der Bodensee war für sie ein Wirtschaftsraum, keine Projektionsfläche für Leibesübungen und Freikörperkultur.
Familie Hesse mietete sich zunächst in einem alten Bauernhaus ein. Niedrige Decke, schiefe Böden, Kapelle, Brunnen vor dem Haus – eine Szenerie wie aus einer Novelle. Im ehemaligen Bauernhaus ist heute das Hesse-Museum, das die Gemeinde betreibt. 1907 baute sich die Familie dann ein eigenes Nest. Billiges Land. Hesse schreibt: „Ich glaube, der Quadratmeter kostete etwa 2 bis 3 Groschen.“ Mia hatte in der Schweiz geerbt, so konnte sie das zweistöckige Haus bezahlen, dessen Architektur den Linien der Lebensreform gehorcht. Es strahlt bis heute bürgerliche Behaglichkeit aus. Die Söhne Bruno, Heiner und Martin verlebten hier ihre frühen Jahre. Zwei graue Teddybären erinnern bis heute an Dichters Kinderstube.
Die Eberweins betreiben kein Museum, energisch lehnt sie dieses Wort ab. „Das ist ein belebtes Haus“, sagt die Hausherrin. Um privates Wohnen und die literarische Stätte unter einen Hut zu bringen, hat das Ehepaar das Haus in der Horizontalen geteilt. Unten sind die Schauräume für Essen, Wohnen und das reformierte Kochen. Oben wohnen die Eberweins und schauen von der Bibliothek Hesses ins saftige Grün des Gartens.
Der Kauf als Rettungsaktion
Zum Patron des Anwesens haben die beiden ein recht nüchternes Verhältnis. Sie sind weder Literaten noch Museumsleute. „Ich bin kein Hesse-Fan“, bekennt Eva Eberwein. Am nächsten komme sie dem Nobelpreisträger für Literatur (1946) in seiner erkennbaren Liebe für das Gärtnern. Sie wurde beim Kauf des verlotterten Anwesens von einem stillen Ehrgeiz angetrieben. Es sollte nicht an die „falschen Leute“ geraten. Sie wiederholt: „nicht an die falschen Leute“.
Gaienhofen kannte sie gut. Als Kind hatte sie viele Sommer am damals noch ruhigen Bodensee verbracht. Der Großvater war Wirt im Gasthaus Deutscher Kaiser. Die „falschen Leute“, die man auf der Höri ebenso fürchtet wie am Überlinger Ufer oder in Ludwigshafen sind Unternehmer, die begehrte Grundstücke kaufen, alte Einfamilienhäuser abreißen und durch blockige Dreistöcker ersetzen, die dann in den Prospekten als Residenzen am See angepriesen werden.
Der Club um den toten Dichter ist vital
Das Hermann-Hesse-Haus ist längst saniert. Doch die Nachverdichtung, wie der Prozess der baulichen Konzentration harmlos heißt, schreitet weiter voran. Eberweins sehen das mit Sorge. Sie fragen sich: Welchen Sinn hat ein Dichterhaus in einer zunehmend verstädterten Gegend? Der Spätromantiker Hesse, ohnehin ein Sensibelchen vor dem Herrn, wäre vermutlich geflohen. Wo das Dorf einst ein Ruhepunkt war, zwängen sich heute SUV und Porsche aneinander vorbei. Umgekehrt wurde auch den Verwaltern des Hesse-Domizils unterstellt, sie würden Unruhe in die begehrte Hanglage tragen. Obwohl Gaienhofen gern mit seinem literarischen Schatz wirbt, soll dieser keinen Krach mit sich bringen. Aber der Club um den toten Dichter ist vital, er kommt zu Fuß oder mit dem Rad den Berg hoch und will seinen Hesse sehen – zum Leid von manchen Anwohnern, die sich in ihrer Behaglichkeit gestört sehen.
Das Leben mit einem prominenten Autor ist nicht leicht. Eva Eberwein seufzt. Es gipfelte alles in einer Auseinandersetzung um Lärm, den Literaturpilger angeblich auf den gekiesten Wegen verursachen. Zwei Jahre dauerte das Verfahren, Hermann Hesse hat gewonnen. Eva Eberwein geht so schnell keinem Streit aus dem Wege.
Und das Positive? Das Ehepaar hat etwas geschafft, hat Kultur bewahrt. Die beiden erhalten aus eigenen Mitteln einen geistigen Standort, der vielen Menschen etwas bedeutet. Auch wenn mancher Germanist Hesse als sentimental abtut: Der Mann hat seine Fans.
Silver Hesse kommt manchmal zu Besuch
„Wir bekommen immer wieder Dankesbriefe von Menschen, die hier waren“, berichtet Eva Eberwein. Eine Frau schrieb: „Am liebsten würde ich in Ihrem Haus bleiben. Genauso will ich leben.“ Es geht hier nicht nur um gute Romane und eine existenzielle Spurensuche in Werken wie dem „Steppenwolf“. Wer durch die maßvollen Zimmer des Hauses schlendert, ertappt sich bei der Frage: Was brauche ich zum Leben? Wie groß muss ein Raum sein, ein Regal, eine Küche? Eva Eberwein sagt: „Viele erkennen hier eine Wohnform wieder. So haben sie früher gelebt. Diese Kultur halten wir vor und zeigen sie.“
Als Gralshüter von Hesses Schriften sah sich das Paar nie. Die Originale sind ohnehin woanders, sie lagern im Literaturarchiv Marbach. Dass sie das meiste richtig machen, zeigen ihnen die Nachfahren des Schriftstellers. Die Enkel schätzen das Haus auf der Höri sehr. Silver Hesse, Sprecher der Enkel, kommt immer wieder zu Besuch. Neben dem Museo Hermann Hesse in Montagnola (Tessin) stellt das Haus in Gaienhofen den zweiten wahrhaftigen Hesse-Erlebnisort dar.
Dichterkult ist kein Thema
Von ihren Begegnungen mit den Nachkommen erzählt Eva Eberwein gerne: „Am Anfang waren sie reserviert.“ Was würden die neuen Eigentümer mit dem Besitz machen? Sie hätten ja auch einen Whirlpool in den Garten setzen können oder den grünen Kachelofen herausreißen lassen. Dann sahen die Enkel, dass hier sorgsam gewirtschaftet wird. Wenn sie Spielzeug aus der Gaienhofener Zeit auf ihren Dachböden finden, bringen sie es mit. Der Geist des Hauses gefällt ihnen wohl.
Dichterkult ist hier kein Thema. Wer den Kultautor seiner Zeit lesen will, möge es tun. Heldenverehrung findet nicht statt, dafür stehen auch kritische Bücher über Hermann Hesse in den Regalen. Die Eberweins haben keine Hessebüste platziert, dafür steht ein zierlicher Bronzekopf im Garten. Er stellt Mia Hesse dar, die lange genug als neurotischer Schatten des bewunderten Autors bewertet war. Eva Eberwein lässt das nicht gelten, sie sieht das Scheitern der Ehe auf beiden Seiten.